Stadtentwicklung

Unruhe im Kranoldkiez

Vor zwei Jahren hat Harald Huth ganze Häuserzeilen gekauft. Erste Veränderungen sind sichtbar, eine Bürgerinitiative will mitreden.

Rainer Frohloff auf dem Kranoldmarkt: Der ehemalige Ladeninhaber hat die Gründung einer Bürgerinitiative organisiert.

Rainer Frohloff auf dem Kranoldmarkt: Der ehemalige Ladeninhaber hat die Gründung einer Bürgerinitiative organisiert.

Foto: Katrin Lange

Berlin. In der Bahnhofspassage am Kranoldplatz in Lichterfelde Ost stehen fünf Läden leer. Verschwunden ist zum Beispiel das Reisebüro. Der Laden wird von einer Künstlergruppe aus dem Kiez zwischengenutzt – oder „bespielt“, wie es der Maler Joachim Dams nennt. Bis zum Jahresende läuft der Mietvertrag, solange darf der Leerstand nicht sichtbar sein. Dams, der sich als Künstler Bruno Jod nennt, ist zwar froh, seine Arbeiten in der Kunstgalerie zeigen zu können. Dennoch ist er richtig sauer. „Die ganze Gegend hier soll kaputt gemacht werden“, schimpft der Steglitzer.

Anders hört sich das nur eine Tür weiter an, in dem Geschäft „Die Abfüllerin“. „Wenn ich auf die Gerüchte hören würde, die im Umlauf sind, wäre das Haus hier schon abgerissen und mein Laden längst tot“, regt sich die Inhaberin auf. Dieses negative Gerede störe sie im Moment am meisten.

Harald Huth kaufte Ladenpassage und Gebäude am Kranoldplatz

Das Leben im Kranoldkiez ist aus den Fugen geraten, seit Harald Huth, Geschäftsführer der HGHI, vor mehr als zwei Jahren eine Ladenpassage und ein weiteres Gebäudeensemble am Kranoldplatz gekauft hat. Im September hat der Investor, der derzeit das Tegelquartier modernisiert, seine Pläne in Lichterfelde Ost vorgestellt. Huth erklärte, die Lebendigkeit und Kleinteiligkeit des Ortes erhalten zu wollen. Doch der privat betriebene Ferdinandmarkt wird nach mehr als 100 Jahren schließen. Die Fläche soll überdacht werden, um Platz für neue Läden zu schaffen.

Noch keine Kündigungen auf dem Ferdinandmarkt

Aber soweit ist es noch nicht. „Wir haben im Moment nicht vor, den Ferdinandmarkt kurzfristig zu kündigen“, erklärte Huth auf Anfrage der Morgenpost. Im Stellwerk, das bereits leer war, als die HGHI es gekauft hat, sollen Büros entstehen. Der Investor spricht von kleineren Umbauten und Verbesserungen, die er an den Gebäuden vornehme. Bei den neuen Mietverträgen halte er sich an Recht und Gesetz, einige Ladeninhaber hätten aber von sich aus aufgegeben.

Die Bewohner sind zwiegespalten: Auf der einen Seite sind die, die Angst um ihren Kiez, die kleinen Läden und die fast dörflichen Strukturen haben. Auf der anderen Seite gibt es jene, die sich freuen, dass etwas passiert und weiterentwickelt wird. Beide Interessen zusammenzuführen – das hat sich die neue „Bürgerinitiative Kranoldkiez“ vorgenommen.

Rainer Frohloff hat die Gründung, zu der kürzlich fast 200 Anwohner kamen, ins Rollen gebracht. „Ich halte die Bürgerinitiative für absolut notwendig, man kann nicht alles über sich ergehen lassen“, sagt der 68-Jährige, der Inhaber eines Fotoladens am Kranoldplatz war. Als Geschäftsmann kann er für beide Seiten Verständnis aufbringen. Er will keine Konfrontation, sondern mitreden, sich einbringen, einen Austausch.

