Start-up

Gefühlschaos bei der Berufswahl

Aivy ist eine App, die jungen Menschen hilft, ihre Kompetenzen und Interessen zu erkennen. Entwickelt wurde sie im Gründerhaus in Dahlem.

Boas Bamberger, Arbnor Raci, David Biller und Florian Dyballa (v.l.) haben zusammen die App für die intelligenten Berufswahl entwickelt.

Boas Bamberger, Arbnor Raci, David Biller und Florian Dyballa (v.l.) haben zusammen die App für die intelligenten Berufswahl entwickelt.

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Berlin. So richtig klar war Florian Dyballa am Ende seiner Schulzeit nicht, was er machen sollte. Also ging er zu einer Berufsberatung. Nach dem Gespräch standen zwei Berufe auf seiner Liste: Bankkaufmann und Gärtner. „Mit dem Gärtner konnte ich gar nichts anfangen“, sagt der 29-Jährige. Ja, er hatte gesagt, dass er Pflanzen mag, aber das war auch schon alles. Für den Vorschlag Bankkaufmann hatte er mehr Verständnis, „das hatte mich auch interessiert“. Doch bevor er sich für eine Ausbildung bewarb, machte er ein Praktikum bei einer Bank – und war desillusioniert. „Man muss eher Verkäufer sein als Berater“, sagt Dyballa. Das wollte er nicht. Schließlich hat er einen Bachelor in Wirtschaftspsychologie gemacht. In seiner Abschlussarbeit hat er sich mit moderner Berufswahl aus psychologischer Sicht beschäftigt.

„Ein Ergebnis war, dass die Fragebögen ausgedient hatten“, sagt Florian Dyballa. Heute müsse eine Berufsorientierung ansprechender sein und vor allem die moderne Technik miteinbeziehen. Dyballa hat es nicht bei der Theorie belassen. Mit Arbnor Raci, David Biller und Boas Bamberger entwickelte er eine neue Berufsberatung, so wie er sie sich gewünscht hätte – die App Aivy.

Ziemlich kurzweilig für Jugendliche

„Wir sind alle über Umwege zu unseren Berufen gekommen“, sagt Dyballa über das Team. Jeder konnte seine persönlichen Erfahrungen einbringen. Die App „Aivy“ ist seit kurzem auf dem Markt und soll in einem ersten Schritt vor allem Schülern helfen, den richtigen Weg zu finden – mit wissenschaftlichen Methoden aus der Psychologie, die spielerisch verpackt, ziemlich kurzweilig für Jugendliche sind. Sie können sich die App kostenlos herunterladen. Später soll ein Bewerbungsportal dazukommen. Ziel ist es, dass sich die Anwendung über die Provision von Unternehmen finanziert, die über die App Aivy Personal findet und einstellt.

Das Team sitzt im Gründerhaus der Freien Universität Dahlem an der Altensteinstraße 40. Dort arbeiten bis zu 25 Start-ups in Büros und Coworking-Spaces, die aus der Freien Universität hervorgegangen sind und ihre Ideen zur Marktreife bringen. Auch die „Aivy Career Solutions“ ist eine FU-Ausgründung. Die Gründer konnten mit einem Berliner Startup-Stipendium im Juni 2018 mit der Umsetzung der bis dahin konzeptionellen Idee von Aivy beginnen. Seit Mai 2019 wird das Unternehmen über das Exist-Gründerstipendium vom Bundeswirtschaftministerium und dem Europäischen Sozialfonds gefördert.

Ein kleiner Raum im zweiten Stock, in dem nur die Dosen mit geschnittenem Obst und Gemüse auf den weißen Schreibtischen einige Farbtupfer liefern, ist das „Entwicklungslabor“ der Vier. „Ausdenken, programmieren, testen, korrigieren“ – so beschreibt Dyballa den Prozess. Aivy ist ein Frauenname. Ähnlich wie Alexa hat Aivy eine helfende Funktion. Allerdings erfüllt Aivy nicht einfach Aufträge sondern schlussfolgert, kombiniert, zieht Konsequenzen, macht Vorschläge.

„Eigentlich müssten in einer Berufsberatung mehrere Personen sitzen, neben Mitarbeitern aus dem Jobcenter auch Unternehmer, Soziologen und Psychologen“, sagt Dyballa. Aber die würde man nie an einen Tisch bekommen. Die App versucht jetzt die Aufgabe aller Personen zu übernehmen. Spielerisch geht es von einer Etappe zur nächsten. Es beginnt mit dem „Gefühlschaos“. Dabei müssen die Nutzer Gesichtsausdrücke bewerten. Es geht darum, Emotionen zu erkennen, zuzuordnen und schnell zu sein. Nach zwei bis drei Minuten hat die App aufgrund des Datenmaterials schon die ersten Vorschläge und nennt einige Berufe, die zu 70 Prozent gefallen könnten. Nach fünf bis sechs Spielen hat sich der Kreis der möglichen Berufe auf etwa zehn reduziert.

Der Nutzer erfährt aber auch mehr über sich selbst. Was bin ich? Kreativ, praktisch, unternehmerisch, wissenschaftlich, sozial? Er bekommt nicht nur eine Rückmeldung über Interessen, Stärken und Fähigkeiten sondern auch über seine Persönlichkeit. „Künftig wollen wir dann auch gleich den passenden Platz anbieten“, sagt Dyballa. Also entweder einen Ausbildungsplatz, einen Studienplatz oder für Berufsumsteiger einen neuen Job. In dem Bewerbungsportal sollen Firmen und neue Mitarbeiter zusammenkommen.

Jede vierte Ausbildung wird ohne Abschluss beendet

„Im Fach Maschinenbau brechen 50 Prozent der Studenten das Studium ab“, sagt der 28-Jährige. Und nur weil man in Mathematik zwölf Punkte im Abitur habe, müsse man nicht das Fach studieren. Jede vierte Ausbildung und jedes dritte Studium wird ohne Abschluss beendet. „Wir wollen den Leuten helfen, zu erkennen, was sie wirklich gut können“, so Dyballa. 300 Schüler und Studenten haben die App getestet. Laut Team haben neun von zehn gesagt, dass die App ansprechend sei und sich besser in den Alltag integrieren lässt. Und: Der Algorithmus ist bereits 14 Prozent akkurater als die bereits existierenden Standardverfahren. Davon sollen letzten Endes auch die Unternehmen profitieren. „Sie senken den Aufwand und die Kosten für das Recruiting und minimieren das Risiko von Fehleinstellungen“, so Dyballa.