Klimaforschung

Wie Meteorologen dem Berliner Wetter auf die Spur kommen

Die Zahl der heißen Sommer und milden Winter nimmt auch in Berlin zu. Experten sagen, was lokal und global zu tun ist.

Trotz viel Hightech im Wetterturm der Freien Universität greifen die Meteorologiestudenten Eva Siebenlist und Sevastian Wölk glegentlich zum Fernglas. Augenbeobachtung bleibt wichtig

Trotz viel Hightech im Wetterturm der Freien Universität greifen die Meteorologiestudenten Eva Siebenlist und Sevastian Wölk glegentlich zum Fernglas. Augenbeobachtung bleibt wichtig

Foto: Amin Akhtar

Juli. Dieser Monat taugt auch als Name für eine Band. "Aber welche Gruppe würde sich schon den Namen November zulegen", sagt Petra Gebauer und zuckt mit den Schultern. Es ist eine hypothetische Frage in diesem schmuddelig-grauen November. Die Meteorologin, Vorsitzende des Vereins Berliner Wetterkarte e. V., steht in einem Analyseraum des Steglitzer Wetterturms. Vom 40 Meter hohen Turm der Freien Universität (FU) hat man bei guten Wetterverhältnissen einen weiten Blick über die Stadt. Er ist eine Art Zentrale der Wetterbeobachtung der FU-Meteorologie, die in der Stadt elf Stationen unterhält. Petra Gebauer und ihre Mitstreiter werten hier täglich Messdaten für eine achtseitige Wetterzeitung aus.

"Das Berliner Wetter ist mehr kontinental, mit kälteren Wintern und relativ warmen Sommern. Wir liegen genau am Übergang vom maritimen zum kontinentalen Klima", sagt Jürgen Heise, der vor einem Monitor sitzt und die Namen der Tages-Hochs und Tiefs auf einer Wetterkarte einträgt. Wer will, kann als Wetterpate bei der FU Namen kaufen. Hochs kosten 299 Euro, während Tiefs – den Gesetzen der Marktwirtschaft folgend – bereits für 199 Euro zu haben sind, da sie häufiger vorkommen. Für 2017 sind schon fast alle Namen vergeben. Vielleicht weil die Tiefs im nächsten Jahr wieder männlich und die Hochs weiblich sind? Auf Basis der Berliner Wetterkarte schreiben Studierende Lebensgeschichten der Hochs und Tiefs für die Paten. Die Nachwuchs-Meteorologen unterstützen die wissenschaftliche Wetterbeobachtung. Sie tun es freiwillig – der Turm ist rund um die Uhr besetzt.

Auf Wetter-Apps ist nur selten Verlass

Schon seit Jahrzehnten dabei ist Jürgen Heise: Die Höhen und Tiefen des Berliner Wetters kennt er genau. So kann er berichten, dass die Jahresmitteltemperatur, die im Durchschnitt zwischen 1961 und 1990 bei 8,9 Grad lag, seit 1989 sprunghaft gestiegen ist. Seit diesem Jahr lag die Jahresmitteltemperatur schon zehnmal bei mindestens 10 Grad, heißt es in der "Berliner Klimafibel" des Vereins, die vor Kurzem erschienen ist. Vor allem die Monate Januar, Februar, April, Juli und August sind wärmer geworden. "Der Klimawandel wird auch hier in der Region deutlich, die Zahl der heißen Sommer und milden Winter hat zugenommen", sagt Petra Gebauer.

Ihr Kollege Gunther Tiersch, der in Berlin Meteorologie studiert hat und heute Leiter des ZDF-Wetterteams ist, sieht das Berliner Wetter irgendwo zwischen Hamburg und Warschau angesiedelt: "Also nicht mehr ganz so unbeständig, nass und windig wie in Hamburg, aber auch noch nicht so kontinental wie in Warschau."

