Verkehr

Wohnen an Bahngleisen: Spandauer kämpfen für Lärmschutz

Seit Mitte der 1990er-Jahre setzen sich Anwohner vom Leuthingerweg für einen Lärmschutzwall ein. Eine Lösung liegt in weiter Ferne.

Auf der einen Seite die Gärten, auf der anderen die Bahn: Anwohner vom Leuthingerweg in Spandau kämpfen seit Jahren um einen Lärmschutzwall. 

Auf der einen Seite die Gärten, auf der anderen die Bahn: Anwohner vom Leuthingerweg in Spandau kämpfen seit Jahren um einen Lärmschutzwall. 

Foto: Jessica Hanack / Hanack/BM

Berlin. Wenn man sich im Garten von Gerhard Spindler und Silvia Hentschke unterhalten will, muss man das Gespräch regelmäßig unterbrechen. Oder wenigstens die Stimme heben. Denn ihr Grundstück am Leuthingerweg beginnt etwa 20 Meter von Bahngleisen entfernt. Dort verläuft die Bahnstrecke Berlin-Hamburg entlang. Bis zum Haus beträgt die Entfernung gut 40 Meter. Die Spandauer kämpfen deshalb mit weiteren Anwohnern seit mehr als 20 Jahren für einen Lärmschutz. Bislang jedoch ohne Erfolg.

Was die Anwohner besonders frustriert: Auf der gegenüberliegenden Seite der Gleise befindet sich eine Lärmschutzwand. Und auch auf ihrer Seite gibt es einen Schallschutz. Zwar keine Wand, aber immerhin einen mehrere Meter hohen Wall aus Sand. Nur endet dieser gut 300 Meter vom Haus von Spindler und Hentschke entfernt. Als der Wall in den 1990er-Jahren an der Bahnstrecke zwischen den Bahnhöfen Albrechtshof und Spandau errichtet wurde, seien dafür Erdmassen von Bauarbeiten am Potsdamer Platz verwendet worden, erzählt Spindler. Dann, so erinnert er sich, sei jedoch der Sand ausgegangen. Und so blieb ein Stück ohne Lärmschutz. Neben ihnen betreffe das Problem etwa 20 andere Familien, schätzt Hentschke.

Gesetzlicher Anspruch auf Lärmschutz besteht nicht

Ein Sprecher der Deutschen Bahn teilt auf Anfrage dazu mit, es handle sich „bei dem Lärmschutzwall um eine freiwillige Maßnahme aus dem Jahr 1995, die im Rahmen der damals vorhandenen Ressourcen umgesetzt wurde“. Rechtlich wird die sogenannte Lärmvorsorge durch das Bundes-Immissionsschutzgesetz geregelt. Ein gesetzlicher Anspruch auf Lärmschutz besteht für Betroffene demnach nur dann, wenn Schienenwege neu gebaut oder wesentlich geändert werden. Dazu zählt eine Erweiterung um ein oder mehrere durchgehende Gleise oder ein baulicher Eingriff, durch den der Lärmpegel um mindestens drei Dezibel oder auf wenigstens 70 Dezibel am Tag oder 60 Dezibel in der Nacht erhöht wird.

Spindler und sechs weitere Hauptkläger hatten bereits in den 1990er Jahren auf einen Lärmschutz geklagt, verloren damals jedoch. Eben weil die Anforderungen des Bundes-Immissionsschutzgesetzes laut Gericht nicht erfüllt gewesen seien, sagt Spindler. Zwar wurde die Bahnstrecke nach dem Mauerfall – ab 1961 war der Abschnitt zwischen Spandau und Albrechtshof unterbrochen gewesen – komplett saniert und umgebaut. Für einen verpflichtenden Lärmschutz hatte das aber nicht gereicht.

