Jubiläum

Wadzeck-Stiftung in Lichterfelde: Ein neues Zuhause auf Zeit

Einst Waisenhaus, heute Heilpädagogisches Zentrum: Die Wadzeck-Stiftung feiert in Lichterfelde ihr 200-jähriges Bestehen.

Volker Stock, Leiter der Einrichtungen der Wadzeck-Stiftung, und Gertrud Schäpe, Bereichsleiterin Stationäre Wohngruppen sitzen in einem Klassenraum der Tagesgruppe.

Volker Stock, Leiter der Einrichtungen der Wadzeck-Stiftung, und Gertrud Schäpe, Bereichsleiterin Stationäre Wohngruppen sitzen in einem Klassenraum der Tagesgruppe.

Foto: Katrin Lange

Berlin. Der kleine rote Koffer liegt griffbereit im Regal. Olivia (Name geändert) ist bereit, ihn jederzeit wieder zu packen und zu gehen. Aber jetzt hat die Sechsjährige ihn gerade ausgepackt. Ihr neues Zuhause ist eine Wohngruppe der Wadzeck-Stiftung an der Lichterfelder Drakestraße. Sie ist in der Krisengruppe. „Schläge“, heißt es nur kurz zu den Gründen. Und dass die Eltern nicht erziehungsfähig seien. Am Nachmittag soll der Gutachter kommen und mit ihr sprechen.

Festakt am Freitag mit geladenen Gästen

Olivia gehört zu den knapp 50 Kindern, die am Steglitz-Zehlendorfer Standort der Stiftung betreut werden. Dort wird am Freitag gefeiert: Die Wadzeck-Stiftung begeht in diesem Jahr ihr 200-jähriges Bestehen. Höhepunkt ist der Festakt am 9. August mit geladenen Gästen aus der Politik, darunter Sigrid Klebba, Staatssekretärin für Jugend und Familie, und Mitarbeiter der Verwaltung.

Am Nachmittag ist ein Sommerfest für die Kinder, Eltern und Nachbarn geplant. In den Räumen der Verwaltung an der Drakestraße 79 wurde anlässlich des Jubiläumsjahres auch eine Ausstellung über die Geschichte der Wadzeck-Stiftung organisiert. Wer Interesse hat, sich die zum Teil originalen historischen Dokumente anzusehen, kann seinen Besuch anmelden unter Tel: 030-843 82-0.

Wadzeck wuchs selbst im Waisenhaus auf

Franz Daniel Friedrich Wadzeck (1762 – 1823) wurde in Berlin geboren und wuchs selbst im Waisenhaus in Halle auf, nachdem sein Vater gestorben war und seine Mutter sich nicht kümmern konnte. Er studierte Theologie, wurde Kanzelprediger und bekam schließlich eine Stelle als Professor am königlichen Kadettenkorps. 1808 gab er auf eigene Kosten ein „Nützliches und unterhaltsames Wochenblatt für den gebildeten Bürger und denkenden Landsmann“ heraus. Doch schon länger hatte er den Wunsch, etwas für arme Kinder zu tun. „Es war eine Zeit, in der viele Kinder auf der Straße lebten, entweder weil sie Waise waren oder weil ihre Eltern sie nicht ernähren konnten“, sagt Volker Stock, Leiter der Einrichtungen und Vorstand der Stiftung. Sie hätten betteln müssen. Staatliches Versorgungssystem gab es noch nicht.

Eröffnung am Geburtstag des Königs

Im Jahr 1819 war es soweit. Am Geburtstag des Königs eröffnete Wadzeck das erste evangelische Waisenhaus Berlins in der damaligen Mudrichgasse, heute Wadzeckstraße in Mitte, für 50 Knaben und 25 Mädchen. Bereits ein Jahr später wurden 100 Kinder betreut, bis 1822 kamen drei Neubauten dazu, die er über Spenden und seine Pension als Professor finanzierte.

Vier Jahre nach der Gründung des Waisenhauses starb Wadzeck. Nur eine Woche nach seinem Tod trafen sich 15 Förderer zur Gründung eines „Vereins zur Verwaltung der Wadzeck-Anstalt“, der durch den König genehmigt wurde.

