Am Start

So macht sich Siegfried Schmidt (76) für den Ironman fit

Der Lichterfelder Siegfried Schmidt hat sich zum fünften Mal für den Start beim berühmten Triathlon qualifiziert.

Sein Rennrad hat der Lichterfelder Siegfried Schmidt mit nach Hawaii genommen.

Sein Rennrad hat der Lichterfelder Siegfried Schmidt mit nach Hawaii genommen.

Foto: jörg Krauthöfer / FUNKE Foto Services

Berlin. Beim Berlin-Marathon in der vergangenen Woche stand er am Rand. An der Yorckstraße, Kilometer 20,5, hat er zwei Freunde angefeuert. Siegfried Schmidt trug extra eine gelbe Jacke, damit sie ihn auch sehen. Mit beiden ist er ein Stück mitgelaufen. Das war es. Ein bisschen traurig sei er schon gewesen, nicht richtig mitlaufen zu können, sagt der Lichterfelder am Tag nach dem Berlin-Marathon beim Gespräch in einem Café.

Aber sein Verzicht musste sein. Denn zu diesem Zeitpunkt war der 76-Jährige schon in der Anpassungsphase für ein noch schwierigeres sportliches Ereignis: Am 12. Oktober startet er beim berühmten Ironman auf Hawaii – dem ältesten Triathlon über 3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren und 42,2 Kilometer Laufen. Und dieses Jahr will er aufs Treppchen. Also unter die ersten fünf kommen. Das ist sein erklärtes Ziel.

Siegfried Schmidt ist zum fünften Mal beim Ironman auf Hawaii dabei. Diesmal läuft er in der Altersklasse der Männer von 75 bis 79 Jahren. Im September 2018 hat er sich bei einem Triathlon in Italien für den Wettbewerb qualifiziert – er wurde Erster seiner Altersklasse. Das war sein Triumph. Denn im Jahr zuvor war er gestürzt und lange Zeit verletzt. Seine Top-Form hatte er da aber wieder zurück.

Athleten werden in Startwellen ins Rennen geschickt

Bereits am vergangenen Mittwochabend – an seinem 76. Geburtstag – hat er sich auf die Reise nach Hawaii gemacht. 26 Stunden war er unterwegs, zwölf Stunden Zeitverschiebung muss er verkraften, extreme Temperaturunterschiede. Am Wettkampftag werden es 35 Grad sein, das weiß er schon. Jetzt bleibt ihm noch eine Woche, in der er die Anpassungsphase vollendet. Das heißt keine extremen Belastungen mehr, sondern jeden Morgen Schwimmen, fünf Kilometer laufen, 90 Kilometer Fahrradfahren – aber nicht auf Zeit sondern „gemütlich“. Es wird eine Parade der Nationen durch die Stadt geben und ein Treffen der Senioren, die älter als 60 Jahre sind.

Und dann geht es los. Der Start erfolgt beim 43. Ironman Hawaii diesmal in Wellen: Die Profi-Männer starten um 6.25 Uhr, die Profi-Frauen fünf Minuten später. Dann folgen die Athleten nach Altersklassen. Für Siegfried Schmidt fällt um 7.10 Uhr der Startschuss. Sport bedeutet für den pensionierten Lehrer Leben. Die Vorteile vom Laufen zählt er in Sekundenschnelle auf: Man bleibt fit, hat keine Gewichtsprobleme, ist klar und kreativ im Kopf, körperlich und seelisch gut drauf und lernt Leute kennen.

Er beginnt mit fünf Kilometer auf dem Teufelsberg

Als Student fing er mit Joggen an und merkte sofort, wie gut das Laufen seiner Psyche tat. Das habe ihm später als Lehrer an einem Oberstufenzentrum sehr geholfen, erzählt er. „Das sind junge Erwachsene, die sind frech, da kriegt man einiges ab“, so Schmidt. Beim Laufen habe er dann sein Gleichgewicht wiedergefunden.

