Natur

Warum ein Spandauer jährlich Hunderte Nistkästen reinigt

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Jessica Hanack
Klaus Pfeiffer reinigt seit Jahren Nistkästen im Spandauer Forst. 

Klaus Pfeiffer reinigt seit Jahren Nistkästen im Spandauer Forst. 

Foto: Sergej Glanze / FUNKE Foto Services

Im Spandauer Forst hängen seit Jahren Nistkästen, gereinigt werden sie offiziell nicht mehr. Ein Spandauer kümmert sich freiwillig.

Berlin. Mit leuchtend roter Jacke, einer drei Meter langen Leiter und einem Spachtel ausgestattet zieht Klaus Pfeiffer ab dem Spätherbst mehrmals pro Woche in den Spandauer Forst. Sein Ziel sind die Nistkästen, die verteilt in dem Wald zwischen Bürgerablage, Falkensee und Schönwalde hängen. Rund 900 seien es einmal gewesen, die etwa bis zum Jahr 2000 verteilt wurden. "Inzwischen sind viele schon defekt, manche wurden auch durch Vandalismus zerstört", sagt Pfeiffer. Der Rentner bemüht sich, zumindest einen Teil der noch vorhandenen Nistkästen nutzbar zu halten, in dem er diese nach der Brutzeit reinigt. Offiziell werde das nicht mehr getan, sagt er.

Vor etwa 13 Jahren hat Pfeiffer deshalb angefangen, aus den Kästen altes Nistmaterial zu entfernen, um Platz zu schaffen, damit darin im nächsten Jahr wieder neue Nester gebaut werden können. Findet er viel Moos vor, ist das für den 77-Jährigen ein Zeichen, dass in dem Kasten Meisen genistet haben, kommt dagegen Borke vor, schließt er daraus, dass es Kleiber waren. Auch viele weitere Vögel hat Pfeiffer, der seit 50 Jahren in Spandau lebt und schon 1975 Nistkästen kontrolliert hat, bereits in dem Forst festgestellt, wie Trauerfliegenschnäpper oder den Gartenrotschwanz.

Anzahl von Nistkästen in Berliner Wäldern ist rückläufig

Das alte Nistmaterial, erklärt er, entferne er aus mehreren Gründen: Zum einen leben in den Nestern oft auch Parasiten wie Milben oder Zecken, die die nächste Brut befallen können. Zum anderen, sagt Pfeiffer, wäre in einem Nistkasten spätestens nach drei Jahren kaum noch Platz für ein neues Nest, denn die Vögel würden das alte Material selbst eher nicht entfernen. Und wenn sie dann doch ein Nest auf dem alten bauen, könnten die Vögel leichter zur Beute von Mardern oder anderen Nesträubern werden, so Pfeiffer, der sich deshalb auch wieder eine offizielle Betreuung der Nisthilfen wünschen würde.

Wie viele Nistkästen in Berlins Wäldern hängen, darüber haben die Berliner Forsten keinen Überblick. Für die unterschiedlichen Arten, vor allem Vögel und Fledermäuse, sei von einigen Hundert Nistkästen auszugehen, erklärt Sprecher Marc Franusch. Die Entwicklung, die Klaus Pfeiffer in Spandau beobachtet hat, zeigt sich auch in der ganzen Stadt: Die Anzahl der Nistkästen ist rückläufig, bestätigt der Sprecher. Auch ihre Reinigung spielt eher keine Rolle mehr. Dabei wird auf die Veränderungen in der Waldstruktur verwiesen.

"Tatsächlich trifft es für nahezu alle Berliner Waldgebiete zu, dass die seit Jahrzehnten laufende Entwicklung hin zu vielfältigen, naturnahen Mischwäldern zu einer deutlichen Zunahme natürlicher Nistmöglichkeiten geführt hat und weiter führen wird", sagt Franusch. "Vor allem das Belassen von stehendem und liegendem Totholz trägt zur Verbesserung des Angebotes und zu einer Erhöhung der biologischen Vielfalt in den Wäldern bei." Dadurch nehme die Bedeutung von Nistkästen ab, auch wenn sie in Einzelfällen "durchaus wertvolle Strukturen für Vogel- und Fledermausarten bieten".

Nistkästen im Spandauer Forst sind fast alle belegt

Pfeiffer kennt die Argumentation. Er sieht dennoch den Bedarf der Nistkästen. Denn eines haben die Kästen, die der Spandauer öffnet und reinigt, gemeinsam, wie er berichtet: Sie werden genutzt. "Nur ganz wenige Nistkästen sind leer. Daran zeigt sich doch, welchen Nutzen sie haben", so Pfeiffer. Die Nistkästen im Spandauer Forst sind durchnummeriert und der frühere Chemotechniker besitzt noch eine alte Karte, in der alle damals vorhandenen Plätze eingezeichnet wurden. Jährlich versuche er, sich andere bei der Reinigung vorzunehmen. "Wenn ich das nicht mehr mache, weiß niemand mehr, wo die ganzen Nistkästen hängen", befürchtet Pfeiffer.

Er selbst hat sich schon als Jugendlicher für Vögel begeistert und begonnen, sich für deren Schutz zu engagieren. "Wenn man sich für Vögel interessiert, kommt man nicht drum herum, dass man auch Vogelschutz betreiben muss", sagt er. Mit einem Freund habe er bereits mit 15 Jahren die ersten Nistkästen gebaut und aufgehängt, damals noch in Zehlendorf.

Auch der Berliner Landesverband des Naturschutzbundes (Nabu) sieht in Nistkästen einen Nutzen. "Auch in Wäldern können Nistkästen eine wichtige Rolle spielen", erklärt Artenschutzreferent Ansgar Poloczek. Gerade in Kiefernwäldern, die im Berliner Raum zu finden sind, sei die Höhlendichte oft gering: vor allem größere Höhlen, etwa für Eulen, würden häufig fehlen. "Hier können Nisthilfen sehr sinnvoll sein", sagt er. In dem Verband gebe es auch viele Aktionen, bei denen in Berlin Nistkästen angebracht und gewartet werden, unter anderem in Parks oder auf Friedhöfen.

Chemische Reinigungsmittel sind laut Nabu tabu

Bei der Reinigung verweist Poloczek auf Punkte, die zu beachten sind: So könne etwas Nistmaterial durchaus im Kasten verbleiben, um im Winter als Dämmung zu funktionieren, wenn andere Tiere dort ihren Schlaf- und Rückzugsort suchen. Chemische Reinigungsmittel dürfen laut Nabu in keinem Fall verwendet werden. Grundsätzlich verweist auch der Artenschutzreferent darauf, dass durch eine Säuberung einem Parasitenbefall vorgebeugt werden soll. Für zwingend erforderlich hält er diese aber nicht.

Klaus Pfeiffer hofft dennoch, dass sich jemand findet, der die Aufgabe weiterführt, wenn er die Reinigung nicht mehr selbst erledigen kann. Auch Berliner-Forsten-Sprecher Franusch erklärt, solch bürgerschaftliches Engagement sei "grundsätzlich willkommen und zu begrüßen". Aber: "Fragen der Arbeitssicherheit sind hier ebenso zu beachten wie Belange des Artenschutzes." Die freiwillige Betreuung von Nistkästen in den Berliner Wäldern in Absprache mit den jeweiligen Revierförstern werde deshalb wohl die Ausnahme bleiben.