“Wir machen es einfach“

Inklusionstauchclub aus Spandau bringt Menschen zusammen

Beim 1. Berliner Inklusions Tauchclub sind Menschen mit und ohne Behinderung Mitglied, darunter Querschnittsgelähmte oder Blinde.

In der Siemensstadt gibt es den „1. Berliner Inklusions Tauchclub“. Unter anderem taucht dort der blinde Sebastian Andres.

In der Siemensstadt gibt es den „1. Berliner Inklusions Tauchclub“. Unter anderem taucht dort der blinde Sebastian Andres.

Foto: Christoph Giese

Berlin. Seit Kurzem tragen es die Taucher aus der Spandauer Siemensstadt auch im Namen. Das, was ihnen bei ihrem Sport besonders wichtig ist. „1. Berliner Inklusions Tauchclub“ heißen sie nun. „Das ist unser Alleinstellungsmerkmal“, sagt Alfred-G. Anlauf, der Vorsitzende des Vereins. Denn sie seien nicht nur der erste Tauchclub, der sich die Inklusion als Ziel gesetzt hat, sondern auch der einzige in der Hauptstadt.

Bei dem Spandauer Verein tauchen Menschen, die querschnittsgelähmt, blind oder an Multipler Sklerose erkrankt sind. Außerdem besuchen dort Kinder Kurse, die ein Fetales Alkoholsyndrom (FAS) haben, deren Mütter also während der Schwangerschaft Alkohol getrunken haben. Die Kinder leiden dadurch an neurologischen Schäden, die ihnen schon als Fötus zugefügt wurden.

Anlauf erzählt, dass er früher einen Tauchladen in der Siemensstadt hatte. „Da stolperten immer wieder Menschen rein, die eine Ausbildung zum Taucher machen wollten“, sagt er. „Irgendwann kam der Gedanke auf, einen Tauchclub zu gründen.“ Die Umsetzung folgte im April 2015. Für sein Engagement ist der Tauchclub kürzlich mit einem „Stern des Sports“ in Silber ausgezeichnet worden, den der Landessportbund Berlin und die Berliner Volksbank zusammen vergeben.

Gründungsmitglied des Vereins hat Multiple Sklerose

Der Inklusionsgedanke spielte für den Verein von Beginn eine Rolle. Eines der Gründungsmitglieder hat Multiple Sklerose. Anlauf, der bereits ausgebildeter Tauchlehrer für Menschen mit Behinderung war, hatte den Mann vorher kennengelernt. „Er kam als Tauchschüler zu mir, nachdem er eine Reihe gewerblicher Tauchclubs abgeklappert hatte. Dort wurde er abgelehnt, weil er kein Attest vom Taucharzt bekommen hat.“

Anlauf verwies ihn an einen anderen Arzt, der selbst technischer Taucher sei. Von dem habe er eine begrenzte Genehmigung erhalten, erzählt Anlauf. Und weil kurz nach der Vereinsgründung noch ein Mitglied hinzukam, das nach schwerer Krankheit taub war, habe man überlegt, sich als Verein auf die Inklusion von Menschen mit körperlichen Einschränkungen zu spezialisieren. „Später sind dann noch geistige Behinderungen dazugekommen“, sagt der Vorsitzende des Tauchclubs, der inzwischen gut 60 Mitglieder hat. Tendenz steigend.

Auch Sebastian Andres taucht in dem Verein. Andres ist seit seiner Geburt blind, unter Wasser wird er von zwei anderen Tauchern begleitet. Durch Zufall, sagt er, sei er auf den Tauchclub aufmerksam geworden. „Ich habe auf Facebook gesehen, dass es ein Schnuppertauchen gibt, und gedacht, entweder ist es cool und beeindruckend oder ich finde es total schlimm.“ Es war ersteres Gefühl. Inzwischen ist Andres sogar zum 2. Vorsitzenden des Vereins geworden.

Menschen kommen durch ein Hobby zusammen

Ihm gefällt die Art, wie in dem Verein Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund für ein verbindendes Hobby zusammenkommen. Es spiele, sagt Andres, gar nicht so eine Rolle, ob jemand nun eine Behinderung habe oder nicht. „Wir reden nicht über Inklusion, wir machen es einfach.“

Das betont auch der Vorsitzende Anlauf. Dass man eben nicht nur mit Worten, sondern vor allem mit Taten für die Einbeziehung aller stehe. Das Tauchen sei dafür als Sport perfekt geeignet. „Jemand, der eine Behinderung hat, kann Seite an Seite mit jemandem tauchen, der keine hat“, sagt Anlauf. Das sei in anderen Sportarten nicht so ohne Weiteres möglich.

Was alle verbindet, ist die Faszination von dem Gefühl, das sie unter Wasser erleben. „Ich kann komplett abschalten beim Tauchen. Unter Wasser sind alle Gedanken an das weg, was über Wasser passiert“, sagt Michael Heider, Ausbildungsleiter und einer von sechs Lehrern im Verein.

