Großprojekt

Streit um neues Stadtviertel in Lichterfelde

In Lichterfelde soll ein neues Stadtviertel für 10.000 Menschen entstehen. Anwohner protestieren gegen die Pläne des Inverstors. Der beteuert, die Bürger anzuhören.

Foto: Casanova + Hernandez / Groth Gruppe/

Eine halbe Stunde bleibt es ganz ruhig im Saal. Bis ein Stadtplaner von einem „autoarmen ökologischen Stadtteil“ spricht, der in Lichterfelde Süd auf dem Gelände von Parks Range entstehen soll. Da bricht es aus den fast 300 Zuhörern, die am Donnerstagabend zum dritten Bürgerdialog in die Sporthalle an der Osdorfer Straße gekommen sind, heraus. Hysterisches Lachen und laute Zwischenrufe vereinen sich zu einer Lärmlawine, die das Podium überrollt. „Wollen Sie uns für dumm verkaufen?“, ruft ein Anwohner in Richtung der Bezirkspolitiker, Architekten und Investoren. Andere drücken sich nicht so gewählt aus.

Die Stimmung in der Thermometersiedlung zwischen Celsius- und Fahrenheitstraße ist aufgeheizt. In direkter Nachbarschaft – auf einem ehemals von US-Truppen militärisch genutzten Gelände, das in den vergangenen 20 Jahren brach lag – will die Groth-Gruppe für 800 Millionen Euro ein neues Stadtviertel bauen: 2500 Wohnungen, Kitas, Schulen, Sportplätze. 10.000 Neu-Lichterfelder könnten in die geplanten sechs Zwölfgeschosser und die langen sechsgeschossigen Riegel einziehen. Die Bewohner der Thermometersiedlung befürchten Probleme mit dem Verkehr, dem Lärmschutz sowie den Naturflächen am Standort. Das Gesamtgrundstück umfasst 96 Hektar. Von dieser Fläche sollen etwa 39 Hektar, also knapp 40 Prozent, bebaut werden. 57 Hektar bleiben der Natur erhalten.

Anwohner für weniger Wohnungen

Der Anwohnerprotest in Lichterfelde ist kein Einzelfall. Immer öfter begehren Berliner gegen Bauprojekte auf. Am 14. November ruft das Netzwerk für eine soziale Stadtentwicklung zu einer Demonstration „gegen eine von Baulöwen bestimmte Stadtzerstörung“ auf. Zu dem Netzwerk gehören verschiedene Initiativen, wie die Mauerpark-Allianz, Schmargendorf braucht Oyenhausen, der Betroffenenrat Lehrter Straße und die Anwohnerinitiative Ernst-Thälmann-Park. Fast allen geht es darum, eine Bebauung in dem geplanten Umfang oder komplett zu verhindern. Sie wollen ab 14 Uhr vom Fehrbelliner Platz bis zum Kurfürstendamm ziehen. Ihre Losung: Bäume oder Beton!

Auch das Aktionsbündnis Landschaftspark Lichterfelde Süd ist dabei. Es wurde vor mehr als drei Jahren von einigen Bewohnern der Thermometersiedlung gegründet. „Wir sind nie gegen die Bebauung gewesen“, betont Mitbegründer Helmut Schmidt, der am Donnerstagabend in der ersten Reihe sitzt. Auch finde er, dass die Architekten „keinen schlechten Entwurf“ gemacht hätten. „Er ist nur zu massiv“, sagt Schmidt. 1500 Wohnungen – das sei ein Maß, das man akzeptieren könne. Von dieser Zahl sei auch anfangs die Rede gewesen.

Entwürfe werden überarbeitet

Tatsächlich hatte der Bezirk ein Gutachten zu Fragen des Naturschutzes in Auftrag gegeben. Das kam zu dem Ergebnis, dass 27 Hektar bebaut werden könnten. „Der Bezirk soll Dinge einhalten, für die er extra ein Gutachten in Auftrag gegeben hat“, fordert Anwohner Helmut Schmidt. Das Gutachten habe sich aber nur auf den naturschutzrechtlichen Aspekt bezogen, hält Baustadtrat Norbert Schmidt (CDU) entgegen. In einem städtebaulichen Gutachten wäre man auf ganz andere, viel höhere Zahlen für eine mögliche Bebauung gekommen. Unter Beachtung beider Aspekte – Naturschutz und Städtebau – sei der Kompromiss für 2500 Wohnungen entstanden. Dennoch zieht der Baustadtrat Konsequenzen aus der Veranstaltung mit den Anwohnern. „Am Thema Verkehr müssen wir noch intensiv arbeiten“, sagt Schmidt.

Zunächst wird der Siegerentwurf des niederländischen Architekturbüros Casanova + Hernandez überarbeitet. Dabei geht es um die Höhe der Häuser und die Länge der geschlossenen Bauriegel. Anwohner befürchten eine Veränderung des Klimas. Schon heute neige die Thermometersiedlung aufgrund der hohen Randbebauung im Inneren zur Schwüle, sagt Helmut Schmidt. Probleme mit dem Luftaustausch drohten auch in der neuen Siedlung.

Baubeginn 2016

Die Groth-Gruppe plant, im zweiten Quartal 2016 mit dem Bau der neuen Siedlung zu beginnen. Bis dahin werden die Anwohner noch zweimal gefragt: bei der vorgezogenen öffentlichen Bürgerbeteiligung und bei der Auslegung der Bebauungspläne. „Uns ist es ein Anliegen, die Fragen und Bedenken der Anwohner frühzeitig in die Planungen einfließen zu lassen, ernst zu nehmen und sie im weiterführenden Prozess kontinuierlich zu informieren“, sagt Thomas Groth, Geschäftsführer der Groth-Gruppe. Dies habe er auch im Bürgerdialog zum Ausdruck gebracht.

Thomas Groth kennt die Pläne des Aktionsbündnisses, ein Bürgerbegehren auf den Weg zu bringen. Nach der Veranstaltung am Donnerstagabend habe er aber nicht den Eindruck, dass es dazu kommen werde, so der Geschäftsführer. Abgesagt ist es aber nicht. Am 20. November will sich das Aktionsbündnis treffen, um über Details zum Bürgerbegehren zu diskutieren. „Themen werden Naturschutz und Verkehrsentwicklung sein“, sagt Helmut Schmidt.