Griebnitzsee

Streit um Uferweg – „Enteignet die Enteigner“

Das Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg verhandelt kommende Woche über den Uferweg am Griebnitzsee.

„Privatgrundstück – Betreten verboten“: Ein Zaun und ein Schild versperren den Weg entlang des Griebnitzsee-Ufers.

„Privatgrundstück – Betreten verboten“: Ein Zaun und ein Schild versperren den Weg entlang des Griebnitzsee-Ufers.

Foto: imago stock

Potsdam . Zehn Kilometer lang war die Laufstrecke, die der Filmregisseur Volker Schlöndorff regelmäßig lief, um fit für den Marathon zu werden. Der größte Teil der Strecke führte ihn direkt am Ufer des Griebnitzsees entlang, dem ehemaligen Grenzstreifen zwischen der DDR und West-Berlin. Doch vor elf Jahren war Schluss damit. Einige Anwohner des Sees schlossen den Uferweg und beanspruchten ihn für sich. Seitdem streiten die Stadt Potsdam, die Gegner und die Befürworter des Weges darum, wie es weitergeht.

„Niemand hat es für möglich gehalten, dass jemand den Weg schließt“, sagte Schlöndorff am Mittwoch. Der ehemalige Chef der Babelsberger Filmstudios wohnt seit 1993 am See und ist Verfechter der Öffnung des Uferweges. Schlöndorff verweist auf die Geschichte des ehemaligen Grenzstreifens zwischen Berlin und Potsdam. Erst hätten die Nationalsozialisten im Zuge der Arisierung hier Gebäude und Grundstücke enteignet, dann nach Kriegsende die Sowjets, und schließlich sei es mit dem Mauerbau 1961 zu Enteignungen gekommen. Nun wollten Anwohner, die unter anderem von Rückübertragungen nach dem Fall der Mauer profitiert hätten, den Uferstreifen der Öffentlichkeit vorenthalten. „Enteignet die Enteigner, muss es heißen“, sagt Schlöndorff.

Der Fall ist kompliziert und zieht sich nun seit 15 Jahren durch mehrere Ebenen und Instanzen. In der kommenden Woche verhandelt das Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg ihn erneut. Nachdem die Stadt Potsdam einen Bebauungsplan für den See beschlossen hat, klagen einige Anrainer dagegen. Der Plan der Stadt sieht den freien Uferweg vor, die Kläger wollen das nicht hinnehmen. „Dabei“, so Schlöndorff, „handelt es sich doch nur um etwa zehn Prozent der Anwohner.“ Wenn aber 90 Prozent für die Öffnung seien, warum akzeptierten die Kläger nicht den Mehrheitswillen, fragt Schlöndorff.

Stadt Potsdam setzt auf ihre „rechtssichere Planung“

Die Stadt ist zuversichtlich, dass der Bebauungsplan vom Gericht bestätigt wird. „Wir sind guter Dinge, dass der Bebauungsplan rechtsgültig ist“, sagte der Sprecher der Stadt Potsdam, Jan Brunzlow. „Wir haben aus den Erfahrungen der Normenkontrollverfahren von vor zehn Jahren die notwendigen Rückschlüsse gezogen, um einen rechtssicheren Plan vorzulegen.“

Der Streit um den Uferweg begann im Jahr 2004, als der Bund und die Oberfinanzdirektion Cottbus erste Grundstücke am See an private Eigentümer verkauften. Zuvor war der Versuch der Stadt Potsdam gescheitert, die Immobilien zu erwerben, um den Uferweg für die Öffentlichkeit zu sichern. Der Bund verkaufte meistbietend, die Stadt konnte damals mit den Angeboten der Privaten nicht mithalten. Schon kurze Zeit später versuchten erste Anwohner, den Uferweg zu sperren, doch die Stadt entfernte die Sperren umgehend.

Uferweg am Griebnitzsee war bei vielen Ausflüglern beliebt

Als aber das Oberverwaltungsgericht im Jahr 2008 den ersten Bebauungsplan der Stadt Potsdam kippte, sahen die Anrainer den Zeitpunkt gekommen, den Weg endgültig zu sperren. Seitdem können Spaziergänger und Radfahrer den See nicht mehr umrunden. Auch sehr zum Leidwesen von Susanne Brömsel, die seit 65 Jahren am Griebnitzsee wohnt und sich im Verein „Griebnitzsee für Alle“ engagiert, den auch Volker Schlöndorff unterstützt. „Früher konnte mich meine Mutter nicht besuchen, weil unser Haus direkt am Grenzstreifen lag“, erinnert sie sich. Nach dem Fall der Mauer zog sie sogleich los, den See zu umrunden – 19 Jahre lang. Bis dann im Jahr 2008 Schluss damit war. Sie kann nicht verstehen, dass der Weg an histo­rischer Stelle ihr nun wieder verschlossen bleiben soll.

Der Uferweg am Griebnitzsee war bei vielen Ausflüglern beliebt, da er eine Verbindung von Schloss und Park Babelsberg in Richtung Wannsee herstellte. Am Ufer liegen auch historische Gebäude wie die Truman-Villa, in der der US-amerikanische Präsident Harry S. Truman während der Potsdamer Konferenz wohnte, auf der die Siegermächte die deutsche Nachkriegsordnung regelten. Von der Villa aus erließ Truman den Befehl für die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki. Seit 1998 ist die Villa im Besitz der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung.

In der benachbarten Villa Seefried wohnte der damalige britische Premierminister Winston Churchill während der Potsdamer Konferenz. Sie ist heute im Besitz des SAP-Gründers und Pots­damer Mäzens Hasso Plattner. Architekt der Villa war der ehemalige Bauhaus- ­Direktor Ludwig Mies van der Rohe.