Neue Baupläne

Ehemaliges Kriegsgefangenenlager in Lichterfelde entdeckt

2500 Wohnungen sollen eigentlich in Lichterfelde entstehen. Jetzt aber wurde dort ein Kriegsgefangenenlager entdeckt. Was passiert nun?

Thomas Schleissing-Niggemann von der Initiative KZ-Außenlager Lichterfelde hat die Reste des Kriegsgefangenenlagers aufgespürt

Thomas Schleissing-Niggemann von der Initiative KZ-Außenlager Lichterfelde hat die Reste des Kriegsgefangenenlagers aufgespürt

Foto: Reto Klar

Berlin.  Die Funde waren eindeutig: französische Inschriften, eine alte Fußwaschrinne, Ziegelpflasterböden, drei Fundamente, auf denen ein Wachturm stand. Auf dem Gelände am Landweg und der Reaumurstraße in Lichterfelde-Süd, dort wo die Groth-Gruppe schon bald ein neues Stadtviertel errichten will, war einst ein Kriegsgefangenenlager.

Es gibt bestimmt noch Lichterfelder, die sich daran erinnern können. Schließlich wurden im Krieg im Telefunkenwerk an der Goerzallee französische Zwangsarbeiter beschäftigt. „Aber erst die neuen Baupläne rücken den Standort ins öffentliche Interesse“, sagt Christine Glauning, Leiterin des Dokumentationszentrums NS-Zwangsarbeit, anlässlich der Präsentation der ersten Forschungsergebnisse. Die neuen Erkenntnisse werfen viele Fragen auf: Was kann erhalten werden? Wie lassen sich die Baracken in die Baupläne integrieren? Auf die Notwenigkeit eines Lern- und Gedenkort haben sich alle Seiten bereits verständigt.

Etwa 2500 Wohnungen sollen auf dem einstigen US-Militärgelände zwischen Osdorfer Straße und der Trasse der Anhalter Bahn entstehen. Bauherr und Investor ist die Groth-Gruppe. Seit 2012 arbeitet sie an den Plänen für ein neues Stadtquartier mit Einfamilienhäusern, Geschossbauten, Geschäften, Kitas und Schule. Mit dem städtebaulichen Vertrag war das Projekt endlich soweit, dass es in die Realisierungsphase gehen könnte. Doch jetzt steht alles wieder in Frage. Bevor es losgehen kann, muss geklärt werden, wie mit den Resten den Kriegsgefangenenlagers umgegangen wird. „Wir sind in laufenden Gesprächen mit den beteiligten Ämtern und sind sicher, dass grundsätzlich eine gute Lösung gefunden wird“, sagt Anette Mischler, Sprecherin der Groth-Gruppe. Mit dem Landesdenkmalamt sei eine Vereinbarung getroffen worden, um einerseits einem Gedenken gerecht zu werden und anderseits das Bebauungsplanverfahren für den dringend benötigten Wohnraum fortzuführen.

Den Stein ins Rollen hatten die Initiative für einen historischen Lernort in Lichterfelde Süd gebracht. Dort haben sich die Initiative KZ-Außenlager Lichterfelde, die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes sowie das Aktionsbündnis Lichterfelde Süd zusammengeschlossen. Vor etwa vier Jahren hatte Thomas Schleissing-Niggemann von der Initiative KZ-Außenlager einen er-sten Verdacht. An der Reaumurstraße 1, wo Dachdecker Heinrich seine Firma hatte, entdeckte der pensionierte Geschichtslehrer so genannte Hohlblocksteine. „Solche Steine habe ich zuvor nur in der KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen gesehen“, sagt der 71-Jährige.

Im Lager wohnten zuerst Arbeiter der Reichsbahn

Vor etwa einem Jahr dann kamen Mitarbeiter des Aktionsbündnisses Lichterfelde Süd auf ihn zu. Sie erzählten ihm von einem neuen historischen Gutachten, das der Bauherr anfertigen ließ, und dem Ergebnis, dass sich auf dem Gelände ein Lager der Reichsbahnbaudirektion gefunden habe müsse. Für beide Seiten stand fest, dass das nicht alles gewesen sein könne. Gemeinsam begab man sich auf Spurensuche. Sie fanden Dokumente, mit denen sie die Existenz eines Kriegsgefangenenlagers nachweisen konnten.

