Prozess in Berlin

Arzt half Patientin beim Suizid, Gericht spricht ihn frei

Die Staatsanwaltschaft warf Christoph T. Tötung auf Verlangen durch Unterlassen vor. Das Berliner Landgericht sprach den Arzt frei.

Der angeklagte Christoph T. (M.) mit seinen Anwälten. Der Arzt ist seit 2015 im Ruhestand

Der angeklagte Christoph T. (M.) mit seinen Anwälten. Der Arzt ist seit 2015 im Ruhestand

Foto: BM

Berlin. Ein Berliner Arzt ist in einem Prozess um Sterbehilfe freigesprochen worden. Der 68-Jährige habe einer 44 Jahre alten und unheilbar kranken Patientin bei ihrem Suizid geholfen, sich dabei aber nicht strafbar gemacht, entschied das Landgericht am Donnerstag. Dem Arzt sei kein „aktives Tun“ nach Eintritt der Bewusstlosigkeit der Patientin vorzuwerfen. Auch das Unterlassen von Rettungsmaßnahmen sei nicht strafbar gewesen.

„Der Patientenwille ist zu achten“, sagte die Vorsitzende Richterin. Die Staatsanwaltschaft hatte eine Geldstrafe von 18 000 Euro wegen „versuchter Tötung auf Verlangen durch positives Tun“, die Verteidigung Freispruch beantragt. Als das Urteil verkündet wurde, klatschten Zuhörer.

Die Staatsanwaltschaft kündigte umgehend Revision an, damit sich jetzt der Bundesgerichtshofs (BGH) mit dem Fall beschäftigt. Der Arzt sagte nach dem Urteil, ihm sei „ein Stein vom Herzen gefallen“. Er kämpfe für die Liberalisierung der Sterbehilfe und habe sich „in ethischer und moralischer Hinsicht richtig verhalten“. Die Familie der Frau habe ihm keinerlei Vorwürfe gemacht.

„Der Patientenwille ist zu achten“, führte die Vorsitzende Richterin Bettina Sy aus. Die Patientin habe sich „frei verantwortlich“ nach einer jahrelangen Leidenszeit für einen Suizid entschieden. Der damalige Hausarzt habe der Frau im Februar 2013 ein starkes Schmerzmittel verschrieben. Die Tabletten habe sie allein geschluckt.

„Beihilfe zum Suizid ist nicht strafbar“, erklärte die Richterin. Nach der Einnahme einer laut Gutachten mehrfach tödlichen Dosis habe die Frau ihren Arzt informiert. Er habe sie bewusstlos in ihrer Wohnung gefunden und „wie verabredet“ ihr Sterben begleitet. Neun Mal sei er bis zu ihrem Tod bei ihr gewesen und habe der Bewusstlosen auch ein Antibrechmittel injiziert, um ein Erbrechen und qualvolles Ersticken zu verhindern. „Das aber war kein den Todeseintritt förderndes aktives Tun.“

Auch „hochemotionale“ Telefonate mit Angehörigen der Familie der Frau nach Einnahme der tödlichen Dosis hätten „nicht die Qualität des Abhaltens von Rettungsmaßnahmen“ gehabt, heißt es in dem Urteil weiter. Der Sohn der 44-Jährigen hatte erklärt: „Den Willen meiner Mutter zu akzeptieren, war meine Entscheidung.“

Fühlen Sie sich manchmal depressiv oder hatten Sie auch schon einmal Suizidgedanken? Oft hilft es, mit anderen Menschen darüber zu sprechen. Der Berliner Krisendienst bietet 24 Stunden am Tag kostenlose Hilfe in vermeintlich ausweglosen Lebenslagen - auch bei akuten Problemen. Telefonisch, persönlich und in zugespitzten Situationen auch vor Ort.

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