Leserforum

Anwohner sagen, was sich in Steglitz-Zehlendorf ändern muss

Morgenpost vor Ort: Leserforum zu Problemen und Perspektiven in Steglitz-Zehlendorf. Schwerpunkte: Bildung, Verkehr und Grünpflege.

„Probleme und Perspektiven im Südwesten“ – so war das Leserforum in Rahmen der Reihe „Morgenpost vor Ort“ überschrieben.

„Probleme und Perspektiven im Südwesten“ – so war das Leserforum in Rahmen der Reihe „Morgenpost vor Ort“ überschrieben.

Foto: Maurizio Gambarini/Funke Fotoservices

Berlin. Steglitz-Zehlendorf ist ein grüner Bezirk, die vielen Wasserflächen tragen zusätzlich zur Attraktivität bei. Doch Grünflächen würden nicht ausreichend gepflegt, kritisieren Anwohner. Andere ärgern sich über nächtlichen Lärm und Müll am Schlachtensee. Das wurde beim Leserforum der Berliner Morgenpost am Montagabend im gut gefüllten Bürgersaal des Rathauses Zehlendorf deutlich. Weitere Schwerpunkte der Diskussion waren der zunehmende Verkehr, die Raumnot an vielen Schulen und die Entwicklung der Schloßstraße.

„Probleme und Perspektiven im Südwesten“ – so war das Leserforum in Rahmen der Reihe „Morgenpost vor Ort“ überschrieben. Als Teilnehmer der Podiumsdiskussion begrüßte Moderator Hajo Schumacher die Bezirksbürgermeisterin von Steglitz-Zehlendorf, Cerstin Richter-Kotowski (CDU), den Leiter des Polizeiabschnitts 43, Gösta Köhler, die Vorsitzende des Bezirkselternausschusses, Ulrike Kipf, den stellvertretenden Landesvorsitzenden und Sprecher des Fahrgastverbandes IGEB, Jens Wieseke, sowie die Bezirksreporterin der Berliner Morgenpost für Steglitz-Zehlendorf, Katrin Lange. Die wichtigsten Themen im Überblick:

Schloßstraße soll keine Fußgängerzone werden

Die Einkaufsmeile habe sich in den vergangenen Jahren nicht zu ihrem Vorteil verändert. Es fehle das Individuelle, bilanzierte Morgenpost-Reporterin Katrin Lange, die seit rund 30 Jahren im Umfeld wohnt. Die Straße habe sich weiterentwickelt, dabei habe es Aufs und Abs gegeben, sagte Bezirksbürgermeisterin Cerstin Richter-Kotowski.


Sie erteilte Gedankenspielen eine Absage, aus der Schloßstraße eine Fußgängerzone zu machen. Das werde seit den 80er-Jahren immer mal wieder diskutiert und wohl aus gutem Grund habe sich die Idee nie durchgesetzt. „Ich glaube nicht, dass das der Straße gut tun würde“, sagte sie, auch mit Blick auf die Wilmersdorfer Straße in Charlottenburg. Diese habe sich nicht positiv entwickelt, seit sie eine Fußgängerzone ist. Wichtig sei indes, den Durchgangsverkehr in der Schloßstraße zu reduzieren.



Einig waren sich die Podiumsteilnehmer, dass die 330 Eigentumswohnungen im Steglitzer Kreisel nicht den Bezirk verändern werden. Ob sie zu einer Aufwertung der Schloßstraße führen, sei abzuwarten. Auf jeden Fall werde ein Ende des jahrelangen Leerstands im Hochhaus den südlichen Teil der Straße beleben, befand Katrin Lange.

Leerstand im Bierpinsel an der Schloßstraße ärgert viele Anwohner

Der Leerstand im denkmalgeschützten Gebäude der Pop-Architektur ärgert viele Steglitz-Zehlendorfer. Nach dem Wasserschaden im Winter 2009/2010 sei die Entwicklung sehr zäh, sagte Katrin Lange. Verschiedene Nutzungskonzepte seien von den privaten Eigentümern entwickelt und wieder verworfen worden. Zuletzt sei die Rede von Co-Working-Spaces und einem Café gewesen. Der Bierpinsel steht auf einem bezirkseigenen Grundstück, der Erbbaupachtvertrag läuft bis 2070. Darin ist auch eine Gastronomienutzung festgehalten.


