Kämpferin

Dreimal kam der Krebs zurück - doch Katharina gibt nicht auf

Mit zwölf Jahren erkrankte sie an Krebs, drei Mal kam er zurück. Für Medikamente sammelt ihre Schule Spenden.

Katharina Pohlenz im Gang der Wilma-Rudolph-Schule. Vor sieben Jahren ist sie an Knochenkrebs erkrankt.

Katharina Pohlenz im Gang der Wilma-Rudolph-Schule. Vor sieben Jahren ist sie an Knochenkrebs erkrankt.

Foto: Maurizio Gambarini

Berlin. Einfach nur Alltag haben. Zur Schule gehen, Mittagessen, nachmittags lernen oder chillen – das ganz normale Leben leben. Das kann Katharina Pohlenz im Moment richtig genießen. Alltag ist für die 19-jährige Abiturientin das Gegenteil von Klinik, Infusionen, Schmerzen. Mit zwölf Jahren ist sie an Knochenkrebs erkrankt, drei Mal kam der Krebs zurück, zuletzt in der Lunge. Weil ihr Körper keine Chemotherapie und keine Bestrahlung mehr verkraften kann, gilt sie als austherapiert. Doch für Katharina gibt es immer einen Weg, sie kämpft und mit ihr die Wilma-Rudolph-Oberschule (WRO) in Zehlendorf. „Das ist unser Wilma-Spirit“, sagt Direktorin Maria Kottrup. „Nicht aufgeben, kämpfen, Ziele setzen!“

Sie hat immer daran gedacht, dass es gut geht und klappt

Katharina und Wilma sind beide Kämpferinnen. Wilma Rudolph (1940–1994) hatte Kinderlähmung. Die Erwachsenen – bis auf ein Arzt und ihre Mutter – sagten ihr, dass sie niemals würde laufen können. Schließlich lief sie schneller als alle anderen. 1960 holte sie bei den Olympischen Spielen drei Goldmedaillen über 100 Meter, 200 Meter und in der Staffel.

Auch Katharina hat sich nie unterkriegen lassen. Sie kommt gerade aus dem Geschichtsunterricht, gleich geht es weiter mit Psychologie. „Ich habe erlebt, wie sich andere nach dem ersten Rückfall aufgegeben haben und gestorben sind“, sagt die junge Frau. Sie habe nie an das Schlechte gedacht, sondern nur, dass es klappt, dass es gut geht und die Krankheit besiegt wird. In ihrem Blog (kinderhilfe-ev.de/kathis-blog) hat sie zwischen den Krankenhausberichten mehr Smileys eingefügt als traurige Gesichter. „Ich bin ein positiver Mensch“, sagt Katharina. Mit ihrer Mutter, die sie immer begleitet, finde sie immer einen Grund zum Lachen. „Es tut einem nicht gut, sich selbst zu bemitleiden“, sagt sie.

Auch nach dem letzten Rückfall hat sie sofort nach Lösungen gesucht. Wenn keine Chemotherapie und keine Bestrahlung mehr geht – „die hätten meine Organe zerstört“ – musste es einen anderen Weg geben. Sie hatte Hoffnungen, in den USA in neue Medikamentenstudien aufgenommen zu werden. „Die sind noch in der ersten Testphase, wurden also nur an Mäusen und im Reagenzglas probiert“, erläutert die Zehlendorferin. Die Reise in die USA musste finanziert werden und dabei halfen die Mitschüler, die Schule und viele Spender. Ihre ehemaligen Mitschüler Liam Zastrow und Antonia Fromm starteten einen Aufruf auf der Spendenplattform „Leetchi“ mit den Worten: „Kathi ist der stärkste Mensch, den wir kennen!“ Im Oktober konnte Katharina mit ihrer Mutter zu einem renommierten Onkologen in die USA fliegen. Doch um in die Studien aufgenommen zu werden, hätte sie akut einen Tumor im Körper haben müssen, der auf das Medikament reagieren würde. Die Metastasen aus der Lunge waren ihr aber zuvor operativ entfernt worden, sie gilt deshalb als derzeit krebsfrei.

Einen Tag nach dem Besuch bei dem Professor in den USA kamen auch neue Ergebnisse aus Heidelberg: Dort war das Tumorgewebe aus der Lunge erneut untersucht worden. Eine überraschende Chance tat sich auf: ein Medikament, das zwar zugelassen ist, jedoch noch nicht für die Behandlung ihrer Krankheit. Deshalb wird es nicht von der Krankenkasse bezahlt. Knapp 5000 Euro kosten die Tabletten pro Monat, etwa zwei Jahre lang muss sie sie nehmen.

Mitschüler helfen mit, die Therapie zu finanzieren

Um die Therapie zu finanzieren, haben die Mitschüler erneut auf der Spendenplattform, mit Plakaten, Handzetteln und Aktionen aufgerufen, Katharina zu helfen. „Sie haben aber auch das Lehrerkollegium um Unterstützung gebeten“, sagt Axel Jürs, Verwaltungsleiter der Wilma-Rudolph-Oberschule in Zehlendorf. Daraufhin habe die Schule statt eines Wandertags einen schulweiten Spendenlauf organisiert, an dem sich alle Klassen beteiligten – die Schulleiterin ist mit jedem Jahrgang die ersten Runden mitgelaufen. Am 14. Dezember ist ein Weihnachtsbasar geplant und Anfang des Jahres ein Benefizkonzert. Die Einnahmen sollen Katharina und ihrer Therapie zugutekommen. „Gemeinsam sind wir stark!“, zitiert Axel Jürs das Motto, das die Initiatoren für ihr Fundraising wählten.

Die Klausurphase liegt gerade hinter den Abiturienten. „Das war schon anstrengend, wenn man so vorbelastet ist“, sagt Katharina. Jeden Tag nimmt sie jetzt das neue Medikament, jeden Tag eine Tablette. Davon bekomme sie manchmal Bauch- oder Kopfschmerzen und schläfrig werde sie auch. „Aber heute ist ein guter Tag“, sagt sie. Das Lächeln verschwindet nie ganz aus ihrem Gesicht. Offen und zugewandt – so bleibt sie das ganze Gespräche über.

Nächstes Jahr will sie ihr Abitur machen. Leistungskurse: Kunst und Englisch. Für die Präsentationsprüfung hat sie sich die Fächer Biologie und Psychologie ausgesucht und das Thema Immuntherapie. „Katharina ist Expertin in eigener Sache“, sagt Biologie-Lehrer Wolf Fahle, der die Prüfung betreut. Er habe noch nie erlebt, dass sie den Kopf hängen gelassen habe. Ihre Stärke sei bewundernswert und stecke Lehrer und Schüler an. „Katharina hat nicht nur das Ziel, gesund zu werden, sondern auch das Ziel, das Abi zu machen“, sagt Fahle. Das motiviere sie doppelt.

Eigentlich wollte die 19-Jährige nach dem Abitur gern Medizin studieren. Psychologie könne sie sich aber auch vorstellen, sagt die junge Frau. Gerade liest sie das Buch „Du bist das Placebo“. Darin geht es um die Kraft der Gedanken und wie die Selbstheilungskräfte durch positives Denken aktiviert werden können. Wichtig sei die richtige Einstellung: dass es sich lohnt zu kämpfen. „Man muss an sich glauben“, sagt Katharina. Das tut sie – und die Schulgemeinschaft „ihrer Wilma“ tut es auch. Denn sie mag es nicht, keinen Alltag zu haben.

Mehr Infos: wilma-rudolph.de, Spenden: leetchi.com/c/krebsbekaempfung-41459741

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