Jubiläum

Unter Schwestern - Evangelischer Diakonieverein wird 125

Der Evangelische Diakonieverein Berlin-Zehlendorf feiert sein 125-jähriges Bestehen. Schwester Ellen ist ein halbes Leben lang dabei.

Schwester Ellen Waldmüller hat ihr Leben dem Evangelischen Diakonieverein Zehlendorf gewidmet. Noch heute schätzt sie die Gemeinschaft.

Schwester Ellen Waldmüller hat ihr Leben dem Evangelischen Diakonieverein Zehlendorf gewidmet. Noch heute schätzt sie die Gemeinschaft.

Foto: Katrin Lange

Berlin. Sie hat es nie bereut. Männer? „Ja, da gab es schon einige Interessenten.“ Ellen Waldmüller lehnt sich lachend zurück. Ihre Augen sind so flink wie ihre Gedanken, die Erinnerungen wach und klar. Schwester Ellen ist 93 Jahre alt, sie trägt eine violette Bluse, eine dunkle Jacke und dazu ein passendes Tuch, das von einer Brosche gehalten wird. Die Zeit der Trachten und Hauben ist vorbei, aber an der Brosche mit der Rose sind die Diakonieschwestern zu erkennen. „Ich war so mit meinem Beruf ausgefüllt“, sagt sie über ihre Entscheidung, ein Leben in der Gemeinschaft zu führen. Diese Gemeinschaft ist der Evangelische Diakonieverein Berlin-Zehlendorf. Er feiert am 11. April sein 125-jähriges Bestehen. Es wird ein großes Fest, auch für Schwester Ellen.

Frauen zur Selbstständigkeit verhelfen

Starke Frauen und ein Kirchenmann – so beginnt die Geschichte des Diakonievereins. Der Theologe Friedrich Zimmer (1855-1919) gründete mit Vertreterinnen der Frauenbewegung 1894 den „Verein zur Sicherstellung von Dienstleistungen der evangelischen Diakonie“ in Wuppertal-Elberfeld. Seit 1899 ist die Zentrale des Vereins und der Schwesternschaft in Zehlendorf, zunächst an der Heidestraße, der heutigen Busseallee, ab 1928 im Heimathaus an der Glockenstraße 8. „Die Idee war, Frauen auszubilden und ihnen dadurch die Selbstständigkeit zu ermöglichen“, sagt Oberin Constanze Schlecht. Denn unverheiratete Frauen hätten damals keine Möglichkeit gehabt, einer Arbeit nachzugehen.

Von Anfang an hat es sich der Verein zur Aufgabe gemacht, den Bedürfnissen der Zeit zu dienen. Damals war es die Pflege, heute geht es über das Gesundheitswesen hinaus bis zur Obdachlosen- und Flüchtlingshilfe.

Mehr als 2000 Mitglieder hat der Verein

Mehr als 2000 Mitglieder gehören dem Diakonieverein an, in etwa 80 Kliniken, Alten- und Pflegeeinrichtungen in ganz Deutschland sind 1800 Schwestern und Pfleger im Einsatz. „Heute werden an 15 Standorten rund 450 junge Menschen in der Gesundheits- und Krankenpflege und zur Hebammen- und Entbindungspflegern ausgebildet“, sagt Jan Dreher, Kaufmännischer Vorstand des Diakonievereins. In den nächsten 125 Jahren wolle man weiter wachsen, dafür lege man immer wieder neue Grundsteine. So wurde kürzlich der erste Spatenstich für einen Neubau mit 14 seniorengerechten Wohnungen an der Glockenstraße gesetzt.

Zehn Häuser stehen auf dem Gelände des Diakonievereins, die ersten sind mehr als 100 Jahre alt. Im Heimathaus sitzt die Verwaltung, es gibt ein Bildungs- und Tagungszentrum, etwa 40 Gästezimmer und außerdem Wohnhäuser, die so schöne Namen tragen wie Birkenvilla, Wiesenvilla und Apfelvilla für etwa 50 Bewohner.