Da dem Bezirk nicht das Gebäude gehöre, habe er so gut wie keine Einflussmöglichkeiten, erklärte Richter-Kotowski. Sie habe bereits drei Gespräche mit den Eigentümern geführt. Der Bezirk sei bereit, über alles zu reden, wenn ein tragfähiges Nutzungskonzept vorgelegt werde. „Daran scheitert es bislang“, so die hörbar verärgerte Bezirksbürgermeisterin. Inzwischen sei der Bestandsschutz ausgelaufen, eine umfangreiche Sanierung inklusive Brandschutz sei notwendig. Sie hoffe sehr, dass die Eigentümer bald entweder ein Konzept präsentieren oder den Bierpinsel verkaufen „damit endlich wieder jemand einzieht“.

Partys und Alkoholmissbrauch: Polizei verstärkt Präsenz am Schlachtensee

„Sind die nächtlichen Partys besorgniserregend oder gehört das zum Lokalkolorit?“, fragte Hajo Schumacher Polizeioberrat Gösta Köhler. Der Abschnittsleiter betonte, dass die Polizei ihre Präsenz am Schlachtensee und an der Krummen Lanke in diesem Jahr verstärkt habe, sowohl mit Funkstreifen als auch mit Kräften in Zivil. Zudem müssten Geschäftsleute mit Kontrollen rechnen, ob beim Verkauf von alkoholischen Getränken der Jugendschutz eingehalten wird. Die jungen Leute dürften sich an den Seen treffen, es werde aber erwartet, dass sie sich vernünftig verhalten.


Während ein Leser kritisierte, die Probleme am Schlachtensee mit Partys, Schlägereien sowie Alkohol- und Drogenmissbrauch würden verharmlost, waren sich die Bezirksbürgermeisterin, die Reporterin und der Polizeioberrat einig, dass sich die Situation wesentlich verbessert habe. Die Parkläufer würden sehr zur Deeskalation beitragen, sagten Lange und Köhler; die Liegewiese am See sei deutlich sauberer, seitdem die BSR sie mit ihren besseren Möglichkeiten reinige, ergänzte Richter-Kotowski. Wenn sein 15-jähriger Sohn sagen würde, „ich fahre zum Schlachtensee“, hätte er nichts dagegen.

Verkehr: Steglitz-Zehlendorf vor großen Herausforderungen

Steglitz-Zehlendorf stehe beim Verkehr vor großen Herausforderungen, sagte IGEB-Sprecher Jens Wieseke. Der Bezirk sei Transitroute für Menschen im Raum Potsdam–Teltow, zudem nehme der innerbezirkliche Verkehr zu, weil der Bezirk wächst. Daher müsse mehr Verkehr auf die Schiene verlagert werden. Dazu reiche die S1 aber nicht aus, sie sei nicht schnell genug.

Wieseke machte sich für die Wiederinbetriebnahme der Stammbahn stark, die einst von Potsdam über Wannsee, Zehlendorf und Steglitz zum Berliner Hauptbahnhof führte. „Wir brauchen sie“, rief Wieseke aus. Sie stehe inzwischen auch im Bundesverkehrswegeplan, ob sie als Regionalbahn oder S-Bahn revitalisiert werde, sei noch nicht klar. Wieseke sagte aber auch, dass selbst wenn jetzt zügig die Planung beginne, eine Fertigstellung nicht vor 2035 zu erwarten sei.

Die Bezirksbürgermeisterin betonte, sie werde im Planfeststellungsverfahren für die Stammbahn sehr auf einen angemessenen Lärmschutz achten, zudem müsse die Frage der Übergänge geklärt sein. An drei Stellen im Bezirk querten Straßen die Trasse. Übergänge mit Schranken seien nicht akzeptabel. Bei der Frage nach einer Straßenbahnlinie vom Alexanderplatz über Potsdamer Platz und Schöneberg bis zum Rathaus Steglitz traten die unterschiedlichen Positionen des Fahrgastvertreters und der Rathauschefin noch deutlicher zu Tage. Wieseke lobte die Tram als verlässliches, komfortables Verkehrsmittel („ein gebautes Versprechen“), wohingegen die Buslinie M 48 längst an der Kapazitätsgrenze angelangt sei.

Richter-Kotowski nannte eine Straßenbahn entlang der Schloßstraße überflüssig. Dort, wo es die Möglichkeit gibt, Verkehr unter die Erde zu legen, sollte diese Möglichkeit genutzt werden, erklärte sie. Und die U-Bahn sei bereits vorhanden. Einig waren sich die beiden hingegen darüber, dass eine Verlängerung der U3 von Krumme Lanke bis zum S-Bahnhof Mexikoplatz sinnvoll und wünschenswert wäre. „Das ginge auch bereits in zehn Jahren“, merkte Jens Wieseke an.

