Mauerfall

„Da realisierte ich: Hier ist etwas Größeres im Gang“

Georg Schertz war Polizeipräsident in Berlin, als die Mauer fiel. Die Lage am Brandenburger Tor hatte er nach zwei Tagen im Griff.

Der ehemalige Berliner Polizeipräsident Georg Schertz auf der Insel Schwanenwerder.

Der ehemalige Berliner Polizeipräsident Georg Schertz auf der Insel Schwanenwerder.

Foto: David Heerde

Als sein Fahrer kurz nach 20 Uhr in den Festsaal kommt, hat die Feier von Filmemacher Ulrich Schamoni noch nicht einmal richtig angefangen. Alle stehen noch in kleinen Grüppchen zusammen, plaudern und warten darauf, auf den 50. Geburtstag des Gastgebers anzustoßen. Diesen Moment soll Georg Schertz verpassen. Es ist der Abend des 9. November 1989.

„Größere Menschansammlungen im Grenzübergang Bornholmer Straße“, meldet ihm sein Fahrer und fügt das Unwahrscheinliche hinzu: „Die wollen alle durchgelassen werden.“ Keiner bemerkt, wie Georg Schertz den Saal verlässt. Der Polizeipräsident von Berlin geht zum Auto, telefoniert und ihm ist sofort klar: „Da braut sich was zusammen.“

Erst am 3. November hatte Georg Schertz eine Besprechung mit dem Regierenden Bürgermeister Walter Momper (SPD) gehabt. Es ging um etwaige Reise-Erleichterungen, die – wie bereits seit September vermutet – in der DDR offenbar gewährt werden sollten. Was passiert, wenn viele DDR-Bürger nicht mehr zurückkehren wollen? Wie sollen wir sie unterbringen? Wie können wir sie aus West-Berlin ausfliegen? Das waren die Fragen, die im Raum standen.

Nichts deutete auf eine besondere Lage hin

Doch am Morgen des 9. November deutete nichts auf eine besondere Lage hin. Georg Schertz machte sich wie jeden Tag auf den Weg ins Polizeipräsidium am Platz der Luftbrücke. „Ich hatte nicht die geringste Ahnung, was in den Abendstunden dieses Tages noch passieren würde“, erinnert sich Georg Schertz bei einem Gespräch in seinem Haus auf Schwanenwerder. Sein Vater hat das Haus am Inseleingang bauen lassen, seine Söhne sind dort aufgewachsen. Vom Wohnzimmer aus kann der 84-Jährige nach Norden die Havel und südlich den Wannsee und das Strandbad sehen. Weite Blicke über das Wasser.

Georg Schertz hat seine Erinnerungen für die Familie aufgeschrieben, unter anderem auch die Ereignisse vom 9. November. Er geht zum Regal und holt das Buch. Aus der Hand gibt er es nicht, für die Öffentlichkeit ist es nicht bestimmt. Aber er schlägt es auf, um sich die Ereignisse wieder genau in das Gedächtnis zurückzurufen.

Eigentlich braucht er es nicht. Stück für Stück, Stunde für Stunde erzählt er über die Ereignisse jenen Tages.

Einladung zum Geburtstag am Abend

Der Lagedienst hatte am Morgen keine besonderen Meldungen – kleine Bagatellen, nicht Besonderes. So beschloss Georg Schertz also am Abend, die Einladung zum Geburtstag von Ulrich Schamoni anzunehmen. 19.30 Uhr kam er auf dem Fest an, aber um 20.15 Uhr tauchte sein Fahrer mit einer ersten Meldung auf. „Im ersten Moment habe ich dem Ereignis noch keine so gravierende Bedeutung beigemessen“, erzählt Schertz. Sicher, es war eine besondere Situation, er musste handeln. Aber er blieb ruhig.

Der Polizeipräsident nahm Kontakt mit dem Lagedienst auf und gab die Weisung, alle zwei Stunden von allen Grenzübergängen umfassend Meldung zu machen. Bei besonderen Zwischenfällen sollte der Bericht sofort erfolgen, spätestens aber um 23 Uhr.

Während schon um 21. 30 Uhr der Führungsstab mit Landespolizeidirektor Manfred Kittlaus zusammentrat, eilte Georg Schertz um 22 Uhr zu einer Sondersitzung in die Senatskanzlei. „Zu dieser Stunde realisierte ich: Moment mal, hier ist etwas Größeres im Gang, da steckt mehr dahinter“, so Schertz.

Niemand dachte an eine Grenzöffnung

Aber auch zu diesem Zeitpunkt sprach niemand von einer generellen Grenzöffnung. Günter Schabowskis unvollendete Worte auf der Pressekonferenz waren zwar nun schon überall durchgesickert. Doch dachten alle noch, dass nun die Reiseerleichterung für die DDR-Bürger schneller als gedacht kommen würde. „Da ist wohl was aus dem Ruder gelaufen, was sie schnell wieder rückgängig machen werden“ – so schätzte Georg Schertz die Lage zu diesem Zeitpunkt noch ein. Also sprach man nachts in der Senatskanzlei über ganz pragmatische Dinge. Zum Beispiel darüber, dass die Menschen aus der DDR selbstverständlich ohne Fahrschein alle Verkehrsmittel nutzen dürfen. „Wie sollten sie auch das Ticket bezahlen können.“

Mittlerweile wurde von mehreren Grenzübergängen „ein größerer Ansturm von Menschen“ gemeldet. Von der Sitzung in der Senatskanzlei fuhr Georg Schertz zum Grenzübergang an der Invalidenstraße. „Da kamen mir schon die ersten Trabbis entgegen“, erzählt er.

