Stadtplanung

In Lichterfelde entsteht ein neues Stadtquartier

Ende 2020 beginnt zwischen Anhalter Bahn und Osdorfer Straße der Bau von mehr als 2000 Wohnungen, 420 Reihenhäusern, Kitas und Schule.

Berlin. Steht gerade ein E-Scooter vor dem Haus für den Weg zur S-Bahn? Wer kann kurzfristig das Kind am Nachmittag betreuen? Welche Veranstaltung läuft am Abend im Kiez? Wie sieht der Energieverbrauch aus? Antworten auf diese Fragen können Bewohner des Stadtquartiers „Neulichterfelde“ künftig mit ihrer Quartiers-App finden. Das neue Stadtviertel mit mehr als 2000 Wohnungen und 420 Reihenhäusern, das ab Ende 2020 zwischen Anhalter Bahn und Osdorfer Straße in Lichterfelde Süd entsteht, will ein Beispiel für das urbane Leben im 21. Jahrhundert sein.

„Berlin ist eine schnell wachsende Stadt, Neulichterfelde ist unsere Vision für die Stadt der Zukunft“, sagte Investor Klaus Groth, Geschäftsführender Gesellschafter der Groth Gruppe, am Dienstag bei der Vorstellung des Quartiers. Nicht nur der Name ist neu. Seit Groth 2012 das fast 100 Hektar große Gelände erworben hat, war von einem neuen Stadtquartier „Lichterfelde Süd“ die Rede. Bekannt war das ehemals von den US-Alliierten militärisch genutzte Areal am Stadtrand auch als „Parks Range“.


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Freies Wlan in allen Bereichen des Stadtquartiers

Neu sind aber auch Details der Pläne für Neulichterfelde: Um Fragen der Mobilität, Energie, Bildung und Community sowie Umwelt und Naturschutz zu berücksichtigen, hat der Investor mit verschiedenen Partnern im Vorfeld zusammengearbeitet. Ihr gemeinsames Ziel ist es, ein eng vernetztes und nachhaltiges Quartier zu schaffen. Im Mittelpunkt der Planungen habe die Frage gestanden, wie die Menschen in zehn bis 15 Jahren leben werden, sagt Antonia Heiming, Geschäftsführerin bei Groth. Orientiert hätte man sich an den heutigen und künftigen Bedürfnissen der Bewohner. Für den neuen Stadtteil wird zum Beispiel eine eigene App entwickelt, über die alle Dienstleistungen angeboten, gebucht und abgerechnet werden. Freies Wlan soll es überall in den Außenanlagen geben.

Der Kooperationspartner im Bereich Mobilität ist die Toyota Kreditbank. Sie hat nicht etwa dafür gesorgt, dass zusätzliche Autos im Viertel unterwegs sind. Im Gegenteil: „Wir wollen den autofreien Verkehr im Quartier vorantreiben“, sagt Geschäftsführer Axel Nordieker. Zum Einsatz sollen Pedelecs, E-Scooter und ein Shuttle-Service kommen. Autos könnten besser ausgelastet werden, indem Nachbarn Fahrgemeinschaften bilden. „Unser Ziel ist es, die Bewohner zum Umstieg auf die öffentlichen Verkehrsmittel oder auf nichtmotorisierte, elektromotorisierte oder wasserstoffbetrieben Alternativen zu bewegen“, so Nordieker.

Um die Energieversorgung kümmert sich die Naturstrom AG. Sie plant eine klimaneutrale Wärmeversorgung mit einem Blockheizkraftwerk, das von Solarenergie und Biogasanlagen unterstützt wird. Das Unternehmen will zudem sein Elektro-Lastenrad-Angebot Donkee im Quartier etablieren. Anwohner können sich jederzeit über die Energiebereitstellung und ihren eigenen Verbrauch informieren – entweder in einer Energieberatung vor Ort oder über die Quartiers-App. Ein Kiez dieser Größe verbraucht heute etwa 6400 Tonnen CO2 pro Jahr. In Neulichterfelde sollen es lediglich knapp 140 Tonnen sein.

Von Anfang an sollen sich die neuen Bewohner aufgehoben fühlen und gut zusammenleben. Die Mitarbeiter der Goldnetz gGmbH werden vor Ort Nachbarn miteinander in Kontakt bringen, ihnen helfen sich zu vernetzen und ein neues Community-Bewusstsein etablieren. Im eigenen Stadtteilbüro soll es Kurse, Schulungen und Vorträge geben.

Weidelandschaft wird Landschaftsschutzgebiet

Für die Bewahrung der Lichterfelder Weidelandschaft, die immerhin 60 Hektar des Geländes ausmacht, ist der Bund für Umwelt und Naturschutz BUND künftig zuständig. 292 Schmetterlingsarten und 264 Arten an Bienen und Wespen leben dort – das soll auch so bleiben. Die Flächen werden vom BUND gepflegt und erlebbar gemacht, unter anderen mit Angeboten der Umweltbildung. Gute Nachrichten hatte Cerstin Richter-Kotowski (CDU): Die gesamte Weidelandschaft solle Landschaftsschutzgebiet werden, erste Schritte seien eingeleitet, sagte die Bezirksbürgermeisterin von Steglitz-Zehlendorf.

Insgesamt 900 Millionen Euro investiert die Groth Gruppe in den Bau des neuen Stadtquartiers für etwa 6000 Bewohner. 540 der etwa 2000 Wohnungen sind Sozialwohnungen. Die Wohnungsbaugesellschaft Degewo wird die geförderten Wohnungen und zwei der insgesamt drei Kitas errichten.

Außerdem entstehen neben den Reihenhäusern noch Büros, Praxen, Geschäfte sowie eine Grundschule mit Sportplatz und Turnhalle. Nachdem Reste eines Kriegsgefangenenlagers auf dem Gelände entdeckt worden waren, werden jetzt zwei ehemalige Baracken als Lern- und Gedenkorte in das Quartier integriert. Eine davon ist auf dem Schulgelände und soll zugleich als Jugendfreizeiteinrichtung genutzt werden.

Der Plan sieht vier Quartiere vor, die durch Grünanlagen und Parks getrennt, aber durch einen Boulevard verbunden werden. Die höchsten Bauten mit bis zu 13 Geschossen entstehen am Stadtplatz und an der Osdorfer Straße. Zur grünen Mitte hin werden die Gebäude immer flacher. Über die künftigen Preise nach Fertigstellung 2025/26 kann Klaus Groth im Moment nur spekulieren. Er nennt mehr als 500.000 Euro für ein Einfamilienhaus und zwischen zehn und zwölf Euro pro Quadratmeter für eine nicht geförderte Mietwohnung. Mögliche Bewohner hat er bereits im Blick. „Neulichterfelde könnte auch ein neuer Wohn- und Lebensort für die Tausenden Mitarbeiter von Tesla werden“, sagt Groth.