Universität

Die FU ist ein Leuchtturm für die Freiheit der Wissenschaft

Die Hochschule wurde innerhalb weniger Monate aufgebaut, die Neugründung war politisch motiviert.

Gründungsfeier der Freien Universität 1948 im Titania Palast. Ernst Reuter hält die Festrede. Zu den Gästen gehören, rechts im Bild, Oberbürgermeisterin Louise Schroeder und Thornton

Gründungsfeier der Freien Universität 1948 im Titania Palast. Ernst Reuter hält die Festrede. Zu den Gästen gehören, rechts im Bild, Oberbürgermeisterin Louise Schroeder und Thornton

Foto: akg-images / picture-alliance / akg-images

Berlin.  Der 4. Dezember ist ein Feiertag – zumindest an der Freien Universität Berlin. Am Dienstag finden keine Lehrveranstaltungen statt, vielmehr laden Fachbereiche und Institute zu Veranstaltungen ein, bei denen sich Professoren und Studenten, Mitarbeiter und ehemalige Absolventen begegnen und ihre Erfahrungen austauschen können. Anlass ist ein Jubiläum: Vor 70 Jahren, am 4. Dezember 1948, wurde die FU offiziell gegründet.

Rückblick: Die Bedingungen für die Gründung einer Universität sind denkbar schlecht. Berlin liegt immer noch in Trümmern. Die Versuche der sowjetischen Besatzer und der SED, die wirtschaftliche und politische Bindung West-Berlins an den Westen zu verhindern, nehmen stetig an Schärfe zu. Die Situation eskaliert im Juni 1948, als die Sowjets die Blockade verhängen und die drei Westsektoren abgeriegelt werden. Bis Mai 1949 können diese nur durch die Luftbrücke der Westalliierten versorgt werden. Doch gerade dieser politische Druck setzt die Energie frei, das schier Unmögliche zu wagen. Denn er schlägt auch auf die Berliner Universität Unter den Linden durch und engt Lehre und Forschung stark ein.

Dort wurde der Lehrbetrieb im Januar 1946 wieder aufgenommen. Rasch wird deutlich, dass sich die Universität einem kommunistischen Weltbild zu verpflichten hat. Studenten, die dagegen öffentlich protestieren, werden ihrer Posten in Studentenvertretungen enthoben, einige vom sowjetischen Abwehrdienst NKWD verhaftet und zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Andere verschwinden spurlos, werden mutmaßlich verschleppt.

Studenten fordern eine neue Hochschule im Westteil Berlins

Sprachrohr der kritischen Studenten ist seit 1947 die unter amerikanischer Lizenz gegründete Zeitschrift „Colloquium“. Als im April 1948 den beiden Herausgebern und dem Chefredakteur die Zulassung zum Studium entzogen wird, geraten die Proteste zur Massenbewegung. Junge Akademiker fordern den Magistrat und die amerikanische Militärregierung auf, eine Freie Universität im Westen Berlins zu errichten. Schon im Mai fasst die Berliner Stadtverordnetenversammlung einen entsprechenden Beschluss, im Juni kon­stituiert sich ein „vorbereitender Ausschuss“. Ihm gehören neben Professoren und Politikern auch Studenten an.

Die Arbeit dieses Gründungsausschusses zur Organisation und Finanzierung der Universität wird insbesondere von General Lucius D. Clay, dem Militärgouverneur der amerikanischen Zone in Deutschland und Organisator der Luftbrücke, unterstützt. Als Standort wird Dahlem ausgewählt, dort können Institutsgebäude der ehemaligen Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft genutzt werden. Am 24. Juli 1948 eröffnet der Gründungsausschuss ein Sekretariat im Haus Boltzmannstraße 4. Durch Privatspenden kann es mit Tischen, Stühlen und einer Schreibmaschine ausgestattet werden. Im Verlauf der ersten Woche lassen sich 1200 Studierwillige provisorisch registrieren, am Ende sind es 5500 Bewerber – viel mehr, als Studienplätze vorhanden sind.

Am 4. November 1948 genehmigt die Stadtverordnetenversammlung die Satzung der neuen Universität, tags darauf beginnt die Immatrikulation. Am ersten Tag, so wird es vereinbart, dürfen sich die Medi­zinstudenten von A bis K einschreiben. Das Immatrikulations­büro untersteht Stanislaw Karol Kubicki, Medizinstudent an der Universität Unter den Linden. Er und sein Kommilitone Helmut Coper entscheiden durch einen Münzwurf, wer von beiden die Matrikelnummer eins erhält. Kubicki gewinnt.

Am 10. November können die Initiatoren einen großen Achtungserfolg verbuchen: Der international renommierte Historiker Friedrich Meinecke, Professor an der Berliner Universität Unter den Linden, wechselt zur Freien Universität. Er wird deren Gründungsrektor. Und bereits am 15. November beginnt der Vorlesungsbetrieb an der Philosophischen Fakultät im Haus Boltzmannstraße 3, dem ersten Hauptgebäude der neuen Universität. Die Rechts- und Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät zieht eine Woche später an der Ihnestraße 22 nach. Am selben Tag nimmt die Medizinische Fakultät an zehn Kliniken in Berlin ihren Lehrbetrieb auf. Welch ein Tempo – innerhalb von sechs Monaten wird eine neue Universität aus dem Boden gestampft.