Züge auf der Strecke Hamburg-Berlin nehmen zu

Spindler und andere Anwohner haben sich in den vergangenen Jahren dennoch weiter um einen Lärmschutzwall bemüht. Sie hätten mit der Deutschen Bahn, aber auch mit Vertretern von verschiedenen Parteien gesprochen und Briefe geschrieben. „Ich habe dann sogar einen Bekannten gefunden, der uns genügend Sand angeschafft hätte“, berichtet Spindler. Das Problem: Der Sand hätte, so habe es ihm die Deutsche Bahn gesagt, ein Zertifikat gebraucht. „Das war nicht möglich“, sagt der Spandauer.

Heute fahren an den Häusern zahlreiche Züge vorbei. Spindler nennt vier Regionalverbindungen, außerdem ICE und IC sowie Güterzüge. Und es ist absehbar, dass die Abstände zwischen den vorbeifahrenden Zügen weiter abnehmen – zur Freude der Pendler, zum Leid der Bewohner des Leuthingerwegs. Ab Dezember 2022 ist die Einführung einer vierten ganztägigen Linie zwischen Berlin und Nauen geplant. Zudem sollen die Bahnen zwischen Berlin und Hamburg künftig im Halbstundentakt fahren. Dafür ist eine neue ICE-Linie mit täglich sechs Zügen pro Richtung vorgesehen.

Spindler berichtet, er habe schon mal nachts im Haus bei angeklapptem Fenster den Lärm gemessen. Die Werte hätten zwischen 60 und 70 Dezibel gelegen. Auch Wolfgang Müller, ein weiterer Anwohner, erklärt, er habe den Lärm an seinem Haus einmal gemessen und ähnliche Werte erhalten. Laut der Lärmkarte der Senatsumweltverwaltung aus dem Jahr 2017 liegt der Lärmpegel für die Grundstücke am Leuthingerweg tagsüber im höchsten Fall bei gut 70, im niedrigsten Fall bei gut 60 Dezibel. Die Verwaltung hat die Werte allerdings nicht gemessen, sondern berechnet. Ebenso geht die Deutsche Bahn vor. „Grundsätzlich wird der Schall immer berechnet, nicht gemessen“, heißt es aus der Pressestelle.

Schallschutzgutachten soll in den nächsten Jahren erstellt werden

Obwohl die Familien am Leuthingerweg rechtlich zurzeit keinen Anspruch auf einen Lärmschutz haben, besteht noch Hoffnung, dass etwas passiert – allerdings erst in einigen Jahren. Mit der „Lärmsanierung“ gebe es seit 1999 ein freiwilliges Programm des Bundes, dass Lärmschutzmaßnahmen auch dann ermöglicht, wenn Schienenwege nicht neu gebaut oder wesentlich geändert werden, erklärt der Sprecher der Deutschen Bahn.

Für einen potenziellen Lärmsanierungsabschnitt werde demnach zunächst ein Schallgutachten erstellt, das die aktuellen sowie die für das Jahr 2030 prognostizierten Zugzahlen berücksichtigt. Der besagte Abschnitt in Spandau habe „eine vergleichsweise hohe Priorisierung, sodass eine Bearbeitung des Abschnitts in den nächsten drei Jahren vorgesehen ist“, sagt der Bahn-Sprecher, wobei er direkt einschränkt: „Das bedeutet aber nur, dass mit einem Schallgutachten begonnen wird.“ Die Planung und Einordnung von Sperrpausen – während denen also keine Züge fahren – zur Errichtung etwaiger Schallschutzwände „liegen hier noch in fernerer Zukunft“.

Je nachdem, wie viele Jahre bis dahin vergehen, könnte eine Schallschutz entlang der Strecke ohnehin fällig werden: Im Rahmen des Projekts i2030 von Berlin, Brandenburg, Deutscher Bahn und dem Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) soll zwischen Nauen und Spandau der Regionalverkehr weiter verstärkt und die S-Bahn verlängert werden. Das macht auch den Bau neuer Gleise notwendig. Derzeit laufen hierzu Untersuchungen, ein tatsächlicher Bau könnte in den 2030er-Jahren folgen. Die Anwohner zweifeln allerdings daran, dass ihnen bei den Ausbauplänen überhaupt noch ein Schallschutz helfen würde. „Wenn die S-Bahn kommt, können wir hier wegziehen“, befürchtet Silvia Hentschke.

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