Breitenbachplatz

Warum ein Eisenwarenhandel nach 85 Jahren schließt

Der Vater von Reinhard Weger gründete 1931 das Eisenwarengeschäft am Breitenbachplatz. Jetzt gibt er auf. Die Miete und der Onlinehandel sind die Gründe.

Reinhard Weger in seinem Eisenwarengeschäft am Breitenbachplatz

Reinhard Weger in seinem Eisenwarengeschäft am Breitenbachplatz

Foto: Katrin Lange / BM

Um kurz vor zehn Uhr ist Reinhard Weger bereit. Seine Ladentür steht offen, davor ist alles aufgebaut. Balkontische, Leitern, Sonnenschirme, Vogelhäuser, Harken und Sandspielzeug stehen vor den großen Schaufenstern und weisen darauf hin, dass es bei ihm fast alles an Haushalts- und Eisenwaren zu kaufen gibt. Geschätzt sind es 10.000 Dinge. Seit 50 Jahren steht Reinhard Weger Woche für Woche fast 50 Stunden im Laden, den sein Vater 1931 am Breitenbachplatz auf Steglitzer Seite gegründet hat. Nach mehr als 85 Jahren ist Schluss. Der Räumungsverkauf hat begonnen.

Dass der 72-Jährige jetzt aufgibt, hat mehrere Gründe. Eins kam zum anderen. Aber letzten Endes sagt er heute: "Wer weiß, wie lange meine Gesundheit noch mitmacht." Ein Brief seiner Hausverwaltung gab ihm den Rest. 200 Euro mehr Miete sollte er zahlen, zuviel für einen Geschäftsmann, bei dem die Geschäfte nicht mehr richtig laufen. Früher, in den 60er-Jahren und noch bis 1990, hätten sie zu viert im Laden gestanden, erzählt Weger: Er, sein Vater und zwei Mitarbeiterinnen. 120 Kunden seien pro Tag bedient worden, heute sind es 100 weniger. Zuletzt war er allein im Geschäft, mit einer Aushilfe.

"Die Wende hat uns noch einmal einen Aufschwung verschafft", sagt der Ladeninhaber. Doch mit dem Internet ging es bergab. Die Kunden kamen zwar noch in den Laden und ließen sich Gartengeräte oder Werkzeuge zeigen. Doch dann kauften sie online, "weil es dort zehn Euro billiger war", so Weger.

"Hälfte der kleinen Läden ist in den nächsten Jahren weg"

Seiner Ansicht nach hat der Staat es verschlafen, den Internethandel zu regulieren. Höhere Steuern hätten eingeführt werden müssen, sagt der Geschäftsmann. Dann hätten alle eine Chance. "In den nächsten zehn bis 15 Jahren ist die Hälfte der kleinen Läden weg", ist sich Weger sicher. Bereits jetzt hat sich der Breitenbachplatz verändert. Von der Geschäftigkeit und dem Anspruch, den Kiez zu versorgen, ist nicht mehr viel übrig. An vier Lebensmittelläden erinnert sich Weger. Es gab Gemüse, Zeitungen, Süßigkeiten, Tee und Schreibwaren am Platz. Heute sind es allein vier Restaurants auf der einen Seite, dazu Apotheken, Optiker und Hörgeräte-Hersteller.

Auch ein Kino konnte sich nicht halten. 1960 eröffnete das Lida. Weger, 1945 in der Steglitzer Paulsenstraße geboren, hatte den Eröffnungsfilm "Das Wirtshaus im Spessart" gesehen. Doch dann machte ein "Großkino" nach dem anderen am Kudamm auf. Das war der Tod für viele kleine Kiezkinos. 1965 musste das Lida schließen. Familie Weger nutzte die Chance, um sich zu vergrößern und zog in das Foyer des Kinos, den Saal nutzte eine Bank. Doch schon vor zehn Jahren wurde die Bankfiliale geschlossen, jetzt hat auch die zweite Bank am Breitenbachplatz zugemacht. Das brachte den entscheidenden Wandel. Die Laufkundschaft blieb weg. "Früher sind die Leute zuerst Geld holen gegangen, und dann kamen sie zum Einkauf", sagt Weger. Von einst vier Banken seien nur noch die Post und Automaten übrig geblieben. Das habe viele in die Knie gezwungen. Der Räumungsverkauf lockt nun wieder Kunden in den Laden. Eine ältere Anwohnerin deckt sich noch schnell mit Sicherungen ein. Sie habe schon bei dem Vater gekauft, erzählt sie. Und Dieter Scholtes besorgt sich eine Saugpumpe, weil seine Badewanne nicht richtig abläuft. Die Mieten stiegen ständig, beklagt auch er. Das sei ein riesiges Problem. Reinhard Weger will sich jetzt einen Laptop anschaffen. Das Internet habe zwar der Wirtschaft geschadet. Wolle man aber schnell etwas wissen, sei es sehr nützlich, sagt er. Online einkaufen wird er jedenfalls nicht.

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