Am Übergang erlebte er eine aufs Erste befremdliche Situation. Während die Menschen durch das offene Grenztor strömten, stand oben auf der Mauer ein DDR-Grenzposten und unmittelbar vor der Mauer – also schon auf Ost-Berliner Gebiet – ein Polizist aus West-Berlin. Das war eigentlich absolut tabu. Auf Nachfrage bekam er von dem DDR-Posten die Antwort: „Das geht schon in Ordnung, wir machen das hier gemeinsam und unbürokratisch.“

Kritische Lage am Brandenburger Tor

Es war wohl der verblüffendste Moment in dieser Nacht, in der Georg Schertz lange vor Ort blieb und auch später alles andere als ruhig schlief und in ständiger Rufbereitschaft war. Denn ihm schien sicher: Die DDR würde die Situation wieder unter Kontrolle bringen und damit auch die Grenzöffnung wieder rückgängig machen wollen. Und dafür hätte sie möglichst einen Anlass, einen Auslöser gebraucht. Das hätte, wie sich herausstellen sollte, die Lage am Brandenburger Tor sein können.

Während am 10. November an allen Übergangsstellen eine euphorische Stimmung herrschte, war am Pariser Platz zwar auch Volksfeststimmung, aber ziemlich aufgeladen.

Es begann zunächst harmlos. Von West-Berliner Seite waren die Menschen auf die Mauer geklettert. „Zeitweise waren bis zu 3000 auf der dort etwa drei Meter dicken Mauer“, so Schertz. Sie riefen: „Macht die Mauer auf“, schossen Feuerwerkskörper ab und warfen aber auch mit Flaschen. Nicht wenige waren alkoholisiert.

Wasserwerfer kamen zum Einsatz

Wenn es an diesem Ort auch nur einen Toten gibt, hat die DDR ihren Vorwand, um massiv einzugreifen und so die Dinge rückgängig zu machen – dachte der Polizeipräsident. Er erfuhr, dass die DDR die Leute von der Mauer holen und dabei Wasserwerfer einsetzen wollte. Alles Folgende geschah noch auf Zuruf, eine Telefonverbindung stand noch nicht. Schertz griff ein, indem er Weisung gab, den Grenzposten durch Zuruf klarzumachen: „Macht die Leute nass, beregnet sie, aber trefft sie nicht mit dem harten Strahl.“ Denn der hätte sie von der Mauer geworfen und es hätte Tote und Verletzte geben können.

Tatsächlich erging nur ein sanfter Schauer auf die Mauersteher. „Doch war die Lage um Mitternacht immer noch bedrohlich“, sagt Schertz. Also ließ er, nachdem in den späteren Nachtstunden die meisten auf der Mauer nach Hause gegangen waren, am frühen Morgen des 11. November auf West-Berliner Seite Mannschaftswagen entlang und unmittelbar vor der Mauer auffahren.

So konnte zunächst keiner mehr auf die Mauer klettern. „Das war sicherlich erst einmal eine unpopuläre Maßnahme“, so der ehemalige Polizeipräsident. Rufe wurden laut, wie: „Jetzt schützt die West-Berliner Polizei die Mauer“. Aber sie führte zum Erfolg, die Situation entschärfte sich nachhaltig und so war am Vormittag des 11. November die Lage am Brandenburger Tor unter Kontrolle. Die DDR konnte keinen Vorwand mehr in Anspruch nehmen, um massiv einzugreifen und die Mauer wieder zu schließen – und es fiel kein einziger Schuss.

DDR-Generäle behielten die Nerven

„Nicht zuletzt verlief alles unblutig, weil auch DDR-Generäle die Nerven behalten hatten“, sagt Schertz. Noch am 10. November hatte die DDR-Führung die sogenannte „erhöhte Gefechtsbereitschaft“ in einer Größenordnung von circa 30.000 Mann ausgerufen, weil der Sozialismus in Gefahr sei. Doch sogar die Generäle waren skeptisch, sprachen von verstopften Straßen, und dass der Befehl nur schwer umsetzbar sei.

Am 11. November wurde die erhöhte Gefechtsbereitschaft nach der Meldung, dass sich die Lage am Brandenburger Tor beruhigt hätte, wieder aufgehoben. Die Grenzen waren und blieben offen.

30 Jahre später ist Georg Schertz zwar immer noch überaus glücklich, dass alles friedlich ablief und so „uns die deutsche Einheit wie auch die Einheit Berlins in Frieden und Freiheit vor der Geschichte geschenkt wurde“. Enttäuscht, zumindest sehr nachdenklich ist er aber, wie sich so manches entwickelt hat.