Stadtentwicklung

Quartier „Carossa“: 1200 neue Wohnungen in Spandau

Investor Kauri Cab entwickelt das Gelände des ehemaligen Siemens-Luftfahrtgerätwerks in Spandau. Baustart soll noch dieses Jahr sein.

So soll das Quartier "Carossa" im Spandauer Ortsteil Hakenfelde einmal aussehen. 

So soll das Quartier "Carossa" im Spandauer Ortsteil Hakenfelde einmal aussehen. 

Foto: Kauri Cab

Berlin. In Spandau sollen noch in diesem Jahr die Arbeiten für ein weiteres, großes Quartier mit weit über 1000 Wohnungen starten. „Carossa“ heißt das Projekt des Unternehmens Kauri Cab aus Berlin, das zwischen Streitstraße und Maselakepark realisiert wird. Dabei werden historische Bestandsgebäude restauriert und umgebaut, aber auch neue Häuser errichtet. Das Projektvolumen liege bei einer Summe im mittleren, dreistelligen Millionenbereich, sagt Kauri-Cab-Geschäftsführer Luca Bauernfeind.

Das Areal, auf dem laut Investor circa 135.000 Quadratmeter Bruttogrundfläche entwickelt werden, ist eines mit Geschichte. Dort entstand zwischen 1938 und 1942 der Komplex des Siemens-Luftfahrtgerätewerks, das damals im Auftrag des Reichsluftfahrtministeriums nach dem Entwurf Hans Hertleins gebaut wurde. Dazu gehören unter anderem ein markanter, elfgeschossiger Turm und ein langgezogener Fabrikationstrakt; auch eine alte Halle mit Sheddach und ein ehemaliges Offizierskasino stehen dort. Der „Hertlein-Bau“ gilt als wichtiges historisches Dokument für Spandaus Rolle in der NS-Zeit und steht unter Denkmalschutz.

Große Teile der Gebäude werden zurzeit nicht genutzt

Heute befinden sich auf dem Gelände Ärzte, Teile des Bezirksamts und Geschäfte. Große Teile der Gebäude werden jedoch nicht genutzt. Das soll sich ändern. Erst kürzlich wurde im Bezirk der Bebauungsplan für das Areal beschlossen. Durch ihn werde die Nachnutzung einer weitestgehend bebauten und versiegelten Fläche ermöglicht, die zuletzt zunehmend brach gefallen sei, sagt Baustadtrat Frank Bewig (CDU).

Investor Kauri Cab hat das Areal im Jahr 2018 gekauft, der Prozess für die Entwicklung des Geländes läuft aber bereits noch länger. Schon vor fünf Jahren hatte das Bezirksamt die Aufstellung eines Bebauungsplans beschlossen. Doch das Vorhaben zog sich. Der Bezirk verweist auf die verschiedenen Gegebenheiten vor Ort, die unter einen Hut gebracht werden mussten. So würden die Geschäfte einen besonderen Schallschutz erforderlich machen, gleichzeitig sei der Boden durch die frühere Nutzung kontaminiert worden und dann komme noch der Denkmalschutz hinzu. Zuletzt musste eine mögliche Verlängerung der Siemensbahn in den Plan integriert und dafür eine Fläche freigehalten werden.

Etwa 300 mietpreisgebundene Wohnungen geplant

Nun aber steht der Bebauungsplan, der rund 1200 Wohnungen vorsieht, darunter knapp 300 mietpreisgebundene. Einen Teil davon werde das kommunale Wohnungsunternehmen Howoge errichten, sagt Bauernfeind. Alle Wohnungen sollen laut ihm vermietet werden. Mietpreise könnten aber noch nicht genannt werden.

Feststeht, dass in dem Quartier verschiedene Wohnformen berücksichtigt werden sollen. So sehen die Pläne auch Seniorenwohnungen, Micro Living – kleine, kompakte Wohnungen insbesondere für Singles – und Co-Living, also Wohngemeinschaften, vor. „Wir wollen, dass das Quartier einen urbanen Charakter bekommt“, erklärt Bauernfeind. Auch Familienwohnungen seien geplant, etwa in den „Baumhäusern“, wie Bauernfeind sie nennt. Diese entstehen in einem Teilbereich zwischen alten Platanen. Die Bäume sollen dabei so integriert werden, dass möglichst wenige gefällt werden müssen, erklärt der Geschäftsführer. Der Mix aus neuen Gebäuden, darunter zwei Zehngeschosser als Hochpunkte, und den restaurierten Altbauten ist für ihn das, was das Quartier spannend machen soll – gleichzeitig sind die denkmalgeschützten Gebäude eine Herausforderung.

