Geschäftsaufgabe

Ausverkauf: Silbergeschäft in Lichterfelde schließt

Nach 35 Jahren schließt das Geschäft für Besteck und Silberwaren in Lichterfelde. Ein Nachfolger wurde nicht gefunden

Annelie Baumann hat 17 Jahre lang in dem Silberwaren-Geschäft in Lichterfelde gearbeitet.

Annelie Baumann hat 17 Jahre lang in dem Silberwaren-Geschäft in Lichterfelde gearbeitet.

Foto: Katrin Lange

Heiligabend ist endgültig Schluss. Um 13 Uhr wird Annelie Baumann die Ladentür ein letztes Mal abschließen, nach Hause gehen und nicht an den Ort zurückkehren. Seit 35 Jahre gibt es das Besteck- und Silberwaren-Geschäft in der Lichterfelde Drakestraße 43a, insgesamt 17 Jahre lang war die 62-Jährige dort Geschäftsführerin. Doch jetzt geben die Inhaber Wolfgang und Cornelia Bergemann aus Altersgründen auf, Annelie Baumann geht in Rente. Ein Nachfolger, der das Geschäft weiter führen könnte, wurde nicht gefunden. Bis zum 24. Dezember läuft der Räumungsverkauf, die Ware ist um 40 Prozent reduziert.

Reparaturen, Ankauf und Verkauf

Damit ist die Ära eines ganz besonderen Geschäfts zu Ende. Nach Auskunft der Inhaber war es das „größte und einzige Spezialgeschäfte für Bestecke und Silberwaren in Berlin“. Es sei ein Geheimtipp gewesen für sämtliche Reparaturen sowie den Ankauf und Verkauf in und um den Silberbereich. Alles konnte repariert werden: vom Einsatz neuer Klingen in abgebrochenen Messer bis zu Lötungen und Neuversilberungen. Jetzt werden aber keine Reparaturen mehr angenommen.

Wachtelbeinhalter und Sardinenheber

Auf zwei Ladenräume erstreckt sich das Geschäft, das mit seinen Vitrinen fast wie ein Museum wirkt. Gleich hinter dem Eingang liegen seltsame Utensilien hinter Glas, die an alte Zahnarztinstrumente erinnern. Annelie Baumann klärt auf: „Das ist ein Wachtelbeinhalter, dahinter eine Austerngabel, eine Schneckenzange, ein Sardinenheber und eine Toastgabel.“ Alles echt Silber und mit Sicherheit Liebhaberstücke.

Wolfgang und Cornelia Bergemann haben auf dem Trödelmarkt am 17. Juni angefangen, mit Silberwaren zu handeln. Dann wurde es immer mehr und sie brauchten eine Werkstatt für die Reparaturen, so dass sie vor 35 Jahren das Geschäft in Lichterfelde eröffneten. Als der Laden nebenan frei wurde, machten sie einen Durchbruch und nahmen die Räume dazu.

Eierlöffel in Silber gibt es nicht

Auf 80 Quadratmetern ist fast alles zu finden, was es im Bereich der Silber-Antiquitäten ab 1820 bis in die Gegenwart gibt. Bestecke, Leuchter, Schalen, Wasserkannen, Tabletts, Bilderrahmen, Pfeffer- und Salzstreuer, Schmuck, Pillendosen. „Nur einen echt silbernen Eierlöffel werden sie nicht finden“, sagt Annelie Baumann. Ei und Silber vertragen sich nicht, deshalb werden diese Löffel nicht aus Silber hergestellt. „Das Ei schmeckt nicht und das Silber verfärbt sich“, klärt die Geschäftsführerin auf. Lieber sollte man einen Perlmuttlöffel nehmen. In jeder Preisklasse findet sich etwas: Vom versilberten Besteckteil für einen Euro bis zu einem silbernen Art-Deco-Kernstück – ein Tablett mit Tee- und Kaffeekanne sowie Milchkännchen und Zuckerdose – für 10.000 Euro. Allerdings jetzt um fast die Hälfte reduziert.

Viele junge Pärchen mögen alte Sachen

Es sind vor allem die jungen Pärchen, die nicht nur in den vergangenen Jahren sondern auch jetzt im Ausverkauf kommen. „Viele junge Menschen mögen alte Sachen“, sagt die Geschäftsführerin. Und dann gebe es noch die Kunden, die mit Silberbestecken groß geworden sind und das auch so beibehalten. An einen besonderen Kunden kann sie sich noch gut erinnern. Der Herr hatte in der Sendung „Bares für Rares“ gesehen, wie die Händler einen alten Eierkocher, der noch mit einer Kerze funktionierte, unbedingt haben wollten und sich gegenseitig überboten. So einen Eierkocher hatte der Mann auch zu Hause. Doch als er ihn bei Bergemanns verkaufen wollte, war die Freude weniger spektakulär. „Genauso einen Eierkocher hatten wir nämlich bereits“, erzählt Annelie Bergemann. Der Kunde wollte es kaum glauben, dass er seinen Eierkocher wieder mit nach Hause nehmen musste

Kein Silberschmied zu finden

Nun wird auch nichts mehr angekauft sondern nur noch verkauft. Lange hat man noch gehofft, einen Nachfolger zu finden. „Aber es ist wie in jedem Handwerk, der Nachwuchs fehlt“, sagt die Geschäftsführerin. Wer werde heute noch Silberschmied? Es sei eine schwere und schmutzige Arbeit, bei der das Öl oft bis zu den Ellenbogen reiche. Am Schluss, wenn alle Silberteile verkauft sind, soll auch noch die komplette Juwelier-Ladeneinrichtung einen neuen Besitzer finden. Und dann ist wirklich Schluss.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Donnerstag, 15 bis 18 Uhr, Freitag und Sonnabend, 10 bis 13 Uhr