Kost und Logis

In Lichterfelde entsteht ein Hotel mit Knastvergangenheit

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Janina Atmadi im Lichthof des neuen Eventhotels. 

Janina Atmadi im Lichthof des neuen Eventhotels. 

Foto: Joerg Krauthoefer / FUNKE Foto Services

Im ehemaligen Gefängnis in Lichterfelde entsteht das Hotel „The Knast“ mit Restaurant und Raum für Kultur.

Wenn Bubi Scholz in seiner Zeit als Freigänger Mitte der 80er-Jahre das Eingangsportal an der Söhtstraße 7 in Lichterfelde passierte, soll er sich zuvor regelmäßig mit diversen Alkoholika am Imbiss um die Ecke eingedeckt haben. Anders als der einstige Box-Europameister, der zuvor im Vollrausch seine Frau erschossen hatte und deshalb zu einer dreijährigen Haftstrafe verurteilt worden war, müssen sich die zukünftigen Gäste des ehemaligen Gefängnisses keine Gedanken um die Versorgung mit Spirituosen und anderen kulinarischen Luxusgütern machen. Im Spätsommer 2021 soll das Gebäude hinter dem Amtsgericht Lichterfelde, das zwischen 1903 und 1905 im Stil der Neo-Renaissance errichtet wurde und von 1906 bis 2010 als Haftanstalt diente, als gehobenes Hotel „The Knast“ inklusive Restaurant wiedereröffnet werden.

In dieser Woche feierten Inhaber Joachim Köhrich und Geschäftsführerin Janina Atmadi mit dem Aufsetzen der neuen Turmkappe den Abschluss der äußerlichen Umbauphase, bei der seit zwei Jahren unter Beachtung aller Denkmalschutz-Auflagen die Außenfassade, das Dach, die Fenster und sogar die Gitter aufwendig saniert wurden.

Hotel „The Knast“ als neuer Genuss- und Kulturort

Gemeinsam hat das Paar bereits die Heckmann-Höfe an der Oranienburger Straße in Mitte zu neuem Leben erweckt und dort 2019 das Fine-Dining-Restaurant „The NoName“ eröffnet. Nun wollen sie das geschichtsträchtige Gebäude als neuen Genuss- und Kulturort etablieren. Aus Gründen des Denkmalschutzes werden nur die Zellen im ehemaligen Frauentrakt zu zwölf bis 15 Luxussuiten zusammengelegt, der Rest des Hauses muss baulich unverändert bleiben. Hier entstehen Gastronomie, Konferenzräume und Lounges.

Das Restaurant soll sich zukünftig in der ehemaligen Wohnung des Aufsehers, die Bar im Kuppelsaal befinden, der einst als Gebetsraum mit einem großen Kruzifix und einem Altar ausgestattet war. Daneben soll auch Platz für Lesungen und Kunst sein. Bereits am 7. und 22. November findet in den kargen Gefängnismauern der Opernabend „Nachts im Knast“ mit dem Ensemble Burlone dell’Opera, bestehend aus Sängerinnen und Sängern der Staatsoper Unter den Linden statt.

2010 wurde der letzte Häftling entlassen

Mit der Inneneinrichtung für Hotel und Gastronomie wurde die Berliner Agentur White Kitchen beauftragt. Noch allerdings lässt sich vom zukünftigen Luxus wenig erahnen. Stattdessen sorgen der lange Lichthof und Gänge mit dicht an dicht aufgereihten Zellentüren für ein beklemmendes Gefühl. Davor schwere Schlösser. Um die zu öffnen, braucht es einen fast komödiantisch großen Schlüssel.

68 Zellen befinden sich in dem Gebäude, je nach Auslastung belegt mit bis zu 200 Gefangenen. Kindsmörderinnen, Drogenschmuggler, schwarze Witwen, Tagediebe. Wer besonders widerspenstig war, kam in die beengte Isolierzelle, die bis heute erhalten ist – inklusive Toilette, Waschmöglichkeit, Pritsche und einem Podest aus nacktem Zement, um sich hinzusetzen. Eine Ausstellung soll zukünftig von den Geschichten der Häftlinge und des Hauses erzählen. Das Gefängnis ist regelmäßig im Rahmen des Tages des offenen Denkmals zu besichtigen.

Seit 2010 der letzte Insasse auszog, stand das Gebäude erst einmal leer. Alle Kabel und Heizungen mussten deshalb für den Neustart grunderneuert werden. In der Zwischenzeit wurden die Atmosphäre und die gut erhaltene Bausubstanz häufig als Filmkulisse genutzt. Til Schweiger drehte hier, ebenso wie Moritz Bleibtreu und George Clooney . Zuletzt war „The Knast“ prominent in der ersten Staffel der Erfolgsserie „Babylon Berlin“ zu sehen. Alle Gefängnisszenen entstanden hier, mit Ausnahme der Außenaufnahmen, die vor dem ehemaligen Zellengefängnis Moabit in der Lehrter Straße gedreht wurden.