Sprichwörtlich ist die Trockenheit der Region Berlin-Brandenburg. Gerade einmal 590 Liter Niederschlag fielen jährlich pro Quadratmeter – im langjährigen Mittel. In feuchteren Regionen wie dem Schwarzwald sind es bis zu 2000 Liter pro Quadratmeter. Auch zwischen den Bezirken gibt es Unterschiede: Im Sommer kann die Temperatur in der Innenstadt bis zu fünf Grad höher liegen als am Stadtrand, insbesondere nachts, wenn die Gebäude die tagsüber gespeicherte Wärme abgeben. Und Gewitter "tendieren dazu, etwas länger an der Havel zu verweilen", so Petra Gebauer.

Wer sich auf die eigene Handy-App verlässt, wird oft vom Regen kalt erwischt. Die vorinstallierten Wetter-Apps sind meist nicht so zuverlässig, wie die Stiftung Warentest herausgefunden hat. Doch wie verlässlich sind die Fernsehprognosen? "Wir messen bei uns keine Trefferquote. Aber da wir ähnliche Vorhersagen machen wie der Deutsche Wetterdienst, denke ich, dass wir auch etwa 90 Prozent über die nächsten 36 Stunden erreichen. Oder sogar mehr", sagt ZDF-Meteorologe Gunther Tiersch. Selbst Vorhersagen über vier Tage stimmten immer noch zu 80 Prozent. Da seien in den letzten 20 Jahren deutliche Fortschritte erzielt worden. Noch besser ist das sogenannte Nowcasting für die nächsten zwei Stunden.

Benjamin Stöwe fand schon als Kind äußerst spannend, was Gunther Tiersch über das Wetter zu sagen hatte. Inzwischen ist er selbst mit dem Wetter beschäftigt und Meteorologe Tiersch sein Vorbild. Zweieinhalb Minuten hat Stöwe Zeit, den Leuten in Deutschland das Wetter anzusagen. Manchmal sind es auch knapp drei Minuten, etwa wenn er viel erklären muss. "Fürs Fernsehen ist das unheimlich viel", sagt Stöwe, der für das ZDF im "moma" das Wetter moderiert – so heißt das gemeinsame Morgenmagazin von ARD und ZDF.

Stöwe macht das souverän, verständlich und unterhaltsam. Oft würde er allerdings gern noch mindestens eine Minute dranhängen, "um auf verschieden Wetterlagen einzugehen und etwas mehr zu den einzelnen Regionen in Deutschland sagen zu können." Das Wetter interessiere schließlich Menschen jeden Alters. "Und es hat viel mit Gefühl zu tun."

Stöwe, der als Journalist beim RBB angefangen hat, ist eher durch Zufall zum Wetter gekommen. Seinen Job macht er aber inzwischen mit großer Leidenschaft. "Es erstaunt mich immer wieder, wie viele Reaktionen ich auf meine Moderationen bekomme", sagt er. Im vergangenen Jahr haben ihm die Zuschauer mehr als 10.000 Wetterfotos geschickt – Fotos aus ganz Deutschland: Schneelandschaften, weite Himmel über Feldern, Blitze und Donner, Blumen, Bäume und Tiere. Aus den schönsten ist der ZDF-Wetterkalender 2016 geworden. Im kommenden Jahr soll es allerdings einen Online­wetterkalender geben. Jeden Tag will Stöwe dann ein anderes Foto zeigen. "So können wir mehr Zusendungen unserer Zuschauer veröffentlichen", sagt er.

Sebastian Wölk, 26, ist einer von den Studierenden, die im historischen Wetterturm an der Schmidt-Ott-Straße Dienst tun. Sie erfassen nicht nur Daten wie Temperatur, Luftdruck und Windgeschwindigkeiten von den FU-Messstationen digital. Auch die Augenbeobachtung des Himmels bleibt trotz viel Hightech unverzichtbar.

"Wir beobachten die Wolken, notieren den Bedeckungsgrad des Himmels und erstellen ein Wettertagebuch vor allem der Niederschlagsart", sagt Eva Siebenlist (30). Die Daten aus Steglitz fließen ein ins globale Vorhersagenetz der World Meteorological Organization (WMO).

