Stiftung

Ein neuer Ort für die Kunst auf Schwanenwerder

Franziska und Tim Cordts haben eine Stiftung gegründet. Ihr Haus auf Schwanenwerder stellen sie Stipendiaten zur Verfügung

Bildhauerin Franziska Seifert in ihrem Skulpturengarten hinter dem Haus auf Schwanenwerder

Bildhauerin Franziska Seifert in ihrem Skulpturengarten hinter dem Haus auf Schwanenwerder

Foto: Katrin Lange

Das kleine weiße Haus am Anfang der Inselstraße auf Schwanenwerder ist eher unscheinbar – im Vergleich zu den anderen herrschaftlichen Villen und modernen sachlichen Bauten, die auf der Insel in Nikolassee in bester Wasserlage stehen. Verwinkelt und eng mutet es von außen an. Das war es auch, bis vor einem Jahr. Franziska Seifert erinnert sich noch an das dunkle Klubzimmer mit Ledersofa, Holztäfelung und roten Samtvorhängen. Die Trennwände sind weg, große Panoramafenster eingebaut, Havel und Segelboote greifbar nah. In dem offenen Raum mit dem grauen Betonboden werden Steinskulpturen der Bildhauerin von Deckenlichtern angestrahlt.

Ein neuer Ort ist entstanden, ein Ort für die Kunst. In dem Haus auf Schwanenwerder werden künftig Künstlerinnen aus aller Welt leben und arbeiten und ihre Werke öffentlich ausstellen. Am Donnerstag wurde das internationale Projekt „Künstlerinnen in residence“ mit einer eigenen Ausstellung von Franziska Seifert eröffnet, die nur an diesem Wochenende zu sehen ist. Für die Förderung von Künstlerinnen hat die Bildhauerin mit ihrem Mann Tim Cordts die gemeinnützige Stiftung „Cordts Art Foundation“ gegründet. Mit ihrer Stiftung ermöglichen sie es Frauen jeweils zwei bis zehn Monate ungestört zu arbeiten und ihre Ideen zu verwirklichen. Es ist bereits die zweite Stiftung des Paares – die „Franziska und Tim Cordts Stiftung“ ist eine Familienstiftung.

Die Bildhauerin will Frauen fördern und ermutigen

Franziska Seifert möchte nicht nur die Kunst fördern, sondern vor allem Frauen. Die 55-Jährige ist in Buxtehude aufgewachsen und lebt heute mit ihrem Mann, der ein Unternehmen für Baustelleneinrichtungen hat, in Hamburg. Dort hat sie auch ihr Atelier. „Ich habe lebenslang die Errungenschaften der Müttergeneration so hingenommen“, erzählt sie. Ihre Eltern seien Ende der 50er-Jahre beide aus der DDR geflüchtet, wo es völlig selbstverständlich gewesen sei, dass die Frauen arbeiten und auch noch den Haushalt führen. Als Kind habe sie jedes Jahr sechs Wochen Ferien in der DDR gemacht und die Frauen dort erlebt. Heute seien Frauen in den ersten Reihen immer noch unterrepräsentiert. „In Kuratorien sitzen meistens immer noch acht Männer und zwei Frauen“, sagt die Stifterin. Das wolle sie ändern, „und die Frauen ermuntern, am Ball zu bleiben“.

Die erste Stipendiatin ist Monika Müller-Klug, eine Lyrikerin und Bildhauerin aus dem Skulpturengarten in Damnatz an der Elbe (Niedersachsen). Ihr Thema: das vielschichtige Verhältnis von Mensch und Natur. Die 82-Jährige wird in Schwanenwerder einen Eichenstamm bearbeiten und ihre Poesie schreiben. Die Künstlerin arbeitet bis April in dem Haus der Stifter. Im Erdgeschoss kann sie das neu entstandene offene Atelier nutzen, das noch zusätzlich vom Licht der Havelwellen erhellt wird. Eine Etage darüber sind die Wohn- und Schlafräume. Am Ende ihres Aufenthaltes wird sie ihre Arbeiten, die in der Zeit entstanden sind, in einer öffentlichen Ausstellung zeigen. Auch die zweite Künstlerin steht schon fest: Es ist eine junge Frau aus Indonesien. Die 22-Jährige beschäftigt sich mit der Frauenrolle in muslimischen Ländern. Zu diesem Thema fertigt sie Installationen an.

Ost und West, Europa und Asien: Ein Leben in zwei Welten – das verfolge sie nun von Anfang an und gehöre zu ihrem Leben, so Franziska Seifert. Die Bildhauerin reist viel, vor allem nach Indonesien, wo sie auch überwintert. Sie schätzt es, dort mit den Menschen in Kontakt zu kommen, mehr über ihre Kultur, ihren Alltag zu erfahren und auch künstlerisch Neues zu erfahren. So hat sie auch die junge Indonesierin kennengelernt, die nächstes Jahr nach Deutschland kommt. Über die nächsten Stipendiaten braucht sie sich keine Gedanken zu machen. Schon heute bekommt sie Bewerbungen aus aller Welt.

In dem Haus am Wasserhat sie schon als Kind gespielt

Das Haus an der Havel mit der alten Trauerweide und dem Bootssteg kennt Franziska Seifert aus Kindertagen. 1937 wurde es erbaut, gleich hinter der Brücke, die die Insel Schwanenwerder mit dem Festland verbindet. Ihre Eltern, die nach ihrer Flucht in Buxtehude Arbeit gefunden und sich dort kennengelernt hatten, waren mit den Bewohnern des Hauses befreundet und reisten mehrmals im Jahr nach Berlin. Die Freundschaft der Familien hielt ein Leben lang. Als die Partner auf beiden Seiten starben, „übernahm meine Mutter den Mann ihrer Freundin“, erzählt Franziska Seifert. Mit 65 Jahren zog sie nach Berlin in das Haus auf Schwanenwerder und pflegte später ihren zweiten Mann bis zum Schluss. Im vergangenem Jahr starb die Mutter, das Haus war verwaist.

Dort zu leben, kann sich die Künstlerin nicht vorstellen. Sie habe ein schönes Atelier in Hamburg, auch mit Wasserblick, sagt sie und lacht. Und da wolle sie auch bleiben. Aber für die Eröffnung der neuen Kunsthauses hat sie ihre Arbeiten aus Hamburg nach Berlin bringen lassen. Anfang der Woche waren ihre Mitarbeiter dabei, eine 500 Kilogramm schwere Steinskulptur mit Seilen auf den Sockel zu hieven. Franziska Seifert hat Illustratorin in Hamburg gelernt, zur Bildhauerei kam sie über Aufenthalte in Italien und Indonesien. In ihrem Atelier bearbeitet sie Steine aus aller Welt. Sie verleiht ihnen eine weiche Körperlichkeit, die abstrakte menschliche Figuren erahnen lässt. Oder sie unterstreicht mit der Bearbeitung die Form des Originals. Zu sehen sind ihre Arbeiten im Atelier des Hauses und im Garten.

Die Ausstellung von Franziska Seifert, Inselstraße 2a, ist geöffnet am 5. und 6. Oktober, 12–16 Uhr.