Das Stammlager Stalag III D wurde im Jahr 1939 eröffnet und bestand bis 1945. Dafür hatte die Wehrmacht das Gelände samt Baracken, in denen vorher sudetendeutsche Reichsbahn-Arbeiter wohnten, gepachtet. Die Initiative der drei Verbände hat mittlerweile einen Antrag auf Denkmalschutz beim Landesdenkmalamt gestellt, um die historischen Bauten zu erhalten. Bislang war wenig bekannt über diesen Ort. Die Geschichte des Lagers wird jetzt neu aufgearbeitet. Historiker Thomas Irmer und Architektin und Bauforscherin Barbara Schulz haben kürzlich erste Ergebnisse in der Schwartzschen Villa in Steglitz vorgestellt. 1400 Arbeitskräfte hatte die Reichsbahn in den Baracken untergebracht, bevor sie an die Wehrmacht gingen. Das Lager wurde verdichtet, so dass 2600 Kriegsgefangene untergebracht werden konnten.

Die meisten Kriegsgefangenen kamen aus Frankreich

Die meisten kamen aus Frankreich, „die waren sehr beliebt, weil es qualifizierte Fachkräfte waren“, erläutert Thomas Irmer. Das Lager hatte die Aufgabe, Firmen in der Umgebung mit Arbeitskräften zu versorgen. Größere Bedeutung erlangte es für seine „Entwesungsanstalt“, in der Kriegsgefangene aus ganz Berlin mit Heißdampf entlaust wurden. Die Architektin Barbara Schulz aus dem Büro für Zeitgeschichte und Denkmalpflege hat die Bausubstanz der noch vorhandenen Baracken untersucht und so zum Beispiel anhand von Küchenkellern und Blecheimern Wirtschaftsgebäude identifiziert, aber auch Verwaltungsgebäude und das Krankenrevier.

Die authentische Substanz sei vorher wenig bekannt gewesen und offenbar in der Forschung untergegangen, schlussfolgert Bernhard Kohlenbach vom Landesdenkmalamt Berlin. Ziel sei, soviel wie möglich zu erhalten, darunter eine oder mehrere Baracken. Eine der drei noch erhaltenen Gebäude steht auf dem Gelände der neu geplanten Schule. „Wir haben ein großes Interesse, dass die Baracke dort bleibt, damit die Schüler sich damit auseinandersetzen können“, sagt Kohlenbach. Von der Groth-Gruppe heißt es: „Zum Verbleib der Baracke auf dem Schulgrundstück muss das Schulamt klären, ob und wie das dort möglich ist.“

Geschichte:

Reichsbahn

Im Jahr 1938 errichtete die Reichsbahnbaudirektion auf dem Gelände an der Osdorfer Straße, Ecke Landweg ein Lager für sudetendeutsche Arbeiter.

Kriegsgefangene

Am 1. Dezember 1939 übernahm die Wehrmacht das Lager, um Kriegsgefangene unterzubringen. Offiziell wurde es im August 1940 als Stalag III D in Betrieb genommen. Im Januar 1941 stammten die meisten Insassen aus Frankreich. Sie wurden sofort zur Arbeit eingesetzt. Das Lager wurde im Krieg zerstört, teilweise aufgebaut und 1945 aufgelöst.

US-Militärgelände

Das 100 Hektar große Gelände nutzte ab 1953 die Berlin Brigade der US-Army. Auf dem Truppenübungsgelände befand sich eine Geisterstadt mit einer Häuserkampf-Anlage. 1994 zogen die amerikanischen Besatzungstruppen ab.

Stadtquartier

Seit 2012 gehört das Areal der Groth-Gruppe, die dort ein neues Stadtquartier mit 2500 Wohnungen, Geschäften, Kitas und Schule entwickeln will. Dafür werden etwa 39 Hektar bebaut. Mehr als 60 Hektar bleiben Park-, Grün- und Weidefläche.