Jahreszeitenprognosen funktionieren nicht

Anders als Meteorologen befassen sich Klimaforscher mit der weiter entfernten Zukunft. Welche Folgen der Klimawandel für Berlin haben wird, das hat eine vom Senat in Auftrag gegebene Studie des Potsdam Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) simuliert: Sie sagt voraus, dass die durchschnittliche Temperatur bis 2050 um 2,5 Grad klettern wird. Deutlich trockenere Sommer, mehr Hitzeperioden und -tage, tropische Nächte – darauf sollten sich die Hauptstädter in Zukunft einstellen. Die Studie aus dem Jahr 2009, die aktuellste zum Thema, sagt zudem voraus, dass sich die innerstädtischen Bereiche stärker erwärmen werden als das Umland – weil die dichtere Bebauung die Wärme länger speichert. Auch für den Wasserhaushalt wird es Folgen haben, wenn die Verdunstung zunimmt und sich die Fließgeschwindigkeit der Gewässer verringert. Experten warnen zudem vor dem sogenannten "Urban ­Heat-Phänomen" – Hitze in der Stadt kann klimatisch bedingten Stress auslösen.

Prognosen für den kommenden Berliner Winter will in Steglitz keiner der Experten abgeben, seriös ist das nicht möglich. "Jahreszeitenprognosen funktionieren nicht", sagt Student Sebastian Wölk. Dass die Berechnungsmodelle aber künftig noch genauer werden, auch über einen Zeitraum von 14 Tagen, daran hat der angehende Meteorologe keinen Zweifel. Eines aber werde sich nie ändern: "Das Wetter bleibt chaotisch." Für ihn eine erfreuliche Aussicht, denn Wetterforscher mögen dramatische Lagen. "Es macht Spaß, hier auf dem Turm dabei zu sein. Hautnah erlebt man Regen und Gewitter. Eine schöne Front, das ist toll", sagt Wölk und lacht.

"Viele haben verdrängt, dass das Wetter gefährlich sein kann"

Auch Benjamin Stöwe ist fasziniert vom Wetter. "Das ist so dynamisch und abwechslungsreich, da ist immer etwas los", sagt er. Wetter ist für den 32 Jahre alten Moderator deshalb ein ideales Thema, um Geschichten zu erzählen. "Wo kommt es her, wo geht es hin, was beeinflusst unsere Wetterlage vor Ort, das sind Themen, die viele Menschen interessieren." Manchmal würden sich Leute bei ihm beschweren, dass er zu ungenau über das Wetter in ihrer Region berichtet. "Denen sage ich dann, dass sich Deutschland in der Länge über 800 Kilometer erstreckt, wir aber einfach nicht genug Zeit haben, alle Regionen zu besprechen." Zuschauerfotos von Wetterphänomenen und Fragen dazu versucht Stöwe allerdings so oft es geht, in der Sendung unterzubringen.

Gunther Tiersch hat Respekt vor dem Wetter. "Als Meteorologe ist mir der Respekt in Fleisch und Blut übergegangen. Ich hatte mal einen Flugschein und die Flugvorbereitungen in Bezug auf das Wetter waren mir immer sehr wichtig. Wetter kann gefährlich werden, und das dürfen wir nicht vergessen. Das haben viele aber schon verdrängt", sagt er.

Ob es weiße Weihnachten geben wird, bleibt abzuwarten. Auch wenn er keine Prognose liefern kann, erwartet ZDF-Experte Tiersch Gutes von den Wintern in Berlin: "Sie können wenigstens auch mal Frost und Schnee bringen, und die Seen frieren zu." Nur bei Inversionswetterlagen, wenn die oberen Luftschichten wärmer sind als die unteren, kann es nervig werden: "Da wird es dreckig – der Schnee und die Luft. Früher gab es noch den Smog aus den vielen Kohleöfen, aber das ist ja vorbei. Berlin hat das beste Wetter!"

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