Pilgern in Spandau

Kreuz und quer: Der neue Pilgerweg ist eröffnet

Die Schönheit des Weges liegt im Auge des Betrachters. Wer pilgert, achtet bewusst auf Dinge am Wegesrand. Auch auf Gullydeckel.

Eine Skulptur auf dem ersten Streckenabschnitt des neuen Spandauer Pilgerwegs.

Eine Skulptur auf dem ersten Streckenabschnitt des neuen Spandauer Pilgerwegs.

Foto: Sibylle Haberstumpf

Spandau. Der Weg ist das Ziel. Ob in der Sonne von Santiago de Compostela oder im Sprühregen von Spandau. Das Wetter spielt keine Rolle. Weiter, immer weiter. Das ist das Motto für Christen überall auf der Welt, die sich aufmachen zum Pilgern. Das geht jetzt auch in Spandau. Auf einem besonderen Weg, dem neuen, ganz eigenen Spandauer Pilgerweg. Er ist rund 75 Kilometer lang. Ausgeklügelt hat ihn die Evangelische Kirche. Es gibt drei Rundwege, sie heißen „Stadt“, „Land“ und „Fluss“.

Das mag nach einem Kinderspiel klingen. Doch es wird ernst, sobald man die Kilometerangaben liest: 22 Kilometer lang ist die „Stadt“-Strecke durch die Altstadt. 30 Kilometer gar der Rundweg „Land“, der abseits vom Straßenverkehr durch die Natur verläuft. Und die Länge der „Fluss“-Strecke am Wasser entlang: 23 Kilometer. Für Flip-Flop-Träger eher ungeeignet. Aber natürlich muss niemand daraus einen Zwang zum Gewaltmarsch oder zum Start-Ziel-Sieg ableiten, ganz im Gegenteil. Wie gesagt: Der Weg ist ja das Ziel.

Am Wochenende wurde der für Berlin in dieser Form einzigartige City-Pilgerweg nun eröffnet. Am Sonnabend läuteten die Glocken der Spandauer Lutherkirche und brachten den Pilgern den Segen auf all ihren Wegen.

Die Gedanken nehmen eine andere Wendung beim Pilgern

„Lasst uns gehen“, steht in der Bibel. Pröpstin Christina-Maria Bammel nahm das Zitat wörtlich und trat gleich im pilgertauglichen Schuhwerk mit Laufprofil an. Ihre Botschaft zum Pilgern: „Wir wollen still werden, einatmen, mit Gott ins Sprechen kommen. Die Gedanken gehen spazieren und nehmen vielleicht eine andere Wendung.“ Soll heißen: Alles wird gut, solange du pilgerst.

Vorwärts – oder wie der Lateiner sagt „ultreia“. Das ist ein uralter Pilgergruß. Praktischerweise schwingt in diesem einen Wörtchen gleich ein ganzer Aufruf mit, der freundlich sagt: „Vorwärts, los, mach dich auf den Weg, lass dich nicht hängen, geh weiter, aufwärts, neue Erfahrungen liegen vor dir – ein neues Leben.“ So beschreibt es Lutherkirchen-Pfarrer Karsten Dierks am Sonnabend, und, das kann man so sagen, es ist mitreißend. „Immer wieder gibt es Ziele, an denen wir ankommen wollen“, so der Kirchenmann. „Das möge uns in Spandau begleiten.“ Kreuz und quer durch den ganzen Bezirk führt der Weg nun, 26 Kirchen liegen am Wegesrand. Das Kreuz als Symbol spiele natürlich eine Rolle beim Pilgern, erklärt der Pfarrer. „Das Kreuz trägst du im Rücken, das Leben vor dir“, sagt er.

