Berliner Museen

Plötzlich ist es hell

Das Brücke-Museum in Dahlem kombiniert in der Ausstellung „Bonzo’ s Dream“ Expressionismus mit zeitgenössischer Kunst von Vivian Suter.

Endlich fällt Licht von oben ins Brücke-Museum – und die Arbeiten von Vivian Suter scheinen zu schweben.

Endlich fällt Licht von oben ins Brücke-Museum – und die Arbeiten von Vivian Suter scheinen zu schweben.

Foto: Vivian Suter / Brücke Museum

Berlin. Das Ergebnis ist großartig: Erstmals seit ­vielen Jahren fällt wieder Tageslicht in das Brücke-Museum. Zurückgeschoben ist die Verkleidung der Oberlichter über den Außenwänden, und nun spielt die Sonne auf Boden und Wänden. Plötzlich wirkt der ockerfarbene Kokosteppich fast golden, hoch und licht der flache Bau von Werner Düttmann, der bis 1967 am Dahlemer Bussardsteig errichtet wurde. Bodentiefe Fenster geben nun den Blick in den grünen ­Innenhof und den Garten mit ­seinen Kiefern und Kastanien frei. Zum Verweilen laden niedrige Sessel mit charmanter Patina ein. Das lang verstaubt wirkende Museum ist wieder Wohnhaus und mehr noch: ein Ort der Begegnung.

Anlass für die Reform war die ­aktuelle Einzelausstellung von Vivian Suter, ­„Bonzo’s Dream“, die erste Schau mit zeitgenössischer Kunst unter dem Dach des Brücke-Museums. Suters Gemälde auf ungerahmter Leinwand sind im tropi­schen Garten der Künstlerin in Guatemala entstanden und vertragen Tageslicht, anders als die Klassiker der Brücke-Künstler. Die Gemälde von Pechstein, Heckel, Schmidt-Rottluff & Co. dagegen hängen nun an den weiterhin schattigen ­Wänden zum Innenhof der Villa. Und das ist die zweite Besonderheit dieser Ausstellung: Sie kombiniert Suters halb abstrakte ­Malerei mit Werken der expressionistischen Brücke-Künstler.

Brücke-Museum: Als habe Vivian Suter mit ihren Pflanzen Schattenspiele betrieben

Die Auswahl der Beispiele aus der Museumssammlung hat noch Suters Mutter, die Künstlerin Elisabeth Wild, getroffen. Neben Gemälden hat sie auch dicke Wollteppiche ausgewählt, von Künstlerinnen wie Emy Schmidt-Rottluff nach Entwürfen der Brücke-Männer geknüpft, und Objekte wie ein handgeschnitztes Schachspiel. Die Brücke-Künstler waren Anti-Akademiker: Malerei und Gestaltung gehörten bei ihnen bereits zusammen, ehe das Bauhaus Programm daraus machte. Und auch Elisabeth Wild, im Februar 98-jährig in Guatemala verstorben, ist in der ungewöhnlichen Schau vertreten: mit ihren kleinen Collagen in der Tradition des Surrealismus, die wie Suters Gemälde auf der 14. Documenta in Athen zu sehen waren.

Die großen Leinwände der 1949 ­geborenen Vivian Suter dagegen hängen frei im Raum: an Holzlatten, diagonal, längs oder quer. Mal lenken sie den Blick auf ein ­Fenster oder ein Bild der ­Expressionisten, mal schieben sie sich davor. Wenn die ­Besucher vorsichtig zwischen ihnen hindurchgehen, schwanken sie sacht im Luftzug – der dünne Auftrag von Farben in eher gedeckten Töne beschwert sie kaum. Hier schimmert der Umriss eines Hundes auf, da haben Erdkrumen und Regen die Leinwand strukturiert, dort schwebt ein blauer Zweig mit großen Blättern vorbei, als habe Suter mit ihren Gartenpflanzen Schattenspiele betrieben. Und dann knallt doch überraschend ein kräftiges Rot ins Auge.

Lisa Marei Schmidt leitet seit 2017 das Museum

Verantwortlich für die Verjüngung des ­Museums ist Lisa Marei Schmidt, die Kuratorin am Hamburger Bahnhof war und 2017 die Leitung des Hauses von der langjährigen Direktorin Magdalena M. Möller übernahm. Die 1978 im Rheinland geborene Kunsthistorikerin geht die Brücke-­Künstler wissenschaftlich und zugleich unterhaltsam an. Zeigte ihre erste Ausstellung die Originalhängung der Bilder und -einrichtung der Villa, die Werner Düttmann in enger Absprache mit Karl Schmidt-Rottluff errichtete, widmete sich eine andere den Brücke-Mitgliedern im Nationalsozialismus, eine dritte den Bilder­rahmen samt ­Provenienz-Vermerken. Schmidt hat zudem über Drittmittel zwei zusätzliche Stellen für das landesgeförderte Museum schaffen können. In ihre Amtszeit fällt auch die Fertigstellung des neuen Wegs, der das Museum besser an das benachbarte Kunsthaus Dahlem mit dem Café anbindet.

Ein Besuch gegenüber lohnt, gerade weil das 1942 fertig gestellte ehemalige Staatsatelier des Bildhauers Arno Breker ganz auf diesen Vorzeigekünstler der Natio­nalsozialisten und seine Riesenformate ausgerichtet ist. Wer hier hineingeschaut hat, weiß danach die demokratische Offenheit und geradezu Bonner Bescheidenheit von Werner Düttmanns Gartenvilla umso mehr zu schätzen. Die nächste Ausstellung im kommenden Jahr gilt dem Architekten selbst: Im März 2021 wäre Düttmann 100 Jahre alt geworden.

Brücke-Museum, Bussardsteig 9, Dahlem, Mi.–Mo., 11–17 Uhr; 6, erm. 4 Euro, bis 18 J. frei, bis 14.2.2021, Zeitfenster-Tickets unter www.bruecke-museum.de