Exotische Berufe

Der Mann, der Tiere für die Ewigkeit konserviert

Präparator Stephan Klaue arbeitet für Trophäensammler, Künstler und Haustierbesitzer. Ein Besuch in seiner Steglitzer Werkstatt.

Umringt von „seinen“ Geschöpfen: Tierpräparator Stephan Klaue  in seiner Werkstatt

Umringt von „seinen“ Geschöpfen: Tierpräparator Stephan Klaue in seiner Werkstatt

Foto: Reto Klar

Vor Stephan Klaues Geschäft in Steglitz drücken sich Kinder ihre Nasen am Fenster platt. Durch die Scheibe sehen sie Tiere, die sie nur aus dem Zoo kennen: Pelikane, Papageien und ein Pfau sitzen auf Ästen und Pflanzen, wie in einem kleinen Urwald. Eine Eule wacht über sie, dazwischen lauert ein Fuchs, von der Wand starrt ein Reh in den Raum. Nichts bewegt sich, alle Tiere sind friedlich – ihre Blicke und Posen werden sich nie wieder ändern.

So exotisch, wie es in Stephan Klaues Laden aussieht, so exotisch ist sein Beruf. Der 55 Jahre alte Berliner ist Tierpräparator. Mit Feingefühl und dem Blick fürs Detail durchbricht er die Vergänglichkeit. Er verhilft Tieren zu ewigem Leben – ewigem Stillleben.

Haustierbesitzer, Jäger, Angler und Künstler haben es so gewollt. Sie erteilen Klaue so viele Aufträge, dass er nicht mehr zählen kann, wie viele Kaninchen, Katzen und Kanarienvögel er in den vergangenen 35 Jahren konserviert hat.

Im Waschbecken badet ein Mufflon-Geweih

Stephan Klaue sitzt am Tisch seiner winzigen, fensterlosen Werkstatt hinter der Ladenfläche. Der Raum ist insgesamt nur 25 Quadratmeter groß, jeder Zentimeter ist belegt. Von der Decke hängt ein Falke. Zu Klaues rechter Seite läuft der Fernseher, zu seiner linken badet das Geweih eines Mufflons im Waschbecken.

Vor ihm liegt ein ausgefranstes Leopardenfell, das er sorgfältig näht, während er von seiner Arbeit erzählt. Immer wieder klingelt das Telefon, geduldig beantwortet er die Fragen von Kunden. Stephan Klaue ist ein Multitasking-Profi.

„Ich kann viele Dinge gleichzeitig machen, aber am liebsten konzentriere ich mich auf das Präparieren“, sagt er. Deshalb kommt er erst mittags in die Werkstatt und bleibt bis Mitternacht. „Da habe ich meine Ruhe.“ Er wollte nie etwas anderes machen, gelernt hat er sein Handwerk als Autodidakt.

Für den Artenschutz muss alles dokumentiert werden

Als kleiner Junge sammelte Stephan Klaue verletzte Tiere von der Straße und päppelte sie auf. Sogar einen Eisvogel hat er großgezogen und in die Natur entlassen. Nicht alle Tiere konnte er retten, deshalb kaufte er sich ein Buch mit dem Titel „Wie präpariere ich selbst?“ und borgte sich das Präparationsbesteck, das seine Mutter für ihr Medizinstudium angeschafft hatte. Mit elf Jahren präparierte Klaue sein erstes Eichhörnchen, mit 16 bewertete er seine Tierskulpturen als lebensecht, mit 20 eröffnete er den Laden.

Um ein Tier zu präparieren, schneidet Stephan Klaue ihm den Bauch auf, zieht die Haut mitsamt Fell oder Federkleid ab, wäscht sie, entfernt das restliche Fleisch, fettet sie ein, wäscht sie wieder und konserviert sie mit Alkohol. Dann beginnt die Kunst.

Zunächst braucht er einen passenden Körper. Für Säugetiere gibt es vorgefertigte Plastiken aus Industrieschaum, die er im Fachhandel bestellt. Größe und Haltung des Tieres kann er noch nacharbeiten. Für Vögel wickelt er den Rumpf aus Holzwolle, anders geht es bei den vielen, verschiedenen Größen nicht.

Jedes einzelne Haar wird in Form gebracht

Später zieht er die Hülle über den Rohkörper, bei den Vögeln hält sie allein durch Spannung, bei Säugern klebt Klaue die Haut fest. Dann setzt er dem Tier gläserne Augen ein und bringt jedes einzelne Haar in Form.

Die Gründe, aus denen Kunden Präparate fertigen lassen, sind vielfältig: Da sind die Jäger und Angler, die ihre Beute als Trophäe bewahren wollen. Da sind die Künstler, die einen Rothirsch oder weiße Tauben in ihre In­stallation integrieren wollen. Da sind die Filmproduzenten, die eine tote Katze durchs Bild fliegen lassen möchten. Und da sind die Menschen, die sich für immer an ihr geliebtes Haustier erinnern wollen.

Gerade Senioren lassen ihren letzten Hund präparieren – weil sie sich für ein neues Tier zu alt fühlen. „Manche wollen auch nur das Fell ihrer Katze, das sie sich dann als Nierengürtel umbinden“, erzählt Klaue. Bei Älteren könne er diesen Wunsch ja noch verstehen.

Aber es kommen auch Jüngere, sogar Kinder zu ihm. „Die können den Trauerprozess ja gar nicht richtig abschließen“, sagt Stephan Klaue. Er selbst würde sein Haustier niemals präparieren, er hat ohnehin keins.

Platz in der Gefriertruhe nötig

Wer seinen Liebling für die Ewigkeit bewahren will, muss schnell handeln und Platz in der Gefriertruhe haben. „Ein paar Stunden in der Sonne und ich kann nichts mehr machen“, sagt der Präparator und rät, die Tiere sofort einzufrieren.

Unter seinem Laden liegt ein Eisraum, der komplett mit Wildtierkadavern zugestopft ist, die er von Zoos und Wildparks bekommt. Nach seiner Arbeit holt eine Firma die verbliebenen Kadaver ab und bringt sie zu einer Verbrennungsanlage.

Aufklärung in puncto Artenschutz manchmal nötig

Stephan Klaue muss alles genau dokumentieren, denn viele Wildtiere stehen unter strengem Artenschutz. Einige Menschen denken, er würde die Tiere für seine Präparate selbst töten. Manchmal hört er, wie Eltern das den Kindern vor seinem Fenster erzählen. Dann geht er raus und klärt sie in puncto Artenschutz auf. „Es ärgert mich, wenn jemand so einen Quatsch redet“, sagt Klaue.

An die absurdeste Anfrage erinnert Stephan Klaue sich, als hätte er sie gestern bekommen. Ende der 80er-Jahre kam eine Kundin zu ihm, deren Wellensittiche er präpariert hatte. Dieses Mal hatte sie ein anderes Anliegen: Sie wollte ihre verstorbene Lebenspartnerin präparieren lassen. „Eine Schnapsidee!“, sagt Klaue.

Die Dame fand eine andere Lösung. Sie mietete ein Tiefkühlzimmer im Krankenhaus und lagerte ihre Lebensgefährtin dort bis zu ihrem eigenen Tod ein. Beide wurden gemeinsam begraben.