Steglitz-Zehlendorf

Neue Namen für sieben Straßen und Plätze gefordert

In Steglitz-Zehlendorf fordern drei Parteien und ein Wissenschaftler, Straßen umzubenennen, um Unrecht zu tilgen oder Personen zu ehren.

Der Zehlendorfer Andreas Gies fordert, den Corrensplatz wieder in Wassermannplatz umzubenennen

Der Zehlendorfer Andreas Gies fordert, den Corrensplatz wieder in Wassermannplatz umzubenennen

Foto: Katrin Lange

Berlin. Elf Jahre lang hat Andreas Gies von seinem Büro im Umweltbundesamt auf den Corrensplatz geguckt. Der Platz ist ein Dreieck in Dahlem mit einer geschützten und gepflegten Grünanlage. Die Bänke im Schatten sind nachmittags alle besetzt, Studenten kreuzen den Park auf dem kürzestem Weg zum Bus. „Vor etwa sieben Jahren habe ich bemerkt, dass unter dem romantischen Corrensplatz noch eine Geschichtsschicht darunter ist“, sagt der ehemalige Abteilungsleiter, der seit einem Jahr im Ruhestand ist. Der Platz war von 1930 bis 1938 nach dem ehemaligen Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für experimentelle Therapie, August von Wassermann (1866-1925), benannt. Wassermann war Jude, 1938 wurde der Platz umbenannt. Der 66-Jährige will, dass der Platz nun wieder Wassermannplatz heißt.

Sieben Anträge für neue Namen im Kulturausschuss

Damit ist er nicht allein in Steglitz-Zehlendorf. Im jüngsten Kulturausschuss standen allein sieben Anträge zur Umbenennung von Straße und Plätzen auf der Tagesordnung. Und auch die evangelische Ernst Moritz Arndt Kirchengemeinde hat beschlossen, sich umzubenennen. Ist es ein Zufall, dass alle zeitlich zusammenfallen? Oder ist es an der Zeit, Namen, Personen und Ereignisse einer historischen Prüfung zu unterziehen? Andreas Gies will die Fragen nicht pauschal sondern nur für sich beantworten. „Ich bin ein Wissenschaftsfreak, und Ungerechtigkeiten lassen mich nicht mehr los“, sagt der studierte Biologe.

Keine Gedenktafel am Institut

Andreas Gies ist ganz in der Nähe des Wassermannplatzes geboren, heute wohnt er in Zehlendorf. An der Thielallee 73 steht noch immer das Institut, in dem August von Wassermann Direktor war. Aber auch dort erinnert keine Gedenktafel an sein Wirken. „Wassermann leistete Pionierarbeiten bei der Diagnose, Prävention und Therapie von Infektionskrankheiten“, sagt Gies. So hätten ihn seine Arbeiten zur Diagnose der Syphilis auf der Grundlage eines Bluttests weltweit bekannt gemacht. Auch auf dem Gebiet der Behandlung von Hirnhautentzündungen und der Strahlentherapie von Tumoren hätte Wassermann Bahnbrechendes geleistet. Carl Correns (1864-1933) war Botaniker, „mit Sicherheit ein guter, aber seine Leistungen waren im Vergleich nicht so wichtig und herausragend für die Menschen“, sagt der Zehlendorfer.

Ungerechtigkeit wieder gut machen

Eigentlich findet er Straßenumbenennungen „Quatsch“. Aber die Ungerechtigkeit, die Erinnerung an einen jüdischen Wissenschaftler zu tilgen, sei nie wieder gut gemacht worden. Sein Ziel ist es jetzt, dass über einen Antrag auf Umbenennung des Corrensplatzes in Wassermannplatz in der Bezirksverordnetenversammlung beraten und „hoffentlich überfraktionell“ entschieden wird.

Die Bezirksverordneten haben derzeit einige Anträge auf Namensänderungen vorliegen, hier ein Überblick:

Hindenburgdamm

Am Hindenburgdamm werden zwei neue Hinweistafeln angebracht, die über Paul von Hindenburg (1847-1934) informieren. Das haben die Bezirksverordneten in ihrer letzten Sitzung vor der Sommerpause kurz vor Mitternacht noch beschlossen. Zwei Fraktionen hatte die Anbringung der Tafeln gefordert. Während die CDU-Fraktion in ihrem Antrag Paul von Hindenburg als Person der Zeitgeschichte für die Bürger im Alltag erfahrbar machen will, ging es der Fraktion der Linken in ihren Antrag darum, den Politiker „endlich kritisch einzurahmen“. Beschlossen wurde mit den Stimmen von CDU, Grünen, FDP und AfD der Antrag der Christdemokraten. SPD und Linke plädierten für den Antrag der Linken.

Gallwitzallee, Weddigenweg und Maerckerweg

Alle drei Anträge stammen von der Linksfraktion und werden derzeit im Kulturausschuss beraten. Die Gallwitzallee soll umbenannt werden, weil „Max von Gallwitz (1852-1937) laut Professor Holger Afflerbach ein ausgeprägter Antisemit war“, so die Begründung. An Otto Eduard Weddigen (1882-1915) soll eine Informationstafel an der Ecke Ringstraße und Weddigenweg erinnern. Seit 1915 trägt die Bellevuestraße in Lichterfelde West den Namen Weddigenweg. Der Kapitänleutnant sei wie andere „Kriegshelden“ im Deutschen Kaiserreich, in der Weimarer Republik und vom faschistischen Hitler-Regime glorifiziert worden. Im Fall Maerckerweg, so die Linksfraktion, sei es eine „Schande, dass im Jahr 2019 in Steglitz-Zehlendorf noch immer eine Straße nach Georg Ludwig Rudolf Maercker (1865-1924) benannt ist. Aus Sicht der deutschen Faschisten hätte sich Maercker als Kolonialkrieger, Anführer eines Freikorps und Antisemit für Deutschland verdient gemacht.

Straßenumbenennung Stauffenberg

Die AfD-Fraktion fordert, eine Straße oder einen Platz im Bezirk nach dem Widerstandskämpfer Claus Schenk Graf von Stauffenberg (1907-1944) zu benennen, weil er prominent für den Widerstand gegen Hitler und die NS-Diktatur steht. Der Straßenzug oder der Platz solle der historischen Tat und symbolischen Bedeutung genügend Ausdruck verleihen, „weshalb wir einen Straßenzug angemessener Größe vorschlagen“, heißt es in dem Antrag. Die Person und sein Handeln solle in das stete Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt werden. Am 20. Juli jährt sich das Attentat von Stauffenberg auf Adolf Hitler.

Spanische Allee

Die Spanische Allee soll nicht umbenannt aber umgewidmet werden. Das fordert die Fraktion der Linken. Der Straßenname solle nicht mehr für die Rückkehr der faschistischen Legion Condor aus dem Spanischen Bürgerkrieg stehen, heißt es in der Antragsbegründung. Stattdessen solle er in den Zusammenhang mit der deutsch-spanischen Freundschaft gestellt werden. Die Umwidmung müsse in geeigneter Weise veröffentlicht werden, fordern die Antragsteller.