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Zehlendorfer Villa der Kinder und Künstler feiert Jubiläum

Das Jugendkulturzentrum in Zehlendorf feiert am 31. August sein 70-jähriges Bestehen. Doch das Haus muss dringend saniert werden.

Alexander Skoczowsky sitzt vor der Villa – der Zaun ist ein Schutz vor herabfallenden Schindeln.

Alexander Skoczowsky sitzt vor der Villa – der Zaun ist ein Schutz vor herabfallenden Schindeln.

Foto: Katrin Lange

Wer ist der Mörder? Das versuchen Emma, Till, Genoveva, Milan und die anderen Fünftklässler herauszufinden. Sie sitzen auf der Bühne des Theatersaals und spielen „Mord im Dunkeln“ – ein Detektivspiel, das alle gut finden.

Es gibt viele Gründe, nach dem Unterricht in den Schülertreff ins Haus der Jugend an der Argentinischen Allee in Zehlendorf zu kommen. Für Genoveva ist es das Detektivspiel, für Emma das leckere Mittagessen – vor allem die Pfannkuchen und die Asia-Nudeln. Till und Milan wollen lieber bei ihren Freunden sein als allein zu Hause, Eva und Athina wollen Theaterspielen.

Seit 1949 als Jugendeinrichtung genutzt

Ihr Schülertreff ist kein gewöhnlicher Freizeitraum, er befindet sich auch nicht in einem modernen Zweckbau. Mittlerweile 70 Jahre ist eine Villa am See fest in der Hand von Kindern, Jugendlichen, kleinen Kreativen, Künstlern und Musikern. Seit 1949 wird das Anwesen an der Argentinischen Allee 28 als Jugendeinrichtung genutzt und offiziell als „Haus der Jugend“ bezeichnet.

Heute proben mehrere Theater- und Tanzgruppen sowie Bands in dem Haus mit eigener Bühne und Tonstudio. Es gibt Töpferkurse, Gitarrenunterricht, zahlreiche Veranstaltungen und Aufführungen. Das Jubiläum soll am Sonnabend, den 31. August, gefeiert werden (15 bis 22 Uhr).

Die alte Villa ist noch immer als repräsentatives Wohnhaus zu erkennen. Eine geschwungene Treppe mit einem schweren Holzgeländer führt in die erste Etage, sie trennt den Flügel der einstigen Herrschaft von dem der Dienstboten.

Fledermaus-Quartier im Luftschutzbunker

Alexander Skoczowsky macht eine kleine Führung durch das Haus. Seit 2015 leitet der 40-Jährige das Jugendkulturzentrum, er kennt jede Geschichte und jede Ecke des Hauses, auch die dunklen. Schlagzeug hat Skoczowsky studiert und dann einen Master als Sozialarbeiter gemacht. Bevor er die Leitung übernahm, war er bereits als Schlagzeuglehrer im Haus der Jugend.

Er öffnet die Türen zum Musikzimmer, Fundus, Technikraum und zum Bühnenbildraum, führt durch die Bibliothek, einen Raum für die Kleinkinderbetreuung am Morgen und einen für die Hausaufgabenbetreuung. Schließlich zeigt er eine besondere Toilette, in der noch die originalen Delfter Fliesen von 1910 in Blau und Weiß erhalten sind. Heute wird der Sanitärraum, in dem noch ein Waschbecken ist, als Lager genutzt. Skoczowsky will ihn wieder in seinem alten Zustand herstellen lassen.

Zu dem Anwesen gehören zudem eine seit zwölf Jahren leerstehende Hausmeisterwohnung unter dem Dach, deren Räume künftig wieder genutzt werden sollen und ein Gärtnerhäuschen, in dem die Töpferwerkstatt untergebracht ist. Im Garten sind noch Reste der Fundamente eines Bootshauses und ein Pavillon zu sehen. Dort soll ein Gewächshaus aufgebaut werden. Umweltbildung – das ist ein neuer Aspekt des Jugendzentrums, um in die Zukunft zu gehen. Dafür soll der alte Luftschutzbunker im Vorgarten mit Hilfe des Nabu zu einem Fledermaus-Quartier umgebaut werden.

Haus mit bewegter Geschichte

Im Jahr 1910 wurde die repräsentative Villa im Landhausstil mit direktem Zugang zum Waldsee für den Architekten und Baumeister der Zehlendorf-West Terrain AG Franz Fiedler gebaut. Die Geschäfte liefen irgendwann nicht mehr so gut – in den 30er-Jahren wurde die Villa dem preußischen Staat überschrieben. Die Besitzer wechselten noch einige Mal, bis die Amerikaner 1945 das Haus übernahmen. „Schon einige Wochen nach Kriegsende stellten sie einen Antrag, im alten Kinosaal, der heute als Theatersaal genutzt wird, Filme zu zeigen“, erzählt Alexander Skoczowsky. Vier Jahre später ging das Haus an das Land Berlin über. Heute ist es eine bezirkliche Einrichtung mit vier fest angestellten Mitarbeitern.

