Stadtentwicklung

Ist Zehlendorf noch Dorf oder schon Stadt?

Seit Jahren wird über die Umgestaltung des alten Dorfangers in Zehlendorf diskutiert. Jetzt geht es endlich los.

Stadtentwickler Clemens Klikar hat Jugendliche und Erwachsene zum Ortskern befragt.

Stadtentwickler Clemens Klikar hat Jugendliche und Erwachsene zum Ortskern befragt.

Foto: Katrin Lange

Steglitz-Zehlendorf. Es ist laut, sehr laut. Stoßstange an Stoßstange schieben sich Autos, Lastwagen, Busse durch den Teltower Damm. Passanten hasten die Bürgersteige entlang, vorbei am grünen Anger, wo früher mal ein Teich war, vorbei am Rathaus bis zum S-Bahnhof Zehlendorf. Was ist das eigentlich hier? Ein Dorfanger oder ein städtischer Raum?

Diese Frage hat sich Stadtentwickler Clemens Klikar in seiner Sozialraumanalyse der Zehlendorfer Mitte gestellt. Seine Antwort: „Optisch und gefühlt ist hier noch die alte Seele des Dorfangers“, so Klikar. Aber die Lebensrealität habe sich verändert. Und deshalb habe der Ort nichts mehr mit einem Dorfanger zu tun.

Seit Jahren wird im Bezirk über die Entwicklung des alten Dorfangers diskutiert. Fast jede Partei hat schon mal ein Konzept zur Umgestaltung vorgelegt. Da war von Fußgängerzonen, neuen Stadtplätzen und sogar von der Wiederherstellung des alten Löschteichs die Rede. Passiert ist nichts. Zu viele Hindernisse, zu viel Gegenwehr.

Ganz unabhängig vom politischen Kräftemessen im Rathaus und in der Bezirksverordnetenversammlung kommt jetzt aber doch langsam einiges in Gang rund um den Teltower Damm. Und das ist nicht zuletzt Bürgerinitiativen, Investoren und der Baufälligkeit zu verdanken. Neue Fußgängerzonen, ein weiterer S-Bahn-Zugang, ein neues Wohn-und Geschäftshaus und die Sanierung des Rathauses sind nur einige Vorhaben, die jetzt aktuell sind.

Am wichtigsten ist der Bereich um den S-Bahnhof

Was sind die besonderen Orte in Zehlendorf-Mitte? Das hat Clemens Klikar Erwachsene und Jugendliche befragt. Die Antworten sind fast identisch. Der wichtigste Ort ist für alle der Bereich um den S-Bahnhof Zehlendorf mit dem Postplatz. Gleich dahinter kommt der Ortskern mit Rathaus und Teltower Damm. Die Frei- und Grünflächen am Dorfanger sind für Jugendliche auf dem dritten Platz, bei den Erwachsenen liegen sie auf dem vierten Platz.

„Das sind also die zentralen Orte, wo man hinsehen muss“, sagt Clemens Klikar. Die Reduzierung des Verkehrs, eine Sanierung der Grünanlagen, mehr Busse und S-Bahnen und mehr Angebote an Bänken und Aufenthaltsorten – das sind einige der Wünsche, die von Erwachsenen und Jugendlichen in der Studie geäußert wurden.

Die Dorfaue wird zwar noch nicht saniert. Aber sie soll ein ruhigerer Ort werden. Dafür plant Umweltstadträtin Maren Schellenberg (Grüne) die Straße vor dem Standesamt, die parallel zum Teltower Damm verläuft, zur Hälfte als Fußgängerzone auszuweisen. Der Taxistand soll von der Potsdamer Straße an die Kirchstraße vor das Rathaus Zehlendorf verlegt werden. Autos könnten künftig nur noch bis zum Standesamt fahren. Von dort bis zur Potsdamer Straße plant Schellenberg eine Fußgängerzone.

