Bibliothek

Wie sich die Stadtbibliothek fit für die Zukunft macht

Die Digitalisierung ist auch in Büchereien angekommen. Mit einem Entwicklungsplan will Steglitz-Zehlendorf die Standorte neu aufstellen

Lange Bücherregale wird es auch künftig in der Ingeborg-Drewitz-Bibliothek im Einkaufszentrum „Das Schloss“ in Steglitz geben.

Lange Bücherregale wird es auch künftig in der Ingeborg-Drewitz-Bibliothek im Einkaufszentrum „Das Schloss“ in Steglitz geben.

Foto: Christian Kielmann

Früher trug die Bibliothekarin einen Dutt und sie wusste, wo das Wissen steht. Jeder musste an ihr vorbei. So beschreibt Jens Gehring, Leiter des Fachbereichs Bibliotheken in Steglitz-Zehlendorf, eine Zeit, die vorbei ist. Lange Bücherregale, Lektüre, Stille – das ist heute nur noch ein Aspekt des Büchereiwesens. So wie die Bibliothekare ihr Alleinstellungsmerkmal verloren haben, wird der Raum zwischen den Regalen längst nicht mehr nur zum Lesen genutzt.

„Hier wird gespielt, gelernt, gesungen und getanzt, und das alles unter einem Dach“, sagt der Fachbereichsleiter. Mit einem Bibliotheksentwicklungsplan, den er im Kulturausschuss vorgestellt hat, soll die Stadtbibliothek mit ihren drei Standorten im Südwesten in die Zukunft geführt werden.

Bibliothek wird Arena für kulturelle Aktivitäten

„Der Durchbruch des Internets vor etwa 20 Jahren hat die Basis der Bibliotheken verändert“, sagt Jens Gehring. Die Aufgabe, Zugang zu Informationen zu schaffen, habe an Bedeutung verloren. Digitalisierung und gesellschaftlicher Wandel erforderten nun eine Neuausrichtung der Bibliotheken. Der Fokus liege heute vielmehr auf Aspekten wie Studieren, Arbeiten, Erleben, Schaffen, Lernen, Treffen und Spielen. „Die Bibliothek wird eine Arena für kulturelle Erlebnisse und Aktivitäten werden“, so Gehring. Für Bibliothekare sei das eine große Herausforderung.

Bibliothek ist das dritte Wohnzimmer

Wie so eine Arena künftig ausgestaltet werden könnte, hat sich der Fachbereichsleiter in anderen Ländern, darunter in Dänemark, angesehen. Sitzecken, viel Grün, Vorhänge als Raumteiler, Rückzugsorte und dafür weniger Regale und Lektüre – so wurde das Konzept schon andernorts umgesetzt. „Die Bibliothek muss das dritte Wohnzimmer sein“, erläutert Jens Gehring. Das erste sei das Zuhause, das zweite die Schule oder die Arbeit.

Diesen dritten Ort wolle er jetzt schaffen. „Wir müssen die aktuellen Standorte überprüfen und nach den Wünschen der Nutzer umgestalten“, ergänzt Frank Mückisch (CDU), Bezirksstadtrat für Kultur. Die Frage sei auch, ob ein weiterer Standort in dem neuen Wohnquartier in Lichterfelde Süd gebraucht werde.

Konferenz einer Expertengruppe Mitte März

Allerdings ist der Entwicklungsplan für die Stadtbibliothek Steglitz-Zehlendorf im Zusammenhang mit allen Berliner Bibliotheken zu sehen. Eine Expertengruppe ist gerade dabei, die Ergebnisse von neun Arbeitsgemeinschaften auszuwerten, die sich mit der Zukunft der Berliner Bibliothekslandschaft beschäftigt haben. Darin ging es unter anderem um neue Berufsfelder, technische Dienste, Kulturangebote und Qualitätsentwicklung.

Mitte März sollen die neuen Erkenntnisse auf einer Konferenz in der Zitadelle Spandau vorgestellt werden. Ende April wird die finale Fassung des Berliner Bibliotheksentwicklungsplans erwartet. Dann könnte es auch in Steglitz-Zehlendorf an die Umsetzung gehen.

Höchste Ausleihzahlen in Berlin

Zur Stadtbibliothek Steglitz-Zehlendorf gehören drei Standorte: die Ingeborg-Drewitz-Bibliothek im Einkaufszentrum „Das Schloss“, die Gottfried-Benn-Bibliothek in Zehlendorf und die Stadtteilbibliothek Lankwitz. Täglich kommen 2000 Besucher – damit ist sie die besucherstärkste Stadtbibliothek in Berlin.

Im Vergleich der Bezirke liegt Steglitz-Zehlendorf auch bei der Zahl der Ausleihen an erster Stelle. Im Jahr 2019 wurden im Südwesten 2,5 Millionen Bücher, CDs, Filme und andere Medien entliehen. Schlusslicht ist Treptow-Köpenick mit etwas mehr als einer Millionen Ausleihen.

Mehr als 700.000 Kinder und Jugendliche nutzten die Stadtbibliothek im vergangenem Jahr, um sich Bücher mit nach Hause zu nehmen. Auch damit liegt Steglitz-Zehlendorf auf dem ersten Platz, gefolgt von Pankow mit 600.000 jugendlichen Besuchern, die etwas ausgeliehen haben. Schlusslichter sind Spandau und Marzahn-Hellersdorf mit etwas mehr als 200.000 jungen Nutzern.

Kinder, Erwachsene und Senioren sollen einen Ort bekommen

Aber auch in Steglitz-Zehlendorf würden die Ausleihzahlen langsam zurückgehen, sagt Jens Gehring. Darauf wolle er mit der Neuausrichtung reagieren. Kinder, die Lärm machen, Erwachsene, die lesen und Senioren, die ihre Ruhe haben wollen – sie alle sollen sich in der Bibliothek der Zukunft wiederfinden.