Wissenschaft

„Wir forschen nicht im Geiste Otto Suhrs“

Seit 1959 trägt das politikwissenschaftliche Institut der FU Berlin den Namen des SPD-Politikers. Der wäre jetzt 125 Jahre alt geworden

Bernd Ladwig, geschäftsführender Direktor des Otto-Suhr-Instituts

Bernd Ladwig, geschäftsführender Direktor des Otto-Suhr-Instituts

Foto: Philipp Siebert

Es ist ruhig im grünen Dahlem. Wo sonst täglich tausende Studenten über die Ihnestraße strömen, herrscht an diesem Nachmittag gähnende Leere. Die Mensa im Obergeschoss des Neubaus mit der Hausnummer 21 schließt wegen der Semesterferien eine halbe Stunde früher. In der rundherum verglasten Bibliothek im Erdgeschoss sitzen gerade einmal 15 Studenten vor Computern oder über Bücher gebeugt. Einige sind der Stille entflohen und stehen rauchend oder telefonierend vor dem Eingang. „Otto-Suhr-Institut“ steht in silberner Schrift darüber. Aus dem dunklen Foyer blickt eine bronzene Büste des Namensgebers stumm auf die geöffnete Tür.

„Ich glaube, er war SPD-Politiker in der Weimarer Republik“, antwortet Politikwissenschaftsstudent Daniel Looser (22) auf die Frage, wessen Antlitz dort zu sehen ist. „Berliner Bürgermeister – der erste nach dem Zweiten Weltkrieg“, ist hingegen Fabian Grimm (25) überzeugt. „Ich wusste es, als ich hier angefangen habe zu studieren, aber jetzt ist es weg“, räumt die 21 Jahre alte Filizia Lehrke ein. Zeitgleich tippt ihre gleichaltrige Kommilitonin Victoria Lauritsen auf ihrem Computer. „Ah… Politiker, Sozialdemokrat.“

Rund 3000 Studenten am OSI eingeschrieben

Das OSI, so der geläufige Name, ist eines der größten politikwissenschaftlichen Institute Deutschlands. Rund 3000 Studenten sind derzeit eingeschrieben. Der Mitarbeiterstab besteht aus etwa 40 Professoren, Assistenten und Lehrbeauftragten. 1959 ging es aus der bis dahin eigenständigen, 1920 gegründeten Deutschen Hochschule für Politik (DHfP) hervor und wurde Teil der Freien Universität Berlin. Suhr war für die Wiedereröffnung der DHfP im Jahr 1948 verantwortlich und leitete sie bis zu seiner Wahl zum Regierenden Bürgermeister 1955. Dennoch spielt er in der wissenschaftlichen Arbeit am OSI heute kaum noch eine Rolle. „Er ist eine inspirierende Gründungsfigur und ein untadeliger Namensgeber, aber wir forschen nicht im Geiste Otto Suhrs“, sagt Bernd Ladwig, Professor für Politische Theorie und seit zwei Jahren geschäftsführender Institutsdirektor.

Das spreche nicht gegen Suhr, sondern habe damit zu tun, dass er nach heutigem akademischen Verständnis kein Politikwissenschaftler, sondern Politiker war. „Er hat in einer Phase gewirkt, in der noch unklar war, ob die Politologie eine Wissenschaft oder eine viel mehr der Praxis und Bildungsarbeit verpflichtete Einrichtung sein würde“, so Ladwig weiter. Der Politiker Suhr stand für letzteres. Denn wie schon in der Weimarer Republik stand kurz nach dem Zweiten Weltkrieg nicht die wissenschaftliche Analyse, sondern die Vermittlung liberaldemokratischer Werte im Zentrum der Arbeit der DHfP. Die Wahl und Beibehaltung Otto Suhrs als Namensgeber einer Wissenschaftseinrichtung versteht Ladwig als „Bekenntnis zur politischen Praxis“.