Tauchgang ist wie ein kleiner Urlaub

Ein Tauchgang sei wie ein kleiner Urlaub, den Satz hat Heider vereinsintern geprägt. Und alle anderen würden ihn sofort unterschreiben. Auch Gerald Scholl, der seit 2018 eine Tauchausbildung in dem Verein absolviert. Scholl ist querschnittsgelähmt. Während sich andere Taucher im Wasser nur mithilfe ihres Beinschlags fortbewegen, macht er alles über die Armbewegungen. „Ich habe mich einfach ins Wasser gestützt und auf Anhieb Blut geleckt“, sagt er über seinen ersten Tauchgang. Die Begeisterung ist bis heute geblieben.

Was für die Erwachsenen gilt, gilt auch für die Kinder im Verein: Auch sie tauchen – oder schnorcheln – alle gemeinsam, unabhängig von eventuellen Einschränkungen. Dass er Kinder mit FAS trainiere, habe sich einfach so ergeben, erzählt Tauchlehrer Jan Lorenzen. „Es gab nicht wenige Eltern, die irgendwann mal ihre Kinder mitgebracht haben. Und dann sind eben auch welche mit Behinderung dazugekommen“, sagt er, der das Wort „Behinderung“ eigentlich möglichst vermeidet.

Auch Kinder mit FAS lernen bei Siemensstädtern tauchen

Kinder mit FAS sind oft in ihrer geistigen Entwicklung beeinträchtigt, haben Konzentrationsprobleme. Aber, das betont Lorenzen, sie seien trotzdem „lustige, aufgeweckte Kinder“. Und für die Konzentrationsschwierigkeiten gibt es eine leichte Lösung: Wenn es nicht nur um Spaß, sondern die Vorbereitung auf Prüfungen gehe, dann bitte er die Eltern, die jungen Tauchschüler nur einzeln zu bringen. „Dann ist das auch kein Problem“, sagt der Tauchlehrer.

Bei seiner Finanzierung hat der Verein in den vergangenen Jahren stark von der „Aktion Mensch“ profitiert, konnte etwa Unterwasser-Scooter kaufen, mit denen Menschen, besonders querschnittsgelähmte, nach einem Tauchunfall ans Ufer gebracht werden könnten. Und immer wieder kann sich der Club besondere Aktionen leisten.

Zum Beispiel einen 40.000 Liter Wasser fassenden Container auf einem Parkplatz in der Siemensstadt aufzustellen, und sich so öffentlich zu präsentieren. Das sei einerseits natürlich Werbung, sagt Anlauf. Andererseits gehe es darum, den Menschen zu zeigen, dass sie die Möglichkeit haben, zu tauchen. Weil viele von selbst vielleicht gar nicht darauf kommen würden.

Siemensstädter brauchen noch ein Vereinsheim

Der Verein aus der Siemensstadt will noch weiter wachsen, weitere Tauchlehrer oder Rettungsschwimmer werden daher gesucht. Ein großes Ziel vom Vorsitzenden Anlauf ist es auch, ein Vereinsheim aufzubauen, das fehlt zurzeit noch. Bislang müsste der Theorieunterricht deshalb zum Beispiel in einer Fahrschule stattfinden. Eine barrierefreie Wohnung im Erdgeschoss wäre ideal, sagt er.

Dafür suchen Anlauf und seine Mitstreiter nun einen Sponsor oder einen Hausbesitzer, der den Tauchclub unterstützen will. „Dadurch würde der Verein noch attraktiver werden“, sagt Anlauf, außerdem sei ein solches Vereinsheim wichtig für das gesellschaftliche Leben im Club und die Gemeinschaft. Und die will man stärken. Im und außerhalb vom Wasser.

Inklusive Sportvereine in Berlin

In der Stadt gibt es einige Vereine, in denen Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam Sport machen können. Beim Verein Pfeffersport trainieren nach eigenen Angaben wöchentlich mehr als 1400 Teilnehmer in den Sportgruppen zusammen, etwa beim inklusiven Freizeitfußball, inklusiver Selbstverteidigung oder Fitnesskursen. Für sein Projekt „Mission Inklusion“ gewann Pfeffersport dieses Jahr den „Silbernen Stern des Sports“.

Die Kampfkunstschule Shuri-Ryu Berlin in Reinickendorf bietet ausschließlich inklusive Kurse an, die also allen offen stehen. Das sei eine Herzensangelegenheit, heißt es auf der Internetseite. Angeboten werden unter anderem Karatekurse für Erwachsene und Kinder oder Tai Chi und Qi Gong.

Der Spandauer Sportverein Inklusiv Johannesstift hat sich ebenfalls die Einbeziehung von Menschen mit Handicap als Ziel gesetzt, mit Angeboten im Breiten-, Präventions- oder Rehasport. Auf der Kursliste stehen Yoga, Aquagymnastik oder Pilates.