Artenschutz

Eidechsen werden in Spandau für 150.000 Euro umgesiedelt

Wegen eines Bauprojekts müssen Zauneidechsen in Spandau umgesiedelt werden. Der Bauherr trägt die Kosten – auch für 25 Jahre Pflege.

Zauneidechsen sollen auf einem Areal am Groß Glienicker See in Spandau ein neues Zuhause finden.

Zauneidechsen sollen auf einem Areal am Groß Glienicker See in Spandau ein neues Zuhause finden.

Foto: dpa Picture-Alliance / Sunbird Images / picture alliance / Arco Images

Berlin. Mehrere große Schilder weisen daraufhin: An einem Feld am Groß Glienicker See in Spandau finden in den nächsten Monaten Landschaftsbauarbeiten statt. Mit diesen soll der Standort für seine neuen Bewohner vorbereitet werden. Zauneidechsen, die aus dem Spandauer Zentrum dorthin umgesiedelt werden sollen, weil ihr bisheriger Lebensraum bebaut wird.

Das Vorhaben ist eine Ausgleichsmaßnahme für ein Projekt der Buwog. Das Wohnungsbauunternehmen plane, ein Wohnquartier mit Kita in zentraler Lage von Spandau, nahe den Spandau Arcaden, zu errichten, teilt Buwog-Sprecher Michael Divé mit. „Das Areal ist eine ehemalige Brachfläche der Deutschen Bahn, die zuletzt von einem Autohaus genutzt wurde.“ Konkret geht es um eine Fläche am Brunsbütteler Damm, hinter dem Einkaufszentrum und angrenzend an die Bahn-Schienen. Das Projekt befindet sich aktuell noch in der Planungsphase.

25 Jahre lang will sich das Unternehmen engagieren

Bevor gebaut werden kann, steht auch erst noch etwas anderes an: „Da sich im Rahmen des Artenschutzgutachtens Zauneidechsen fanden, sind diese, vor Baubeginn, durch die Buwog auf eine Ersatzfläche umzusiedeln“, erklärt der Sprecher weiter. Die Kosten dafür muss die Buwog als Bauherr und sogenannter Eingriffsverursacher tragen: Laut Divé belaufen sich diese insgesamt, vom Artenschutzgutachten bis zur erfolgten Umsiedlung, auf rund 150.000 Euro. Später kommen die Kosten für die jährliche Pflege hinzu, in Höhe von 5000 bis 10.000 Euro – und das 25 Jahre lang.

Die Vorbereitungen für die Umsiedlung der Zauneidechsen – eine streng geschützte Art – laufen bereits seit Längerem. „Im Sommer 2019 wurden die Tiere durch die Buwog gefüttert und der Bestand vermehrt“, erklärt der Unternehmenssprecher. Aktuell befinden sich die Eidechsen noch im Winterschlaf. „Ab dem Frühjahr 2020 können die Tiere dann angefüttert und umgesiedelt werden“, so Divé weiter.

Fläche am Groß Glienicker See wird auf Zauneidechsen vorbereitet

Bis dahin muss die Fläche am Groß Glienicker See – dazu gehört ein Feld und angrenzend das Gelände einer ehemaligen Baumschule – entsprechend vorbereitet sein. Dazu muss die Buwog zunächst verschiedene Artenschutzmaßnahmen umsetzen, wozu etwa die gezielte Bepflanzung zählt.

Grundsätzlich gilt: Der Standort soll so gestaltet werden, dass er für Zauneidechsen ideale Bedingungen bietet. „In diesem Zusammenhang werden Aufwertungsmaßnahmen wie Wälle mit Versteck-, Sonnen- und Überwinterungsquartiersfunktionen realisiert“, sagt Derk Ehlert von der Senatsverwaltung für Umwelt und Klimaschutz. „Das angrenzende Gelände der ehemaligen Baumschule wird in diesem Zusammenhang ausgelichtet, wobei überwiegend nicht standortgerechte Bäume entfernt werden.“ Das Material soll größtenteils am Standort bleiben und den Eidechsen als Rückzugsraum dienen.