In ihrem ersten Semester zählt die FU 2140 Studenten sowie 128 Professoren und Dozenten. In ihrem Besitz befinden sich bereits 350.000 Bücher, die innerhalb von drei Monaten durch Spenden und Ankäufe zusammenkommen. Institute ziehen nicht nur in Gebäude der ehemaligen Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, sondern auch in angemietete Dahlemer Villen. Unter den Studen­ten kursiert der Spruch „Wo Villen sind, ist auch ein Weg“.

Am 4. Dezember 1948 schließlich wird die Freie Universität Berlin mit einem Festakt offiziell gegründet. Die Feier findet im Titania-Palast statt, das Steglitzer Kino bietet den größten verfügbaren Saal im amerikanischen Sektor. Die Eröffnungsrede hält Ernst Reuter, Vorsitzender des Gründungsausschusses und gewählter Oberbürgermeister von Berlin, der wegen eines Vetos der Sowjets nicht amtieren darf. Rektor Friedrich Meinecke ist krank, seine Festrede wird über Rundfunk in den Saal übertragen.

Zu den Gästen zählt neben den drei Stadtkommandanten der Westalliierten und Repräsentanten der Berliner Politik auch der Schriftsteller Thornton Wilder. Auf Fotos vom Festakt ist deutlich das Siegel der neuen Universität mit dem Motto „Veritas, Iustitia, Libertas (Wahrheit, Gerechtigkeit, Freiheit)“ zu sehen. Der Entwurf stammt von Edwin Redslob – Kunsthistoriker sowie Mitgründer der FU und des „Tagesspiegels“. Dieses Siegel wird auch heute noch verwendet.

Später erinnerte sich Stanislaw Karol Kubicki, der erste FU-Student, an die Studienbedingungen in jener Zeit. „Ganz am Anfang hatten wir so gut wie gar nichts. Ein Teil der Vorlesungen fand im Kino der U-Bahn-Station Onkel Toms Hütte statt. Mit Licht war es schlecht bestellt, denn meist gab es Sperrstunden; Vorlesungen fanden häufig bei Kerzenschein statt. Die Stühle nahmen wir von Seminar zu Seminar mit“, sagte er 2008 einem Universitätsmitarbeiter im Interview. „Alliierte und Berliner halfen mit Spenden, vor allem mit Büchern. Aufwendig waren damals die Wege. Zudem fuhr abends nur noch die S-Bahn, die unter sowjetischer Kontrolle stand. Man musste also ziemlich viele und lange Wege zu Fuß bewältigen“, erzählte Kubicki. Der Mediziner war Professor an der FU, von 1975 bis 1991 Direktor der Neurologisch-Neurochirurgischen Klinik im Universitätsklinikum Westend. Der heute 92-Jährige nimmt am Dienstag am Festakt zum 70. Jahrestag der Universitätsgründung teil.

Nach der aufregenden Gründungsphase folgte die Zeit des Ausbaus. Zahlreiche Gebäude wurden neu errichtet, 1960 studierten bereis mehr als 12.000 Studenten an der FU. Von Mitte der 60er-Jahre an entwickelte sich dort eine studentische Protest­bewegung, die lange Jahre das Bild von der „linken FU“ prägte. Zunächst ging es dabei um mehr Mitbestimmung in den universitären Gre­mien, zunehmend aber auch um den Vietnamkrieg und andere politische Themen. Diese Protestbewegung erfasste 1968 nahezu alle Universitäten der Bundesrepublik, als prägender Sprecher wurde der FU-Student Rudi Dutschke bekannt, auf den im April 1968 ein Mordanschlag verübt wurde.

1982 studierten 50.000 Menschen an der FU, in den Achtzigerjahren herrschte ein Missverhältnis zwischen Lehrkräften und Studenten. Doch trotz bereits bestehender Unterfinanzierung musste die Universität in den 90er-Jahren während des Sparzwangs im Land Berlin weitere Einbußen verkraften. Die Zahl der Professuren und ausfinanzierten Studienplätze wurde drastisch reduziert, dennoch stieg der Zahl der Immatrikulierten auf 62.000 im Jahr 1992 an. Sie wurde dann mittels Zulassungsbe­schränkun­gen reduziert.

Exzellenzuniversitätmit international gutem Ruf

Heute studieren knapp 33.000 Menschen an der Freien Universität. Sie genießt wieder einen international guten Ruf, jeder fünfte Studierende kommt aus dem Ausland. Sie bietet 178 Studiengänge und trägt den Status einer Exzellenzuniversität, den sie im aktuellen Exzellenzwettbewerb des Bundes und der Länder verteidigen will. Dort bewerben sich die drei großen Berliner Universitäten und die Charité gemeinsam. An ihrem Gründungsideal hält die Universität fest. „Freiheit muss immer wieder aufs Neue verteidigt werden und bleibt für unsere Universität Verpflichtung und Anspruch zugleich: Wir wollen auch in Zukunft ein Raum der Freiheit sein. Wir möchten – künftig gemeinsam mit unseren drei Berliner Partnern im Verbund – ein Leuchtturm mit Strahlkraft für die Freiheit der Wissenschaft sein, mit großer Sichtbarkeit im In- und Ausland“, sagte FU-Präsident Günter Ziegler der Morgenpost.

Mehr zum Thema:

Die FU wird 70 - So viel Prominenz saß im Hörsaal

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.