1931 Umzug nach Lichterfelde

Der Betrieb ging weiter. 1864 wurde noch ein weiterer Neubau gebraucht, der aus einem gespendeten Erbe bezahlt wurde. Um 1900 gab es drei Wohngruppen für Mädchen und zwei für Jungs. 1931 zog die Anstalt von Mitte nach Lichterfelde an die Limonenstraße. Weil das Haus nach dem Krieg zerbombt war, mussten die Kinder in mehreren Quartieren, darunter in der Schwartzschen Villa an der Schloßstraße, zwischenzeitlich Unterschlupf finden, bis die Amerikaner 1948 zwei Villen an der Drakestraße 79 zur Verfügung stellten.

Von der stationären Unterbringung bis zu Pflegefamilien

Dort ist noch heute der Hauptsitz und die Zentrale der Wadzeck-Stiftung, die als moderner freier Träger der Jugendhilfe an vier Standorten für mehr als 300 Kinder und Jugendliche und deren Familien aktiv ist: in Lichterfelde-West, Spandau, Lichtenrade und im Spreewald in Alt-Schadow. Die Angebote der Stiftung reichen von der stationären Unterbringung in familienorientierten Wohngruppen über teilstationäre Betreuung in Tagesgruppen, Familienhilfen bis zur Begleitung von Pflegefamilien.

Kleine Klassen mit sechs Kindern

In der Lichterfelder Drakestraße leben knapp 40 Kinder in Wohngruppen, etwa zehn werden in Tagesgruppen betreut. Einige gehen in Regelschulen, andere besuchen das Schulprojekt der Stiftung und lernen in kleinen Klassen mit höchstens sechs Kindern oder bekommen Einzelunterricht. Die Kleinsten sind drei Jahre, in der Jugend-WG sind 16-Jährige. Die Gründe, warum die Kinder nicht mehr zu Hause wohnen können sind vielfältig – jeder Fall ist ein Einzelfall.

Kinder mit traumatischen Erfahrungen

„Gewalt, Missbrauch, Kindeswohlgefährdung, Krankheit der Eltern“, nennt Gertrud Schäpe, Bereichsleiterin der stationären Wohngruppen, einige Beispiele, die ein Leben in der Familie unmöglich machen. So hätte es ein Kind gegeben, dessen Mutter so schwer krank war, dass der Tod absehbar war. Weil es keine weitere Familie gab, wuchs das Kind schließlich in einer Wohngruppe auf. Aber auch Trennungskinder sind dabei und Kinder mit traumatischen Erfahrungen. Einige haben Konzentrationsschwierigkeiten, Entwicklungsrückstände, emotionale Probleme. Andere mussten mit zehn Jahren schon die Versorgerrolle in der Familie übernehmen, sich um den Haushalt und die Geschwister kümmern, weil die Eltern dazu nicht in der Lage waren.

Wohngruppen sind Ersatzfamilien

Sie alle finden in Lichterfelde ein zweites Zuhause – ein normales Leben mit Regeln, Abläufen, Schule und Hobbys. Ein Therapie-Hund kommt regelmäßig zu Besuch, in der Garten-AG kümmern sich die Teilnehmer um die Pflanzen im eigenen Garten am Teltow-Kanal. „Ziel ist es, dass die Kinder wieder nach Hause gehen“, sagt Vorstand Volker Stock. Doch für einige Zeit sind die Wohngruppen und die Betreuer ihre Ersatzfamilien.

Mama mit Fragezeichen im Wochenplan

Olivia wurde gerade eingeschult. Ihr neues Zimmer liegt gleich hinter dem großen, hellen Gemeinschaftsbereich mit Sofa, Fernseher, Küche und Esstisch. Jeder Bewohner hat sein eigenes Zimmer, oft sind sie hier größer als zu Hause. Die Sechsjährige kann vom Fenster aus auf den Spielplatz und die benachbarte Grundschule sehen. Noch ist das Zimmer leer und aufgeräumt, viel hat sie noch nicht mitgebracht. Eine Freundin habe sie schon, erzählt die Betreuerin, mit den Erziehern komme sie auch gut klar. Ihr Name steht jetzt auch auf dem Wochenplan, der im Gemeinschaftsbereich aushängt, damit keiner seine Termine verpasst. Am Freitag, dem Tag des großen Jubiläumsfestes, ist nur ein Wort bei Olivia eingetragen: Mama. Mit einem großen Fragezeichen.