Sozialarbeit

In Spandau wird jetzt jugendlichen Systemsprengern geholfen

Der Verein „Freestyle“ hat in Spandau Räume geschaffen, um Jugendliche vom Rand der Gesellschaft zurückzuholen.

Benjamin Zwick, Vorstandsmitglied von „Freestyle" und Lars Svendsson, Standortleiter Spandau, an der neuen Homebase für jugendliche Systemsprenger.

Benjamin Zwick, Vorstandsmitglied von „Freestyle" und Lars Svendsson, Standortleiter Spandau, an der neuen Homebase für jugendliche Systemsprenger.

Foto: Jessica Hanack / Hanack/ BM

Berlin. Die Bauabnahme war kaum erfolgt, da zogen bereits die ersten Jugendlichen ein: Seit Anfang Februar gibt es in Spandau die „Homebase“ für Systemsprenger. Hier sollen Jugendliche, die von Obdachlosigkeit bedroht und schon erfolglos durch mehrere Jugendhilfemaßnahmen gelaufen sind, ein sicheres Zuhause bekommen.

Der Verein „Freestyle“ hat dafür Gebäude mit insgesamt gut 800 Quadratmeter Fläche an der Neuendorfer Straße in Spandau angemietet und umgebaut. Der erste Teil – entstanden in einer früheren Werkstatt – ist nun fertig, mit insgesamt vier Einzelzimmern und angrenzend einem Zwei-Zimmer-Appartment. Zwei der Zimmer und die kleine Wohnung sind inzwischen belegt.

Haus für Systemsprenger in Spandau von Stiftungen gefördert

Im zweiten Teil laufen aktuell noch die Bauarbeiten. Dort sollen vier Ein-Raum-Wohnungen und sieben Zwei-Raum-Wohnungen folgen, sodass am Ende insgesamt 24 Plätze zur Verfügung stehen. Unterstützt wurde das Projekt von der Stiftung Wohnhilfe und der Ikea Stiftung mit zusammen rund 190.000 Euro, weitere Fördermittel sind beantragt. Der Verein investiert insgesamt gut 800.000 Euro in den Umbau.

„Das ganze Konzept ist ein Unikat, in Berlin gibt es nichts Vergleichbares“, sagt Benjamin Zwick, Vorstandsmitglied bei „Freestyle“. Die Systemsprenger, die in Spandau aufgenommen werden, sind Jugendliche ab 14 Jahren, die in Gruppen nur schwer integrierbar sind, zum Teil auch psychische Erkrankungen haben.

Der Verein bietet in Berlin bereits gut 120 Plätze für betreutes Einzelwohnen, in angemieteten Wohnungen verteilt über die ganze Stadt. Der Vorteil nun in Spandau: Direkt vor Ort gibt es auch Räume für die Betreuer.

Für Jugendliche sind in Spandau auch nachts Betreuer vor Ort

Für die Jugendlichen, die in den einfach ausgestatteten Einzelzimmern wohnen, gibt es auch nachts zwei Erzieher vor Ort, einer ist im aktiven Dienst und einer in Bereitschaft. „Das Vier-Augen-Prinzip war uns wichtig“, erklärt Zwick.

Tagsüber, zwischen 10 und 18 Uhr, müssen die jungen Bewohner das Gebäude verlassen. Dafür gibt es aber Sozialarbeiter, die für jeden Klienten etwa 20 Stunden Zeit pro Woche haben. „Sie kommen um 10 Uhr her, holen die Jugendlichen ab und verbringen Zeit mit ihnen“, erklärt Lars Svendsson, der den Spandauer Standort leitet. „Am Anfang geht es vor allem um Beziehungsarbeit, dann soll es in Richtung geregelte Tagesstruktur gehen.“

Systemsprenger müssen wenige Regeln einhalten

Was das Konzept zudem auszeichnet, ist, dass Regeln „auf das Minimale beschränkt werden“, sagt Svendsson. Die Jugendlichen – aktuell leben in den Einzelzimmern zwei 14 und 17 Jahre alte Jungen – können morgens und abends gemeinsam mit den Betreuern in der Küche essen, müssen aber nicht.

Und auch, wenn sie einmal erst mitten in der Nacht kommen oder mehrere Tage gar nicht, müssen sie nicht fürchten, sofort ihr Zimmer zu verlieren. Ebenso wenig wird den Bewohnern Limit gesetzt, über welchen Zeitraum sie bleiben dürfen. Der Druck, sagt Zwick, soll den Jugendlichen so genommen werden. „Das ist kein Allheilmittel, aber ein Paket, wo sie ankommen können.“

Haus für Jugendliche soll langfristig bestehen bleiben

Insgesamt gibt es ein festes Team mit sieben Erzieher- und zwei Sozialpädagogenstellen, die die Betreuung übernehmen. Wenn die anderen Apartments belegt werden, sollen weitere Mitarbeiter in Spandau dazukommen, wobei es für diese Bewohner keine Erzieher gibt, die nachts anwesend sind. Bei akuten Krisen können die Jugendlichen Mitarbeiter in Rufbereitschaft erreichen.

Bis Mai, so das Ziel von „Freestyle“, sollen auch die verbliebenen Umbauarbeiten abgeschlossen sein. Die Struktur der Appartments lässt sich zurzeit bereits erahnen, viel ist beim Innenausbau in dem dreigeschossigen Haus aber noch zu tun. Küchen, Badezimmer, zum Teil auch Wände fehlen noch. Für die Gebäude wurde zunächst ein Zehn-Jahres-Mietvertrag geschlossen, mit der Option für den Verein, um weitere fünf Jahre zu verlängern. „Unser Ziel ist es aber, hier langfristig zu bleiben“, betont Zwick.

Der Bedarf, so schätzt es der Sozialarbeiter ein, ist in jedem Fall vorhanden. Der Verein bekomme wöchentlich mehrere Anfragen von Jugendämtern für eine ambulante oder stationäre Betreuung von Jugendlichen. Auch für das neue Haus in Spandau gibt es bereits weiteres Interesse, eine junge Frau war kürzlich für eine Besichtigung dort. Die Entscheidung trifft am Ende das zuständige Jugendamt.

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