Mit den Pfadfindern fing die Jugendarbeit an, es gab Übernachtungen, Ferienangebote, Bootsfahrten auf dem See. „Der Garten war früher voller Kinder“, berichtet der Leiter aus der Geschichte. 1968 sorgte die Villa wochenlang für Aufmerksamkeit. „Wer ist der Mörder?“, hieß es damals, allerdings war es kein Spiel. In der Villa hatten Kinder und Erzieher nach einem Ausflug übernachtet. Ein Mann, der zuvor erfolglos in eine andere Villa eingebrochen war, sah dort noch Licht und stieg ein, offenbar in der Hoffnung, doch noch Beute zu machen. Am anderen Morgen waren eine Erzieherin und ein fünfjähriges Kind tot – erdrosselt. Der mysteriöse Doppelmord von Zehlendorf wurde nie aufgeklärt.

Wassereinbruch nach heftigem Gewitter

In den 70er-Jahren versuchte die linke Studentenbewegung das Haus zu besetzen und es in „Salvador-Allende-Haus“ umzubenennen. Es gab viele politische Diskussionen – am Ende konnte die Jugend ihr Haus behalten. In den folgenden Jahren entwickelte sich die Villa zum kulturellen Zentrum von Zehlendorf mit Konzerten und Theateraufführungen. „Offene Jugendarbeit mit kulturellem und politischem Bildungsschwerpunkt“ – so bezeichnet Alexander Skoczowsky das jetzige Angebot des Hauses.

Bei dem Rundgang durch die Villa und über das Gelände sind auch die altersbedingten Schwachstellen zu sehen. Rings um das Haus ist ein Sicherheitszaun aufgestellt, „falls Schindeln herabfallen“, sagt der Leiter. In den Außenmauern steckt Feuchtigkeit, im Keller musste ein Probenraum für die Musiker geschlossen werden. Erst war 2015 ein Wasserrohr gebrochen, dann kam es vor zwei Monaten bei einem heftigen Gewitter zu einem Wassereinbruch. Es riecht muffig im Keller, in dem sich auch das Tonstudio und die Übungsräume hinter dicken Schallschutzwänden befindet.

Grundlegende Sanierung könnte noch 2020 beginnen

„Für eine erste grundlegende Sanierung sind bis zum Jahr 2021 insgesamt 2,68 Millionen Euro im Doppelhaushalt eingeplant“, sagt Jugendstadträtin Carolina Böhm (SPD). Ob weitere Finanzmittel notwendig seien, hänge nicht zuletzt vom Zustand des Hauses ab. Der zeige sich erst nach Beginn der Sanierungsarbeiten und den Voruntersuchungen. Die Baumaßnahme werde sicherlich einige Jahre dauern.

Bis zur Beschlussfassung des Haushaltes auf der Landesebene muss der Bezirk die Bauplanung erstellen. „Die weiteren Schritte, wie die Ausschreibung der Arbeiten, werden sich bis 2020 hinziehen“, sagt die Stadträtin. Die Instandsetzung reiche vom feuchten Mauerwerk im Keller bis zum maroden Dach. Dämmung und energieeffizienter Ausbau erfolgten nach den Regeln des Denkmalschutzes.

Der feuchte Keller, der muffige Geruch – das alles kann Tim und Julian nicht abschrecken. Am späten Nachmittag kommen sie zur Bandprobe. Ob sie nicht auf der Jubiläumsfeier spielen wollen, fragt Alexander Skoczowsky ganz spontan. Tim ist eigentlich nicht da, aber nun überlegt er doch noch einmal. Er weiß, dass in den Kellerräumen bereits die Karriere von „Seeed“ begonnen hat.

Info zum Jubiläum

„70 Jahre Haus der Jugend Zehlendorf“ wird am Sonnabend, 31. August, von 15 bis 22 Uhr an der Argentinischen Allee 28 gefeiert. Der Eintritt ist frei. Besucher sind eingeladen, die bewegende Musik-, Kultur- und Theatergeschichte des Hauses kennenzulernen und alten und neuen Talenten zu begegnen. Auf dem Programm stehen Auftritte von Bands und Solokünstlern, fünf Theater-, zwei Tanzgruppen und Jürgens Gitarrenensemble. Der Chor des Hauses wird singen, die Besucher können sich zudem auf Überraschungsgäste freuen.