Und auch beim Busverkehr in Außenbezirken stimmte die Bezirksbürgermeisterin dem IGEB-Sprecher zu. Die Verbindungen seien unzureichend, kritisierte Wieseke den Senat, der Verkehrsleistungen bei der BVG bestellen und bezahlen muss. In einer Metropole müsse ein Bus mindestens alle zehn Minuten fahren, forderte er.

Was der Bezirk gegen fehlende Schulplätze tut

Sie sei vom Zuzug in den vergangenen Jahren nicht überrascht worden, daher wundere sie sich nicht über fehlende Schulplätze, sagte Cerstin Richter-Kotowski. Bereits in der letzten Legislaturperiode habe sich das Bezirksamt geweigert, drei Schulgebäude an das landeseigene Immobilienmanagement abzugeben. Eine Schule, die Drake-Schule, sei bereits wieder voll. Die zweite, die ehemalige Schmidt-Ott-Schule an der Plantagenstraße geht jetzt als Grundschule ans Netz. In Lichterfelde-Süd, wo 2500 Wohnungen gebaut werden, habe sie sehr auf eine Grundschule gedrungen, so die Bezirksbürgermeisterin. Nun werde eine dreizügige modulare Schule gebaut, zudem mehrere Kitas.



Ulrike Kipf, die Vorsitzende des Bezirkselternausschusses, bekannte, sie hätte sich an manchen Stellen gewünscht, dass früher auf wachsende Schülerzahlen reagiert wird. Im Norden von Steglitz sei die Situation bereits problematisch, insbesondere im Grundschulbereich. An den innerstädtischen Schulen bestünden kaum Erweiterungsmöglichkeiten.

Zwar gebe es im Süden des Bezirks noch Reserven an Grundschulen, aber so lange Fahrwege seien weder Eltern noch Kindern zuzumuten. „Bei den Gymnasialplätzen ist es noch recht entspannt, viel schlimmer sieht es an den Sekundarschulen aus. Wir könnten heute eine Sekundarschule eröffnen, die wäre sehr schnell voll“, mahnte Kipf.

Zum Wohnungsneubau komme der Generationswechsel im Bestand. In Wohnungen in denen bislang ein älteres Paar gewohnt habe, ziehe oft eine Familie mit mehreren Kindern ein. „Und die brauchen dann sofort Schulplätze“, sagte die Elternvertreterin. „Es wird immer enger und ich sehe kein Ende. Deshalb brauchen wir jeden Platz, den wir finden oder halten können für Schulen, Sporthallen oder Sportplätze.“

Kipf ging auch auf die Probleme der fünf Grundschulen ein, an denen im vergangenen Herbst mobile Unterrichtscontainer aus früheren Jahrzehnten wegen Statikproblemen geschlossen wurden. Wie berichtet, verzögert sich die Planung und Bestellung neuer Container. Die Vorsitzende des Bezirkselternausschusses gab dafür nicht dem Bezirksamt die Schuld. „Wir haben Pech gehabt“, sagte sie. Es seien zwei Angebote von Firmen eingegangen, die 60 und 70 Prozent über den vorgesehenen Kosten gelegen hätten. Vor der Ausschreibung habe das Bezirksamt aber entsprechende Expertise eingeholt. Nun müssten die Schulen länger warten.

Immerhin sei aber inzwischen die Kommunikation zwischen Verwaltung, Schulen und Eltern besser. An einem runden Tisch zur Lösung des Problems seien Schulleiter, Bezirkselternausschuss, Bezirksschulbeirat und Gesamtelternvertretung beteiligt. Auf die Frage von Hajo Schumacher, wie es um die Quereinsteiger bestellt sei, bezeichnete Ulrike Kipf den Bezirk als „Insel der Seligen“. Bei den ausgebildeten Lehrern sei Steglitz-Zehlendorf sehr beliebt, deshalb sei die Zahl der Quereinsteiger dort geringer als in vielen anderen Bezirken. Aber sie wachse auch im Südwesten.

Probleme an der Giesensdorfer Grundschule

Die Probleme dieser Grundschule am Ostpreußendamm wurden beim Leserforum ausführlich thematisiert, auch die Schulleiterin und der für die Hortbetreuung zuständige Bereichsleiter waren unter den Gästen. Die Schule gehört zu den fünf betroffenen Einrichtungen, deren alte Container gesperrt wurden. Nun fehlen vier Räume, doch die Schule wächst. Sie wartet auf Ersatzcontainer, zudem auf einen Neubau zur Schulerweiterung. Und schließlich funktioniere das Internet seit einem halben Jahr nicht, kritisierte Schulleiterin Konstanze Kiesner.