Markthändler sind in zwei Klassen aufgeteilt

Rainer Frohloff hat an diesem kalten Vormittag vorgeschlagen, sich im Bäcker Walf zu treffen. Der ist beliebt – alle Plätze sind besetzt. Nur wenige Schritte weiter, bei einer Bäckereikette, gibt es freie Tische. Bei einem Cappuccino erzählt Frohloff, wie er die Lage im Kiez einschätzt, nachdem Harald Huth ganze Straßenzeilen erworben hat. Er erzählt von denen, die lange Mietverträge haben, und lieber nichts sagen wollen. Anderen sei schon gekündigt worden, bei einigen hätte sich die Miete verdoppelt, so dass sie aufgeben mussten.

Die Markthändler teilen sich derzeit in zwei Klassen: Die Händler auf dem bezirkseigenen Kranoldmarkt sind in Sicherheit, denn ihr Markt bleibt erhalten. Die Händler auf dem privaten Ferdinandmarkt hingegen müssen mit ihrer Kündigung rechnen, denn der Markt soll geschlossen werden. Harald Huth will großflächige Gewerberäume schaffen. Ein großer Lebensmittelmarkt und ein Drogeriemarkt sollen einziehen. Auf seine Bauvoranfrage hat er schon einen positiven Bescheid vom Bezirk.

Spreewald-Gemüsehändler ist seit 20 Jahren da

Seit mehr als 20 Jahren steht Familie Baronick aus dem Spreewald mit ihrem Gemüsestand auf dem Ferdinandmarkt. „Irgendwas wird passieren, aber eine Kündigung habe ich noch nicht bekommen“, sagt Christopher Baronick. Jeder würde was erzählen, davon bekomme er noch keine Magenschmerzen. Der Familienbetrieb baut in Burg alles an, was gerade Saison hat. „Die Tomaten sind weltklasse“, schaltet sich Rainer Frohloff ein. Der Gemüsehändler bestätigt: Ja, sie hätten viele Stammkunden und es dauere ewig, sich einen Kundenstamm aufzubauen. Bis sie das auf einem neuen Markt geschafft hätten, wären sie Pleite. „Aber ich spekuliere noch nicht darüber, was noch nicht ist“, sagt der 34-Jährige.

Die Bezirksbürgermeisterin will mit den Händlern reden

Bezirksbürgermeisterin Cerstin Richter-Kotowski (CDU) will mit den Händlern vom Ferdinandmarkt ins Gespräch kommen, wenn es soweit ist, sagt sie auf Nachfrage. Sie sei darüber informiert, dass es noch keine Kündigungen gebe. Vielleicht, so hatte sie in der jüngsten Bürgerversammlung angekündigt, könne man Händlern vom Ferdinandmarkt einen Standplatz auf dem Kranoldmarkt anbieten. Im März 2020 will die Bezirksbürgermeisterin eine zweite Informationsveranstaltung zum Kranoldplatz organisieren, „zu der auch die Händler des Ferdinandmarktes eingeladen sind“, so Richter-Kotowski.

Fleischer musste nach Jahrzehnten weg

Rainer Frohloff sieht den Vorschlag, noch einige Händler auf dem Kranoldmarkt unterzubringen, skeptisch. „Hier passt keiner mehr rauf“, sagt er. Sogar an diesem kalten Tag ist kaum ein Durchkommen auf dem Platz. „Im Sommer ist es noch voller und enger“, sagt Frohloff. Wo sollen dann noch weitere Stände aufgebaut werden? An der Ecke Ferdinandstraße steht der geschlossene Verkaufswagen einer Fleischerei. Jahrzehntelang sei an der Ecke Wurst und Fleisch verkauft worden, sagt Frohloff. Aber auch das Grundstück sei verkauft worden, der Fleischer habe eine Kündigung erhalten.