Schüsse in Klinik

Charité-Direktor: "Wir sind alle fassungslos"

Im Klinikum Benjamin Franklin hat ein Patient einen Arzt erschossen. So erlebten Mitarbeiter und Patienten die Gewalttat.

Am Klinikum Benjamin Franklin wurde der Arzt von seinem Patienten erschossen

Am Klinikum Benjamin Franklin wurde der Arzt von seinem Patienten erschossen

Foto: Thomas Peise

Schwerbewaffnete Polizisten stürmen ins Charité-Klinikum Benjamin Franklin, Beamte mit Maschinenpistolen sichern die Eingänge. Der Alarm war gegen 13 Uhr bei der Polizei eingegangen: Schüsse im Klinikum. Wenige Minuten später ist ein Spezialeinsatzkommando (SEK) vor Ort, das in der Nähe stationiert ist. Teile des großen Krankenhauskomplexes werden sofort abgeriegelt. Ein Angestellter berichtet kurz darauf, dass die Klinikleitung alle Mitarbeiter per E-Mail über die Schüsse informiert habe und alle aufforderte, in ihren Räumen zu bleiben und die Türen abzuschließen. Zusätzlich habe es Lautsprecherdurchsagen gegeben.

>> Polizei hatte während Einsatz keinen Funkkontakt

Während des Einsatzes müssen die Patienten der Notaufnahme das Krankenhaus verlassen. Zeuge Marvin Thieke berichtet: „Als meine Freundin und ich die Notaufnahme betraten, hörten wir nur die Rufe der Polizei ,raus, raus‘. Wir drehten uns um und rannten aus dem Krankenhaus.“ Dann seien uniformierte Polizisten, bewaffnet mit Maschinenpistolen, hineingerannt. Nach wenigen Minuten seien Mitarbeiter der Kripo angekommen. „Wir wussten überhaupt nicht, was passiert ist“, sagt Thieke. Erst nach einer Stunde hätten sie das Krankenhaus wieder betreten dürfen.

Eine ältere Frau berichtet, dass sie eigentlich ihren Vater besuchen wollte, aber dann schnell aus dem Gebäude gewiesen wurde. Patienten, Krankenschwestern, Pfleger, Ärzte und Besucher versammeln sich vor dem großen 60er-Jahre-Bau mit 900 Betten. Die Stimmung ist gedrückt, zunächst weiß niemand Genaueres. Viele befürchten, ein Amokläufer oder gar Terrorist habe geschossen. Vor dem Gelände stehen mindestens 20 Fahrzeuge von Polizei, Feuerwehr und Rettungsdiensten.

Kein Gespräch: Der Patient eröffnet sofort das Feuer

Später stellt sich heraus: Ein Arzt wurde von einem Patienten in einem Behandlungszimmer der Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie in der vierten Etage des Bettenhauses 1 erschossen. Auch eine Kollegin des Arztes war in diesem Raum. Andere Patienten und Krankenhausmitarbeiter hörten die Schüsse durch die geschlossene Tür. Der Patient soll sofort das Feuer eröffnet haben, als der Arzt den Raum betrat. Er gab mehrere Schüsse auf sein Opfer ab und erschoss sich dann selbst. So schilderten Polizei und Charité den Angriff eines 72-jährigen Berliners auf den 55 Jahre alten Oberarzt. Der Arzt schwebte in Lebensgefahr, gegen 14.30 Uhr meldet die Polizei, dass er seinen schweren Verletzungen erlegen ist. Alle Bemühungen der Intensivmediziner, ihn zu retten, waren vergeblich geblieben.

Eine Viertelstunde zuvor meldete die Polizei, die Lage am Klinikum sei unter Kontrolle. Es bestehe keine Gefahr mehr. Die Polizei war nach den Schüssen mit einem Großaufgebot angerückt – ein Dutzend Funkstreifen und eine Hundertschaft der Bereitschaftspolizei sicherten Zufahrten und Eingänge. Bewaffnete Beamte, auch in Zivil, stürmten in das Gebäude.