Jahrelang ist er dreimal pro Woche fünf Kilometer auf dem Teufelsberg gejoggt. Dann steigerte er sich auf 25 Kilometer-Läufe, bis er Anfang der 80er-Jahre bei seinem ersten Marathon in Berlin an den Start ging. „Es war hart“, erinnert sich der gebürtige Spandauer. Seine Zeit: 3:38 Stunden. Sein Fazit: Der nächste muss besser werden. Wurde er. Seine beste Zeit, die er im Marathon erreicht hatte, war 3:03 Stunden. „Die drei Stunden habe ich nie geknackt“, sagt er.

Langdistanz? Seine Frau hält ihn zunächst für verrückt

Doch irgendwann fand Siegfried Schmidt nur Laufen „zu dröge“. Diese Erkenntnis fiel in die Zeit, als die Triathlon-Welle aus Hawaii nach Europa herüberschwappte. Das war seine Disziplin. Schwimmen mochte er, und Fahrrad fuhr er sowieso. 1984 ging er mit seinem schweren Fahrrad mit Stahlrahmen und ohne Neoprenanzug zum ersten Mal bei einem Triathlon in der bayrischen Stadt Hof auf die Strecke. Das aber war von der Länge noch nicht vergleichbar mit dem Ironman. „Obwohl ich mich mit Fett eingeschmiert hatte, kam ich heraus wie ein Krebs“, erzählt Schmidt. 16 Grad hatte das Wasser im Untreusee.

Das hat ihn aber nur noch mehr angespornt: Von da an lief er zweimal im Jahr einen Triathlon über die Olympische Distanz, also 1,5 Kilometer Schwimmen, 40 Kilometer Rad und zehn Kilometer Laufen. „Bist du verrückt“, sagt seine Frau 1992, als er ihr ankündigte, nun das erste mal auf die Langdistanz zu gehen – so wie der Triathlon auf Hawaii gelaufen wird.

Einen Trainingsplan hat der Lichterfelder nie gehabt

Er machte bei Wettkämpfen in Leer in Ostfriesland und in Roth in Bayern mit, „immer im Mittelfeld zwischen elf und zwölf Stunden“. 2008 qualifizierte er sich das erste Mal bei einem Wettkampf in Südafrika für den Ironman. „Da war ich stolz wie Bolle“, erinnert sich Schmidt. Seitdem ist er am Ball geblieben. Nach 2008, schaffte er auch 2010, 2013 und 2015 die Qualifizierung für Hawaii.

Zwischen 14 und 17 Stunden trainiert Schmidt pro Woche, er ist Mitglied im Verein Tri-Finisher in Berlin. Er habe aber nie nach einem vorgegebenen Trainingsplan trainiert, so Schmidt, sondern immer nach Lust und Spaß und so wie jemand Zeit hatte, um mit ihm zu laufen. Er weiß, dass seine Zeiten mit jedem Lebensjahr langsamer werden. „Da kann ich noch so viel trainieren, das muss ich akzeptieren.“ Aber er fühle sich heute genau wie vor 30, 40 Jahren, alles funktioniere noch.

Fleisch ist er selten und dann meistens nur „ein bisschen Geflügel“. Von Salat kann er nicht genug bekommen, Gemüse isst er auch gern. Und ein Glas Rotwein darf es gern zum Essen sein. Er könne nur jedem raten, der Probleme mit der Psyche oder dem Gewicht hat: „Macht Sport.“

Zum Ausgleich Gedichte schreiben

Sein „Ausgleichssport“ ist die Lyrik. Nach seinem Studium der Wirtschaftswissenschaften hat er noch Germanistik studiert und später Theaterspiel unterrichtet. Heute ist er aktiv in einer Senioren-Theatergruppe. Beim Berliner Literatur-Marathon hat er schon öfter gelesen und Lyrikbände veröffentlicht. In seinen Gedichten schreibt er über Liebe, Sehnsucht, Angst und natürlich Sport.

Der steht jetzt im Vordergrund. Mehr als 14 Stunden wird Schmidt beim Triathlon auf der Strecke sein. Eine Woche vorher überwiege die Vorfreude, sagt der Sportler. Aber in der Nacht vor dem Wettkampf werde er kaum mehr als vier Stunden schlafen. Dann kommt die Angst: vor einer Radpanne, vor Glassplittern, vor dem extremen Seitenwind. Am morgen kommt die Freude zurück, auf die Delfine, die ihn beim Schwimmen begleiten werden und auf den Einlauf ins Ziel. Das ist sein Augenblick.