Wohl seit mehr als tausend Jahren pilgern Christen zum Grab des heiligen Jakobus nach Spanien, in die Stadt Santiago de Compostela. Der Ort war im Mittelalter neben Rom und Jerusalem eines der Hauptziele der Wallfahrten. In Europa entstand deswegen ein dichtes Netz von Wegen in Richtung Santiago. „Auch aus Spandau sind sicher Menschen bis dorthin gewandert“, sagt Andrea Laug von der Evangelischen Kirche. „Als Pilger lässt man wirken, was einem begegnet, man hat einen anderen Blick als sonst“, erzählt die 62-Jährige, die im letzten Portugal-Urlaub auch schon 250 Kilometer auf dem Jakobsweg nach Santiago in Spanien gepilgert ist. Warum eigentlich? Es ist das besondere Pilgergefühl, sagt sie. „Der Weg spricht zu dir.“ Auch Krisen, ist sie sicher, lassen sich beim Pilgern verarbeiten. Die aktuelle Corona-Zeit könnte einige dazu bewegen, sich auf den Pilgerweg zu begeben – um das Leben in einem neuen Licht zu sehen.

Mehr Zusammenhalt für Spandau und die ganze Stadt

Die Kirchen in Spandau, sowohl die 24 evangelischen als auch die zwei katholischen, versprechen sich von ihrem Projekt ein verbindendes Element. Die Strecken sind dauerhaft angelegt und mit Wanderzeichen markiert. „Der Weg ist für die Ewigkeit gedacht, hoffen wir jedenfalls“, sagt Andrea Laug. Das Ziel ist nicht nur ein göttliches, sondern auch ein weltliches: Die Schönheit des Bezirks im Nordwesten soll den Menschen bewusster werden. Das Pilgern soll den Austausch verstärken. Menschen können sich dabei kennenlernen.

„Mehr Zusammenhalt für Spandau“, das könnte daraus entstehen, meint auch Bezirksstadtrat Frank Bewig, der am Sonnabend ebenfalls ein Streckchen mitpilgert. „Viele Menschen sollen auf diesem Weg Freude entwickeln, können Spandaus Grünanlagen entdecken, unterschiedliche Facetten der Natur, unsere spannende Geschichte“, hofft er. Der Pilgerweg soll aber nicht nur Spandauer anziehen, sondern Pilgerfans aller Berliner Bezirke. Packt die Wanderschuhe ein, und dann nischt wie raus nach Spandau? So ähnlich ist es wohl gemeint. „Auf dem Pilgerweg kann man zu sich selbst finden“, resümiert Marion Götz, die am Sonnabend auch von der Lutherkirche aus auf den neuen Pilgerweg startet, und sieht es auch als eine Art Training, das den Menschen heutzutage gut tue: „Mal eine längere Zeit zu Fuß zu gehen, das ist heute ja fast niemand mehr gewöhnt.“ Was für sie auch dazu gehört, wenn sie zu zweit pilgert: „Man schweigt viel. Das kann man aber nicht mit jedem machen, man muss sich dafür innerlich gut verstehen. Bei meinem Mann und mir klappt das super.“ Das Beste am Pilgern sei für sie aber: das bewusste Schauen. Das gehe so, erklärt Götz: „Mal nicht aufs Handy gucken, sondern auf die Umgebung achten.“ Die Magie von Straßenschildern, Supermarkt-Reklame, U-Bahn-Haltestellen, Graffiti-Schrift, das alles könne anders gesehen werden als mit dem Desinteresse des Alltags. „Ich mache es gerne so, dass ich lange durch eine Gegend laufe, die ich kenne, und sie mir wie eine Touristin ansehe“, sagt Götz. Und plötzlich fällt der gusseiserne Gullydeckel der Berliner Wasserbetriebe auf, auf dem der Fernsehturm und das Brandenburger Tor abgebildet ist. Ein kleines Kunstwerk, mitten auf der Kopfsteinpflaster.

Der Spandauer Pilgerweg, das soll noch bei mehreren Veranstaltungen rüberkommen, die an den nächsten beiden Wochenenden stattfinden, ist ein Projekt zum Loslaufen, nicht zum Weglaufen. Viele Menschen kommen nicht mehr in die evangelischen und katholischen Kirchen – so hofft man in Spandau jetzt auf etwas mehr Besucherzuspruch.

Im Internet ist das Programm zu finden unter www.spandau-evangelisch.de/pilgern