"Er war ein Arzt, wie es keinen besseren geben kann"

Auch am späten Nachmittag ist die Stimmung im Krankenhaus extrem gedämpft. Eine Krankenschwester im blauen Kittel steht vor dem Fahrstuhl, sie hat Tränen in den Augen. Sie kannte das Opfer: „Er war ein Arzt, wie es keinen besseren geben kann. Ein Mann, der auf seine Patienten und die Mitarbeiter in besonderer Weise eingegangen ist.“ Der Oberarzt habe einen Doktortitel als Allgemeinmediziner gehabt und einen weiteren als Zahnarzt. Nach Angaben der Schwester lebte der Arzt mit seiner Familie in Potsdam-Mittelmark. Was passiert ist, habe sie von Kollegen erfahren, erzählt sie. Diese hätten ihr berichtet, dass es am Mittag eine Schießerei in der Ambulanz der Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie gegeben habe. Zu diesem Zeitpunkt hätten sich etliche Patienten und Krankenhausmitarbeiter in den Räumen der Ambulanz aufgehalten.

Möglicherweise war es eine Verzweiflungstat

Am frühen Abend gibt die Charité eine Pressekonferenz. Der getötete Kieferchirurg war nach Angaben von Professor Ulrich Frei, Ärztlicher Direktor der Charité, seit 22 Jahren am Universitätsklinikum tätig und „ein freundlicher, hilfsbereiter und geschätzter Kollege“. Über das Motiv des 72-jährigen Täters, der seit vielen Jahren wegen einer „schweren Erkrankung“ in der Behandlung seines späteren Opfers war, konnte Frei keine Angaben machen. „Wir sind alle fassungslos“, so Frei. Der Kollege habe dem Mann gut und effektiv helfen können. „Wir verstehen überhaupt nicht, wieso es dazu gekommen ist“, so der Ärztliche Direktor. Zur Krankheit des Mannes machten die Charité-Verantwortlichen keine Angaben, doch waren Tumorerkrankungen in der Mundhöhle ein Spezialgebiet des getöteten Arztes, der auch an der Charité ausgebildet wurde. Auf die Frage, ob ein Rachemotiv dahinterstecken könnte, antwortete Frei vorsichtig: „möglicherweise mehr Verzweiflung“.

Ausdrückliches Lob zollten Charité-Chef Karl Max Einhäupl und Frei allen Mitarbeitern, die den Betrieb an diesem belastenden Tag aufrecht gehalten hatten. In jedem Fall war das jedoch nicht möglich: Etliche Mitarbeiter hätten nach Hause geschickt werden müssen, weil sie im Schockzustand nicht mehr arbeiten konnten. Eine psychosoziale Betreuung für Mitarbeiter und Patienten ist organisiert. Auch die Ärzte, die vergeblich versucht hatten, ihren Kollegen mit einer einstündigen Notoperation zu retten, werden entsprechend betreut.

Zu dem Aspekt, ob und wie Krankenhäuser künftig besser geschützt werden sollten und können, erklärt Frei Folgendes: „Die Logistik eines Krankenhauses lässt Überprüfungen wie auf einem Flughafen nicht zu.“ Eine Abschottung von Kliniken, das Aufstellen von Metalldetektoren kann er sich ebenso wenig vorstellen wie Charité-Chef Karl Max Einhäupl. Dann würde ein Krankenhaus nicht mehr funktionieren, meinten beide.

Die Ambulanz der Mund- und Kieferchirurgie bleibt am Steglitzer Standort am Mittwoch geschlossen, Patienten mit akuten Beschwerden werden am Virchow-Klinikum in Wedding betreut. Ein Kondolenzbuch wird in der Kapelle des Steglitzer Klinikums ausgelegt.