Blindenmuseum

Umbau des Blindenmuseums in Gefahr

Bezirk und Förderverein streiten sich über den Nutzungsvertrag. Die Lottomittel stehen bereit, doch die Baugenehmigung erlischt 2019.

Jürgen Lubnau, Vorsitzender des Fördervereins des Deutschen Blindenmuseums, mit einem Harry-Potter-Band in Blindenschrift

Jürgen Lubnau, Vorsitzender des Fördervereins des Deutschen Blindenmuseums, mit einem Harry-Potter-Band in Blindenschrift

Foto: Katrin Lange

Berlin. Wie spielt man „Mensch-ärgere-dich nicht“, wenn man blind ist? „Die Farben können wir nicht sehen“, sagt Jürgen Lubnau, Vorsitzender des Fördervereins des Deutschen Blindenmuseums. Deshalb würden sich die Köpfe der Spielfiguren je nach Farbe unterscheiden. Die einen hätten flache, die anderen runde Köpfe oder auch eine Kerbe. Die Spielfelder haben fühlbare Erhebungen. Jürgen Lubnau ist einer von etwa 6000 blinden Menschen in Berlin und sitzt vor dem Spielbrett im Blindenmuseum an der Steglitzer Rothenburgstraße. 1890 gegründet, ist es das älteste Museum im Bezirk und das einzige Blindenmuseum in Deutschland. Doch nachdem zuerst die benachbarte Blindenwerkstatt geschlossen werden musste, hat auch das Museum Zukunftsprobleme. Es muss umgebaut werden, doch die Baugenehmigung droht im April 2019 zu erlöschen.

„Ich habe den Eindruck, dass das Bezirksamt alles tut, um den barrierefreien Umbau zu verhindern“, sagt Lubnau. Bereits 2014 hat die Lottostiftung 370.000 Euro für das Blindenmuseum zur Verfügung gestellt. Seitdem verhandelt der Vorstand des Fördervereins mit dem Bezirksamt über den Nutzungsvertrag. Der Bezirk ist Eigentümer der Immobilie, die zur Johann-August-Zeune-Schule für Blinde gehört. „Ist das Haus erst einmal mit dem Lottogeld saniert, hat auch der Bezirk etwas davon. Er bekommt eine frisch renovierte Immobilie“, so Lubnau.

Problem sind Öffnungszeiten

Seit 2016 hat der Förderverein die Zusage vom Bezirk, dass er die Räume des Museums, die sich über zwei Etagen erstrecken, weitere 25 Jahre nutzen kann. Das Problem sind die Öffnungszeiten. Das Blindenmuseum wird von Ehrenamtlichen betrieben. Es hat derzeit mittwochs von 15 bis 18 Uhr und jeden ersten Sonntag im Monat ab 11 Uhr geöffnet. Der Bezirk fordert jetzt, dass der Museumsbetrieb an zwei Wochentagen für mindestens drei Stunden und an jedem ersten Sonntag für sechs Stunden gewährleistet werden soll. „Das ist mit den Ehrenamtlichen nicht zu leisten“, sagt Lubnau. Seine Forderung: Entweder finanziert der Bezirk eine hauptamtliche Stelle oder es bleibt wie es ist.

Ohnehin kämen die wenigsten Besucher zu den regulären Öffnungszeiten, sagt der Vereinsvorsitzende. Insgesamt 2275 Besucher waren es im Jahr 2017, davon gehörten mehr als 2000 zu Gruppenführungen. Die 116 Führungen – alle nach Vereinbarung und außerhalb der Öffnungszeiten – werden immer von zwei ehrenamtlichen Mitarbeitern betreut, einem Sehenden und einem Blinden. Bei zehn bis zwölf Führungen im Monat sind das 24 Stunden, die etwa sechs Betreuer freiwillig leisten. „Wenn wir jetzt zusätzliche Öffnungszeiten einführen, können wird keine Führungen mehr anbieten“, sagt Lubnau.

Frank Mückisch (CDU) ist der zuständige Stadtrat im Bezirksamt. „Wir sind noch im Gespräch mit dem Förderverein des Blindenmuseums und es sind noch einige Fragen offen“, sagt Mückisch. Natürlich sei er froh, dass der Verein das Museum betreibe. Aber dann sollte es auch mehr der Öffentlichkeit zur Verfügung stehen. „Wenn sie das nicht allein stemmen können, müssen wir reden“, so der Bezirksstadtrat für Bildung und Kultur.

Im Blindenmuseum waren bereits Gruppen aus China, Russland, Italien, Finnland und Holland zu Gast. Aber es sind vor allem auch Schulklassen, die gern morgens zehn Uhr, im Rahmen des Ethik-, Religions- oder Naturkundeunterrichts, eine Führung buchen. In der Ausstellung lernen sie, wie die Blindenschrift funktioniert. Es gibt eine Filmstation über die Schrift, die 1825 von dem Franzosen Louis Braille entwickelt wurde. In den Räumen sind alte Punktschriftmaschinen zu sehen und ein historischer Arbeitsplatz für blinde Stenografen. An der Wand stehen alle Harry-Potter-Bände – in Blindenschrift. Sie füllen wesentlich mehr Regalplatz, als die originalen Bände aus dem Buchladen. Und es gibt eine Ecke mit den Spielen, wie "Mensch-ärgere-dich-nicht" für Blinde. Alles kann ausprobiert werden, die Kinder können sich auch an das Spielbrett setzen und mit verbundenen Augen eine Partie versuchen.

Barrierefreie Umbau im Vordergrund

Nach der Sanierung soll die Ausstellung noch um einige Exponate erweitert werden. Doch im Vordergrund steht jetzt erst einmal der barrierefreie Umbau. Ein Fahrstuhl ist geplant, um Rollstuhlfahrern den Zugang zu ermöglichen. Auch die Sanitäranlagen sollen behindertengerecht modernisiert werden. Doch um diese Arbeiten in Angriff zu nehmen, müssen sich Bezirk und Förderverein nicht nur über den Nutzungsvertrag einig sein. Das Geld muss bei der Lottostiftung auch noch abgerufen und die Arbeiten ausgeschrieben werden. Das ist schon jetzt bis zum Ablauf der Baugenehmigung in vier Monaten kaum zu schaffen.

1875 wurde die Johann-August-Zeune-Schule für Blinde an der Rothenburgstraße errichtet, zwei Jahre später ging sie in Betrieb. Aus dieser Zeit stammt auch das Gebäude, in dem das Blindenmuseum untergebracht ist. Es wurde bis zum Einzug des Museums unter anderen als Mädcheninternat genutzt, später hatte der Schulleiter seine Wohnung darin.

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