Senat sagt 70 Millionen Euro für die Rathaus-Sanierung zu

Während das noch Überlegungen sind, steht die Realisierung einer weiteren Fußgängerzone bereits kurz bevor. Die kleine Straße, die vom Teltower Damm zum Postplatz führt, auch „Kleiner Teltower Damm“ genannt, soll noch im ersten Halbjahr eine Fußgängerzone werden, die aber auch Fahrradfahrer nutzen können. Damit wird auch der Bereich rund um den Postplatz aufgewertet, der bereits jeden Sonnabend als Marktplatz bestens angenommen wird.

Endlich voran geht es jetzt auch bei der seit mehr als zehn Jahren geplanten Sanierung des Rathauses Zehlendorf. Der Bezirk hat die Zusage des Senats über 70 Millionen Euro für die geplanten Arbeiten. Noch in diesem Jahr beginnt nach Auskunft von Bezirksbürgermeisterin Cerstin Richter-Kotowski (CDU) die Sanierung des denkmalgeschützten Altbaus aus dem Jahr 1929. In einem ersten Schritt werden die Keller trockengelegt und die Fassade ausgebessert. Für die zwischen 1960 und 1970 entstandenen vier Bauten liegt jetzt eine Machbarkeitsstudie vor, in der mehrere Varianten durchgerechnet werden.

Geprüft wurden drei Szenarien – alles abreißen und alles neu bauen, einen Teil abreißen und ein Bauteil sanieren oder alles stehen lassen und sanieren. „Die wirtschaftlichste Variante ist die Variante 1 – alles abreißen und neu bauen“, erläutert Umweltstadträtin Maren Schellenberg. Sie hat zudem noch einen entscheidenden Vorteil: 500 Arbeitsplätze gibt es heute im Rathaus Zehlendorf. In den Neubauten würden 300 zusätzliche Arbeitsplätze entstehen, die dringend gebraucht werden, weil die Verwaltung wächst. Nach der Sanierung wäre dann Platz für etwa 800 Mitarbeiter im Rathaus Zehlendorf.

Bis 2024 soll die neue Bahnbrücke am S-Bahnhof Zehlendorf fertig sein

Neue Entwicklungen gibt es auch am anderen Ende des Dorfangers gegenüber der alten Schule, in der das Heimatmuseum ist. An der Berliner Straße 1–3 / Ecke Clayallee soll ein Neubau entstehen. „Der Bauantrag wurde im Dezember 2018 eingereicht“, bestätigt Marcel Mattick, Referent der Bezirksbürgermeisterin. Das alte Gebäude soll abgerissen und durch einen Neubau ersetzt werden. Geplant ist ein Büro- und Geschäftshaus mit vier Geschossen und einem geneigten Dach. In das Erdgeschoss ziehen Läden, darüber sind Büros und Praxen.

Einen Teilerfolg hat auch die Bürgerinitiative Zehlendorf erreicht: Der Zeitplan für den Bau der neuen Bahnbrücke am S-Bahnhof Zehlendorf steht. Bis Ende 2024 soll das Bauvorhaben am Teltower Damm abgeschlossen sein. Allerdings werden in diesem Zeitraum nur zwei Zugänge zu den Gleisen entstehen: Der heute schon bestehende Aufgang am Teltower Damm wird umgebaut und ein zweiter auf der gegenüberliegenden Straßenseite in Höhe des Radiogeschäftes neu gebaut. Die Bürgerinitiative hatte aber einen dritten Zugang am Postplatz gefordert. Dafür ist aber die Finanzierung noch nicht geklärt.

Der große Wurf für die Umgestaltung der alten Dorfaue sei das alles noch nicht, sagt Maren Schellenberg. Aber es komme Bewegung hinein. Für den großen Wurf müsste es eine Lösung für den Schwerlastverkehr geben. Und die Verkehrsströme müssten reduziert werden. Auch die Fahrradführung sei noch viel zu kompliziert, vor allem an den Bushaltestellen. Für all diese Probleme ist noch keine Lösung in Sicht.

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