So soll in dem ehemaligen Offizierskasino eine Kita mit gut 100 Plätzen entstehen, diese ist im städtebaulichen Vertrag festgeschrieben. Eine zweite Kita wolle man freiwillig bauen, sagt Bauernfeind, ein Betreiber für beide Einrichtungen sei bereits gefunden. Dafür muss aber eine andere Kita weichen, die sich bislang angrenzend an das Carossa-Areal befand. Auf der Fläche, die ebenfalls dem Investor gehört, sind weitere Wohnhäuser geplant. Temporär gehen damit Kitaplätze verloren, langfristig werde sich die Situation in der Bezirksregion aber verbessern, sagte Jugendstadtrat Stephan Machulik (SPD) auf der Bezirksverordnetenversammlung vor der Sommerpause. Für den bisherigen Kitaträger versuche man, eine Lösung zu finden.

Außenbereich soll eine Laufstrecke bekommen

Auszeichnen soll das neue Quartier auch ein vielfältig gestalteter Außenbereich, der ein Ausgleich für die teils kompakten Wohnungen sein soll. Bauernfeind berichtet von einer 1,2 Kilometer langen Laufstrecke, von Beachvolleyball- und Badmintonplätzen, Kraftgeräten im Freien, einem Gemeinschafts- und einem Biergarten. Eine 2000 Quadratmeter große Fläche wird dem Bezirk für einen Spielplatz übertragen. Die Angebote sollen größtenteils auch Menschen aus der Nachbarschaft offen stehen. „Wir wollen das Quartier zu einem Vorzeigeprojekt machen, wie wir miteinander wohnen“, sagt Bauernfeind. Dafür soll es auch eine spezielle Quartiers-App geben, über die dann zahlreiche Aktivitäten wie Kajakfahren, gemeinsames Gärtnern oder Musizieren organisiert werden. Das Angebot wolle man konsequent an die Bedürfnisse der Bewohner anpassen, erklärt er. Deshalb werde es auch einen „digitalen Manager“ geben, so Bauernfeind, der klassische Aufgaben eines Hausmeisters übernimmt, aber auch die Bereitstellung der Service-Angebote. Ziel sei es, ein „smartes Quartier“ zu entwickeln, das in dieser Form bisher einzigartig sein soll.

Innerhalb von drei Jahren, so sieht es der derzeitige Zeitplan vor, soll das Quartier weitestgehend fertiggestellt sein. Luca Bauernfeind ist optimistisch, dass das klappt, auch weil man bei dem Projekt auf ein besonderes Verfahren gesetzt habe: Architekten, aber auch die bauausführenden Firmen hätten von Beginn an gemeinsam die Pläne entwickelt. Konflikte beim Bau soll es so nicht mehr geben.

Erwartete Zunahme des Verkehrs ist Herausforderung

Eine große Herausforderung bleibt aber die Verkehrsanbindung. Zwar sollen die künftigen Bewohner des Quartiers viele Wege, etwa zum Einkaufen oder zur nahen Grünanlage, zu Fuß erledigen können und auch eine Bushaltestelle grenzt direkt an das Areal. Dennoch rechnet der Bezirk mit einem Anstieg der Verkehrsmengen in der Region – schon allein, weil es in der Umgebung zahlreiche weitere Wohnungsbauvorhaben gibt.

„Vor diesem Hintergrund müssen mittel- und langfristig Verkehrswege ertüchtigt werden beziehungsweise die Taktung von bestehenden Buslinien optimiert werden“, erklärt Stadtrat Bewig. Zudem könne die Kapazität durch Busspuren erhöht werden – für mehrere nahe Straßen gibt es dazu Pläne. Für eine mögliche Verlängerung der Siemensbahn zur Streitstraße, die derzeit in einer Machbarkeitsstudie untersucht wird, gibt es dagegen noch keinen Zeitplan, eine Straßenbahn soll nicht vor 2029 fahren.

Aus seiner Sicht werde in der Senatsverkehrsverwaltung „leider oft zu kurzfristig gedacht und geplant, wenn es um die verkehrlichen Belange unseres Bezirks und anderer Randbezirke geht“, sagt Stadtrat Bewig. Gerade weil in Spandau aber viel geplant und gebaut werde, würde er sich dabei noch mehr Unterstützung der Senatsverwaltung wünschen, denn: „Eine nachhaltige und zukunftsfähige Verkehrsinfrastruktur ist der Schlüssel dafür, dass sich die Menschen in ihrem Bezirk wohlfühlen.“