Kunst

Schwanenwerder: „Ein wahrhaft inspirierender Ort“

Das vor einem Jahr eröffnete Künstlerhaus ermöglicht Frauen, ihre Ideen zu verwirklichen. Gabriele Stötzer war vier Monate Stipendiatin

Die Erfurter Künstlerin Gabriele Stötzer beschäftigt sich immer wieder mit Porträts.

Die Erfurter Künstlerin Gabriele Stötzer beschäftigt sich immer wieder mit Porträts.

Foto: Katrin Lange

Berlin. Als Gabriele Stötzer zum ersten Mal die Tür zum Künstlerhaus auf Schwanenwerder aufschloss und in das offene Atelier trat, konnte sie ihr Glück kaum fassen. Durch die großen Glasscheiben sah sie die Wellen der Havel und überall kleine und große Segelboote. „Ich habe den Blick gesehen und angefangen, zu weinen“, sagt die Künstlerin. Nie habe sie gedacht, dass ihr so etwas Schönes widerfahren könnte.

Es gab Monate, da hat sie überhaupt keinen Himmel gesehen. In der DDR saß Gabriele Stötzer 1977 wegen Staatsverleumdung ein Jahr lang im Frauenzuchthaus Hoheneck, mit 30 Frauen in einem „Verwahrungsraum“, Mörderinnen, Bankräuberinnen, Schlägerinnen, drei Betten übereinander. „Diese Zeit hat mir den Schleier weggezogen“, sagt die 67-Jährige. Und den Blick geschärft für die Kraft und Leidenschaft von Frauen, für die Kunst und die Gerechtigkeit. Und für die schönen Momente im Leben, wie ihre Zeit auf Schwanenwerder.

Stiftung fördert das Projekt „Künstlerinnen in residence“

Während sie von ihren ersten Eindrücken erzählt, sitzt sie in ihrem Sessel, der mittlerweile ihr Stammplatz geworden ist – mit Blick auf das Wasser. Die Künstlerin aus Erfurt ist nach der Lyrikerin und Bildhauerin Monika Müller-Klug aus Niedersachsen die zweite Stipendiatin an der Inselstraße 2a.

Genau vor einem Jahr wurde das Künstlerhaus auf Schwanenwerder im Beisein von 200 Gästen eröffnet. Hier können Künstlerinnen aus aller Welt leben und arbeiten und ihre Werke öffentlich ausstellen. Für die Förderung des internationalen Projekts „Künstlerinnen in residence“ hat die Hamburger Bildhauerin Franziska Seifert mit ihrem Mann Tim Cordts die gemeinnützige Stiftung „Cordts Art Foundation“ gegründet. Mit ihrer Stiftung ermöglichen sie es Frauen, auf Schwanenwerder jeweils zwei bis zehn Monate ungestört ihre Ideen zu verwirklichen.

Gabriele Stötzer ist vier Monate Stipendiatin

Am 1. Juni begann für Gabriele Stötzer ihr viermonatiger Aufenthalt als Stipendiatin, den sie fast jeden Morgen mit einem Bad in der Havel begann. In der ersten Nacht habe sie Hoheneck wieder vor Augen gehabt, erzählt die Künstlerin. Und nach einem Inselrundgang am zweiten Tag, vorbei an all den pompösen Villen und hypermodernen Bauten, hätte sie das Gefühl beschlichen, nicht hierher zu gehören, nicht zu den Reichen auf der Insel. Doch dann hat sie beschlossen, es anzunehmen, den Ort, den Freiraum, das Haus und den Garten. „Den ersten Monat habe ich dann erst einmal genossen“, sagt sie. Was natürlich nicht heißt, dass sie nur aufs Wasser geschaut hat. Sie ist in ihre Vergangenheit zurückgegangen, hat in Berlin Leute von früher aufgesucht und an ihrem Buch „Der lange Arm der Stasi“, das demnächst im Leipziger Spector-Verlag erscheint, gearbeitet.

Die Erfurterin lässt sich nicht auf eine einzelne Kunstform reduzieren. Malerei, Fotografie, Filme, Bildhauerei, Performance, Prosa – in fast allen Bereichen hat sie schon einmal gearbeitet. Auf Schwanenwerder sind neue Porträtserien entstanden, unter anderen auch von ihrem Nachbarn, dem ehemaligen Polizeipräsidenten Georg Schertz und seiner Frau. Die Inspiration geht wie vieles in ihrem künstlerischen Schaffen auf die Gefängniszeit zurück. Ähnlich wie die Häftlinge, die von drei Seiten abgelichtet werden, hat sie die Porträtarbeiten angelegt. Drei Bilder: das erste ein Foto, das zweite das übermalte Foto und das dritte nur noch die Zeichnung.

Sie hat aber auch eine Arbeit aus ihrer Jugend wieder aufgegriffen. „Die Abwicklung“ heißt das Leporello, das 1983 entstanden ist. Dafür hat sie ihren nackten Körper mit Ketchup angemalt und sich an einer mit Papier bespannten Wand entlanggerollt. Die verschiedenen Muster an der Wand sollten zeigen: Ich bin da, immer und überall. Damals war es als Appell an die Stasi gerichtet, die sie isolieren und in die Einsamkeit drängen wollte. Nach mehr als 40 Jahren hat sie diese Aktion wiederholt, die Fotoserie „Abwicklung neu 2020“ ist entstanden.

In ihrer Abschlussausstellung, die nur an diesem Sonntag im Künstlerhaus zu sehen sein wird, zeigt Gabriele Stötzer aber auch Skizzen in schwarz-weiß, darunter vom Wasser und den Booten, und Porträts von Menschen, die sie besucht haben. „Ich habe viele eingeladen, um mit dem schönen Blick anzugeben“, sagt sie und lacht. Sie wollte es den anderen gönnen, sich auch einmal so gut zu fühlen. „Es ist ein wahrhaft außergewöhnlich inspirierender Ort“, sagt Gabriele Stötzer. Er sei vollkommen, alles sei da und eigentlich werde sie hier nicht gebraucht. Aber genau das rege sie an, „etwas dazu zu geben“. In der DDR sei es genau andersherum gewesen. Dort habe man aus dem nichts etwas eigenes erschaffen müssen.

Gefängnisstrafe wegen Biermann-Ausbürgerung

Ins Gefängnis ist die Künstlerin gekommen, weil sie gegen die Biermann-Ausbürgerin Unterschriften gesammelt hat. Sie war im letzten Studienjahr, Kunst und Deutsch auf Lehramt. Statt ihr Studium zu beenden, kam sie erst in Untersuchungshaft, dann nach Hoheneck, wo die meisten „Politischen“ waren. Doch in den Westen abgeschoben zu werden, war für sie nie eine Option. Als sie aus dem Gefängnis in die DDR entlassen wurde, stand für sie fest: „Ich mache Kunst, das versteht die Stasi nicht so schnell.“

Die Arbeiten von Gabriele Stötzer sind am 4. Oktober, ab 12 Uhr, im Künstlerhaus Schwanenwerder, Inselstraße 2a zu sehen. Ab 11.30 Uhr ist ein Shuttleservice von der S-Bahn-Station Nikolassee eingerichtet. Um Anmeldung wird gebeten unter: benedix@cordts-stiftung.de

„Werk und Fortsetzung – Gabriele Stötzer und Paula Gehrmann“, 3. Oktober bis 31. Oktober in der Galerie Eigenheim Berlin, Kantstraße 28, Vernissage 3. Oktober, ab 19 Uhr.