Ärzte-Konzert

Die Ärzte in der Zitadelle Spandau: Punkrock in einer Burg

| Lesedauer: 5 Minuten
Alexander Rothe

Das erste Open-Air-Konzert ihrer Berlin-Tournee spielen die Ärzte in Spandau. Hier liegen teilweise die Wurzeln der Band.

Berlin. Der Weg in die Zitadelle Spandau führt über einen Wassergraben mit Seerosen. Umschlossen von Mauern steht in der Mitte der Festungsanlage, dem Exerzierplatz, eine große Bühne. Dort, wo früher Soldaten in Disziplin geschult wurden, werden an diesem Abend Personen mit langen Haaren oder Irokesen-Schnitt ausgelassen feiern und tanzen.

Sie sind Fans der Punk-Band „Die Ärzte“, die den Open-Air-Teil ihrer Berlin-Tournee an Pfingstmontag in der ausverkauften Zitadelle Spandau - einem für die Band-Biografie entscheidenden Bezirk - vor 9805 Zuschauenden eingeläutet haben. Unterstützung erhielten sie dabei vom Berliner und Bremer Trio „Großstadtgeflüster“, die von Ärzte-Sänger Farin Urlaub und Schlagzeuger Bela B angekündigt wurden. Sie heizten die Menge mit derben und frechen Texten zu Elektro-Hip-Hop-Musik ein. Das Publikum konnte sich derweil im Pogen und Hüpfen üben. Während das Wetter sich nicht zwischen Sonnenschein und Regenschauern entscheiden konnte, wussten die Fans genau, was sie wollen: die selbst ernannte beste Band der Welt.

Die Ärzte in der Zitadelle Spandau: Crowdsurfer, Moshpits und BHs

Diese ließ nicht allzu lang auf sich warten, begann ihr Konzert mit einer abgewandelten Version des ruhigen „Gute Nacht“-Lieds, bis der Vorhang ohne viel Tamtam fiel und die Punkband mit gewohnt schnellen Rhythmen das sehnsüchtige Publikum mitriss. Im Rausch der verzerrten Gitarre Farin Urlaubs, dem hohen Schlagtempo Bela Bs und der sicheren Bassline von Rod entwickelten sich innerhalb kurzer Zeit sogenannte Moshpits, also in der tanzenden Menge entstehende Kreise, in denen sich die Feierenden gegenseitig wegschubsen. Hier und da ließen sich Mutige von und auf der Menschenmasse Richtung Bühne tragen. Die Band nahm jedoch keine Personen, sondern nur BHs entgegen, die bereitwillig von den weiblichen Gästen geworfen wurden.

Die Ärzte wären nicht die Ärzte, wenn sie die Zeit zwischen den Liedern nicht mit improvisierten Ansprachen und einer Menge Humor und Selbstironie überbrückten. „Die beste Band der Welt aus Berlin, bei Spandau“, sagte Sänger Farin Urlaub neckisch und spielte auf die Sonderrolle des westlichsten Berliner Bezirks an. Aus diesem stammt sein Kollege Bela B – bürgerlich Dirk Albert Felsenheimer –, dessen Mutter bei dem Konzert anwesend war. Er sei „Deutschlands berühmtester Spandauer“, wie Urlaub ihn titulierte. Als Zeichen der Verbundenheit zog Bela B irgendwann sogar das Bezirkswappen hervor.

Doch es brauchte keine lokalpatriotischen Bekundungen, um das Publikum in Fahrt zu bringen. Lauthals erhielt die Band gesangliche Unterstützung bei Liedern wie „Hurra“ oder „Anneliese Schmidt“, zu denen die Fans ihre Arme im Rhythmus von links nach rechts schwangen. Die Band führte durch humoristische Texte, durch Songs über Beziehungen und das eigene Selbstwertgefühl sowie durch sentimentale Lieder, wie „Ich, am Strand“ aus dem Album „Hell“.

Dabei wurden Instrumente getauscht und sich am Mikrofon abgewechselt. Nicht jeder Song wurde sauber über die Bühne gebracht, was bei einer Punkband ohnehin nicht notwendigerweise der Fall ist. Was aber vor allem zählte, war die Laune der drei Musiker und Freunde, die Lieder auch gerne mal unterbrechen, um ein Foto von einem herzförmigen Moshpit zu machen oder um noch eine Ansage einzubauen.

Die Ärzte in Spandau: Zitadelle verwandelt sich in ein Lichtermeer

Bela B kündigte an, solange zu spielen, bis die Sonne, die sich irgendwann doch noch zeigte, untergeht. Die schier endlose Liste an Liedern, die die Band in petto hat, machte diese Ansage nicht unwahrscheinlich. Gegen Ende packten sie ihre größten Hits aus: Noch bevor sich der Himmel komplett verdunkelte, stimmte die Truppe um Farin Urlaub „Himmelblau“ an – ein Lied, das mit einem wolkenlosen Himmel ein Sehnsuchtsgefühl beschreibt und das die Menge auswendig konnte.

Schließlich setzte der leidenschaftliche Fan-Chor seine gesamte Stimmkraft auch bei „Schrei nach Liebe“, „Junge“ und „Der lustige Astronaut“ ein. Bei Letzterem verwandelte sich der Innenhof der Zitadelle in ein Lichtermeer mittels Handykameras.

Die Ärzte: Tickets für den 26. August auf dem Tempelhofer Feld noch verfügbar

Nach rund zweieinhalb Stunden verabschiedeten sich die Berliner Punker schließlich und endgültig von der Bühne. Am Dienstag stehen sie bereits erneut auf der Bühne. Dieses Mal in der Parkbühne Wuhlheide. Mit insgesamt 13 Konzerten in der Hauptstadt erweisen die Ärzte ihrer Stadt im Rahmen der „Berlin Tour MMXXII“ eine besondere Ehre. Vor dem Konzert in der Zitadelle Spandau traten sie in kleineren Veranstaltungsorten auf, wie dem Schokoladen oder dem Lido.

Weitere folgen neben der Wuhlheide auf dem Flughafen Tempelhof. Dort werden sie drei Konzerttage hintereinander spielen, wobei für den 26. August noch Tickets verfügbar sind. Doch auch andere deutsche Städte kommen in den Genuss eines Ärzte-Besuchs: Mit der „Buffalo Bill in Rom“-Tour sind die drei Musiker von München bis Rostock unterwegs.

Die Ärzte in der Zitadelle Spandau: Setlist - Diese Songs spielte die Band

  1. Gute Nacht
  2. Noise
  3. Du willst mich küssen
  4. Heulerei
  5. Hurra
  6. Mein kleiner Liebling
  7. Kraft
  8. Doof
  9. No Future (ohne neue Haarfrisur)
  10. Fiasko
  11. Angeber
  12. Wie am ersten Tag
  13. Kamelralley
  14. Punkbabies
  15. Anneliese Schmidt (Publikumswunsch)
  16. Achtung: Bielefeld
  17. Ich, am Strand
  18. Schrei
  19. Anti-Zombie
  20. Dunkel
  21. Der Afro von Paul Breitner
  22. Nie wieder Krieg, nie mehr Las Vegas!
  23. Wissen
  24. Zitroneneis
  25. Dobly
  26. Wie es geht
  27. Die Wiking-Jugend hat mein Mädchen entführt
  28. Unrockbar

Zugabe:

  1. Plan B
  2. Ignorama
  3. Schrei nach Liebe
  4. Alle auf Brille
  5. Himmelblau
  6. Junge
  7. Dauerwelle vs. Minipli
  8. Der lustige Astronaut