Den Erweiterungstrakt baue der Bezirk, sagte Cerstin Richter Kotowski. Dafür seien im Haushalt für die Jahre 2020/2021 Mittel fest eingeplant. Wann das Problem mit den Ersatzcontainern gelöst sei, könne sie noch nicht sagen.

Andreas Oesinghaus vom Stadtteilzentrum Steglitz wies auf die Probleme bei der Hortbetreuung hin, das Stadtteilzentrum betreibt den Hort an der Schule. Aktuell würden im Hort 190 Kinder betreut. Dafür stünden den Kindern nur zwei Räume zur Verfügung. Oesinghaus sprach von einem Notstand, er fühle sich als Betreiber alleingelassen.

Ulrike Kipf hatte dafür Verständnis. Den Schulen würden die Beschlüsse der Landesregierung zum kostenfreien Hort und zum kostenfreien Mittagessen „auf die Füße fallen“. Dafür fehle oft der Platz. Ulrike Kipf nannte die Lage an der Giesensdorfer Grundschule dramatisch, sie sei aber kein Einzelfall.

Die Bezirksbürgermeisterin betonte, ihr sei die Situation sehr wohl bewusst. Sie bekannte aber auch ehrlich: „Ich habe jetzt hier keine Lösung.“ Aber sie versprach, sich für die Schule einzusetzen und bot den Schulverantwortlichen ein Gespräch an.

Pilotbezirk für das Tausendfüßler-Projekt

Steglitz-Zehlendorf sei Pilotbezirk für das „Tausendfüßler-Projekt“, das gemeinsam mit der Senatsverkehrsverwaltung entwickelt wurde, berichtete Kipf. Dabei würden Sammelpunkte für Kinder festgelegt, die morgens von ihren Eltern mit dem Auto zur Schule gebracht werden. So soll verhindert werden, dass die „Elterntaxis“ bis vor das Schultor fahren und dort regelmäßig für gefährliche Situationen sorgen. Von den Sammelpunkten würden die Kinder dann begleitet gemeinsam zur Schule laufen. Polizeioberrat Köhler begrüßte die Aktion. Das System der Elterntaxis sorge nicht nur häufig für Gefahren, es verhindere auch, dass Kinder ihren Schulweg lernen.

Klagen über schlecht gepflegte Parks und Grünanlagen

Viele Parks und Grünanlagen seien in einem schlechten Zustand, und mangelhaft gepflegt, monierten mehrere Gäste des Leserforums. Als Beispiele wurden das Gemeindewäldchen und die Dorfaue in Zehlendorf-Mitte sowie der Schlosspark Lichterfelde genannt. Die Bezirksbürgermeisterin hat Verständnis für die Klagen. Allerdings reichten das Personal im Grünflächenamt und die vorhandenen Finanzmittel nicht einmal annähernd, um die Grünanlagen gut zu pflegen, bedauerte sie.

Bei anhaltend großer Hitze wie in diesem und dem vergangenen Jahr sei es auch nicht möglich, die Grünflächen ausreichend zu wässern. Wilde Müllkippen in Parks sollten Bürger bitte dem Ordnungsamt über die Hotline melden, empfahl die CDU-Politikerin. Mehrere Leser meinten, die Bürger könnten auch selbst aktiv werden und Abfall beseitigen oder Bäume wässern.

Sicherheit in Steglitz-Zehlendorf ist gut

Gösta Köhler sieht Steglitz-Zehlendorf in Punkto Sicherheit beim Bezirksvergleich auf einem sehr guten Platz. „Hier lässt es sich überall sehr gut leben in dieser Hinsicht“, sagte der Abschnittsleiter. Die Menschen seien auch gut ansprechbar für Prävention. Und die sei häufig das A und O. Das sehe man bei Einbrüchen, wo es inzwischen im Bezirk in jedem zweiten Fall beim – erfolglosen – Versuch bleibe.

Beim Trickbetrug, etwa mit der Enkeltrick-Masche oder durch falsche Polizisten, seien sogar 90 Prozent der Fälle erfolglos. Köhler bat darum, Senioren im privaten Umfeld für solche Delikte zu sensibilisieren. Um sich besser gegen Einbrecher zu schützen, empfahl er die Kriminalpolizeiliche Beratungsstelle. Die Kollegen kämen auch nach Hause, die Beratung sei kostenlos.