Früher forschte hier Josef Mengele

Das OSI besteht aus zwei Gebäuden. Neben dem Ende der 50er-Jahre errichteten Neubau an der Ihnestraße 21 gehört auch der Altbau auf der anderen Straßenseite mit der Hausnummer 22 dazu. Bis 1943 war dort das 1927 gegründete Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik untergebracht. Dessen Mitarbeiter lieferten „wissenschaftliche Begründungen für die menschenverachtende Rassen- und Geburtenpolitik des NS-Staates“, steht heute auf einer Gedenktafel neben dem Eingang.

Neben den Direktoren Eugen Fischer und Otmar von Verschuer ist ein weiterer unrühmlicher Name untrennbar mit diesem Ort verbunden. An der Ihnestraße 22 wurde die Zwillingsforschung des SS-Arztes Josef Mengele geplant und wissenschaftlich ausgewertet. Dazu sendete Mengele Organe seiner Opfer aus dem KZ Auschwitz nach Dahlem. Heute sei das ständig Thema in der Auseinandersetzung um das Gebäude, sagt Ladwig. Ein düsteres Kapitel, dass erst Ende der 80er-Jahre Teil des allgemeinen Bewusstseins geworden sei. Vorher wurde am OSI um andere Dinge gestritten.

Institut war lange tief gespalten

Ab den späten 60er-Jahren war das Institut von einer tiefen Polarisierung geprägt. Ein links-marxistisches und ein bürgerlich-konservatives Lager standen sich unversöhnlich gegenüber. „Es gab eigentlich zwei Institute in einem und es war nur mit Mühe möglich, eine Spaltung zu verhindern“, sagt Ladwig. Die Folgen der Polarisierung seien bis zum Ende des Kalten Krieges spürbar gewesen. Davon zeugt noch heute der Schriftzug „Johannes-Agnoli-Institut für Kritik der Politik“, der in schwarzen Lettern neben dem offiziellen Namen an der Wand des Neubaus steht. Der Politikwissenschaftler lehrte von 1972 bis 1990 am OSI und gilt als einer der Vordenker der 68er-Studentenbewegung. Der Schriftzug wurde zwar erst 2003 nach Agnolis Tod angebracht. Er zeugt aber von der ständigen Bestrebung aus dem linken Lager einer Umbenennung.

Heute gebe es diese politisch-ideologische Spaltung nicht mehr, sagt Ladwig. Das sei vor allem Gesine Schwan zu verdanken. Die SPD-Politikerin lehrte ab den frühen 70er-Jahren am OSI und war immer dem bürgerlichen Lager zuzurechnen. In ihrer Zeit als Dekanin von 1992 bis 1995 habe sie es aber geschafft, Brücken zu schlagen, „dass die Kommunikation mit dem marxistischen Lager möglich war“.

Institut hat breites Angebot

Zwar sei das OSI nach wie vor pluralistisch, sagt Ladwig. Gestritten werde allerdings nicht mehr ideologisch, sondern wissenschaftlich und methodisch. Die Schwerpunkte der Arbeit lägen heute bei der Analyse von Populismus, aufstrebendem Nationalismus und dem Aufstieg illiberaler Regionalmächte wie China und Russland. Auch Umweltforschung gewinne an Wichtigkeit.

Berlin sei für das Fach Politikwissenschaft ein attraktiver Standort, was Studenten aus In- und Ausland anziehe. „Die sind, soweit ich es beurteilen kann, sehr gut, intrinsisch motiviert und sehr interessiert“, ist Direktor Ladwig überzeugt. Entsprechend anspruchsvoll seien die Lehrveranstaltungen. „Und das OSI ist immer noch größer als andere Institute und bietet entsprechend mehr Spielraum – nicht nur für die Kerngebiete der Politikwissenschaft, die es überall gibt“, nennt Ladwig ein Alleinstellungsmerkmal. Und tatsächlich: Hört man sich unter den wenigen Studenten an diesem Nachmittag um, ist es insbesondere das breite Angebot, das sie zu schätzen wissen.