Schwester Ellen wohnt in der Rosenvilla. Seit 1967 ist die gebürtige Frankfurterin (Main) in Berlin beim Diakonieverein und hat verschiedene Arbeiten bis zur Pensionierung 1990 gemacht, wie sie erzählt. Sie hat die Bildungsarbeit in der Diakonieschule geleitet und sich darum gekümmert, dass die Schwestern auch eine gutes Allgemeinwissen erhielten. „Musik, Theater, Literatur – das gehörte alles zum Unterricht“, sagt Ellen Waldmüller. Theaterbesuche wurden vor- und nachbereitet, dafür habe sie extra eine Germanistin verpflichtet.

Nachts noch ein letztes gutes Wort für einen Sterbenden

Aber auch die Pflege und die Seelsorge gehörten zu ihren Aufgaben. Eine Zeit lang wohnte sie über der Nachsorgestation, heute werden sie Palliativstationen genannt. Oft ist sie nachts noch einmal zu den Sterbenden geholt worden, dann wurde sie von der Nachtwache geweckt. Sie erinnert sich daran, wie an einen schönen Moment. „Das war lebendiges Leben bei den Sterbenden.“ Noch einmal ein gutes letztes Wort, noch einmal an einer Fliederblüte riechen – jemanden zu haben, der sich um sie kümmert, da war für sie – das habe den Menschen gut getan. Und auch sie erfüllt.

Schwester Ellen durfte nicht heiraten, dann hätte sie die Schwesternschaft verlassen müssen. Das ist Vergangenheit, heute sind auch verheiratete Frauen und sogar Männer dabei. Aber neben der Arbeit und dem Zusammengehörigkeitsgefühl der Menschen, die gemeinsam eine Aufgabe übernehmen, hat Schwester Ellen noch etwas an ihrem Leben geschätzt: „Ich habe nie einen Haushalt geführt, mich immer an den gedeckten Tisch gesetzt und das schmutzige Geschirr auf einen Wagen gestellt.“ Das genieße sie bis heute.

Das Zusammengehörigkeitsgefühl ist wichtig

Die Gemeinschaft, das Zusammengehörigkeitsgefühl – das hat auch Renate Henckel von Anfang an beeindruckt. Sie hat in der Wiesenvilla eine Wohnung bezogen. Ihr Mann war von 1986 bis 1998 Direktor des Diakonievereins. Die 75-Jährige ist noch heute Mitglied im Verein. „Ich habe die Frauen bewundert, wie sie ihr Leben führen“, sagte Renate Henckel. Immer voll im Einsatz, immer überzeugt von dem, was sie tun, immer weltoffen. Bei einem ersten Besuch in Berlin vor dem Stellenantritt ihres Mannes hätten ihre Söhne gesagt: „Papa, hier kannst du anfangen, das sind tolle Frauen.“ Ob Kinofilme oder das Zeitgeschehen, kein Thema sei ihnen fremd gewesen.

Ein bisschen wehmütig ist sie dennoch. Die Gemeinschaft sei früher intensiver gewesen – als die Schwestern noch im Heimathaus gewohnt hätten. Heute gebe es ja keinen Wohnzwang mehr auf dem Vereinsgelände. Zusammenhalt gibt es aber immer noch, zum Beispiel in ihrer Sitz-Gymnastik-Gruppe. Die leitet Renate Henckel einmal in der Woche ehrenamtlich. Ein bisschen Kopfarbeit ist auch dabei. Wenn am Ende alle mitmachen und die Luftballons durch den Raum schweben lassen, dann weiß sie wieder, dass hier ihr Platz ist.

Glockenvilla wird neu gebaut

Der Neubau der Glockenvilla ist das letzte Projekt auf dem Heimathausgelände an der Zehlendorfer Glockenstraße. In einem Jahr sollen die Wohnungen fertig sein. Mit dem aktuellen Bauprojekt und dem bereits beendeten Bau und Umbau der Wiesenvilla und der Gartenvilla solle der Diakonieverein für die Zukunft wirtschaftlich gestärkt werden, sagt Vorstand Jan Dreher.

Das Jubiläumsfest des Evangelischen Diakonievereins am 11. April beginnt um 11 Uhr mit einem Festgottesdienst in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. Zur Feier am Nachmittag in der Urania werden der Bundesgesundheitsminister Jens Spahn und der Kabarettist Eckart von Hirschhausen erwartet. Ab 18 Uhr gibt es eine „Familienfeier“ im Heimathaus. Schwestern, Brüder, Mitarbeiter des Diakonievereins sind dabei – alle, die zur Familie von Ellen Waldmüller gehören.