60 Potenzialflächen für den Artenschutz in Spandau

Die Ersatzfläche, auf die nun am Groß Glienicker See zurückgegriffen wird, stammt aus dem sogenannten Kompensationsflächenpool von Spandau. „Der Pool ist ein vorsorgendes, behördenintern verwendetes Instrument für eine effektive und nachhaltige Stadtentwicklung im Bezirk“, erklärt der für Natur- und Umweltschutz zuständige Stadtrat Andreas Otti (AfD).

Insgesamt 60 Potenzialflächen, die insgesamt rund 1500 Hektar umfassen, sind zurzeit darin enthalten. Die Flächen wurden zuvor auf die dort lebenden Tiere und ihre Biotopausstattung untersucht. Spandau sei der einzige Bezirk, so der Stadtrat, der einen solchen Pool fachämterübergreifend erarbeitet habe.

Damit wolle man auch die Bauherren unterstützen, um einen eventuell notwendigen Ausgleich zeitnah planen zu können. Unter anderem habe man bereits Flächen an der Spekte, an der Falkenseer Chaussee und am Krampnitzteich für den Ausgleich von Eingriffen in die Natur und für den Artenschutz genutzt. „Kompensationsmaßnahmen gibt es in Spandau ständig, sie unterscheiden sich nur in Umfang und der betroffenen Arten“, sagt Stadtrat Otti.

Wie Mirjam Nadjafzadeh, Artenschutzreferentin beim Naturschutzbund Berlin (Nabu) erklärt, gilt für Zauneidechsen als streng geschützte Art ein „Störungs- und Tötungsverbot“; auch die „Lebensstätten“ der Tiere dürfen eigentlich nicht beschädigt oder zerstört werden. Wenn eine solche Fläche doch bebaut und eine Umsiedlung der Eidechsen geplant wird, müsse Antrag auf Ausnahmezulassung bei der Obersten Naturschutzbehörde des Landes gestellt werden, sagt sie.

Auch in Pankow entsteht ein neues Biotop für Reptilien

An ihren Lebensraum haben die Eidechsen durchaus hohe Ansprüche. „Die Zauneidechse besiedelt wärmebegünstigte, halboffene und strukturreiche Lebensräume“, sagt die Nabu-Referentin, „sie benötigt lockere, grabfähige Bodenstellen und ein Mosaik aus besonnten Bereichen und Versteckplätzen.“

Auch für eine Umsiedlung der Tiere gibt es laut Nadjafzadeh zahlreiche Kriterien, die erfüllt werden müssen, damit die Aktion erfolgreich ist. Unter anderem müssten die Eidechsen so schonend wie möglich gefangen werden, die Aussetzungsfläche müsse reptiliensicher eingezäunt werden, und auch die Größe des neuen Areals muss stimmen: Für Alttiere gilt demnach ein Lebensraum mit einer Größe von 150 Quadratmetern als angemessen. „Zur Erfolgskontrolle einer Umsiedlung sollte ein mehrjähriges Monitoring erfolgen“, sagt Nadjafzadeh.

Auch in Pankow entsteht ein neues Biotop für Zauneidechsen

Auch in Pankow gibt es seit kurzem ein neues Biotop für Zauneidechsen. Dieses befindet sich am „Grünen Band“, dem früheren Mauerstreifen, zwischen den Bahnhöfen Schönholz und Wilhelmsruh. Tausende Zauneidechsen könnten künftig auf dem sechs Hektar großen Areal leben, so die Einschätzung. Eine Umsiedlung hat es dort, anders als im Spandauer Fall, allerdings nicht gegeben. In der Senatsverwaltung geht man davon aus, dass die aktuell auf dem „Grünen Band“ lebenden Tiere vermutlich aus benachbarten Bahndamm-Flächen eigenständig eingewandert sind.

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