Bildung

Schulbau in Berlin: „Das Tempo wird nicht ausreichen“

Der Schulbau muss schneller werden, fordert Spandaus Bürgermeister Helmut Kleebank. Auch in seinem Bezirk werden neue Plätze gebraucht.

Am Freiherr-vom-Stein-Gymnasium Berlin-Spandau gibt es bereits einen modularen Ergänzungsbau. Bezirksbürgermeister Helmut Kleebank (SPD) will weitere bauen lassen.

Am Freiherr-vom-Stein-Gymnasium Berlin-Spandau gibt es bereits einen modularen Ergänzungsbau. Bezirksbürgermeister Helmut Kleebank (SPD) will weitere bauen lassen.

Foto: Jörg Krauthöfer / Funke Foto Services

Spandau. Weit mehr als zehntausend Wohnungen sollen in den kommenden Jahren in Spandau entstehen. Entsprechend werden auch Tausende Menschen in den Bezirk ziehen. Damit wächst der Bedarf an Schulplätzen: Für 2021 wird ein erheblicher Mangel prognostiziert. Im Interview erklärt Bezirksbürgermeister und Schulstadtrat Helmut Kleebank (SPD), welche Probleme es gibt. Und wie er dafür sorgen will, dass jedes Kind einen Schulplatz bekommt.

Berliner Morgenpost: Herr Kleebank, Spandau wächst. Es scheint aber, als ob die Schulen nicht schnell genug mitwachsen. Wie sehen Sie die Entwicklung?

Helmut Kleebank: Tatsächlich erfolgt der Wohnungsbau schneller als die sonstige Infrastruktur hinterherkommt. Das liegt zum erheblichen Teil daran, dass Spandau mit fertigen Bebauungsplänen gut aufgestellt ist, insbesondere in der Wasserstadt war alles vorbereitet. Insofern geht das dann relativ schnell. Wenn aber beispielsweise neue Schienenverbindungen gebaut werden müssen, sind das langwierige Verfahren. Ähnliches gilt für die Schulen.

Ein Beispiel ist Hakenfelde: Dort sind Anfang dieses Jahr die Pepitahöfe mit gut 1000 Wohnungen fertig geworden. Eine neue Grundschule folgt aber frühestens im Sommer 2021. Das heißt, es gibt da einen Zeitverzug von mehr als zwei Jahren.

Ja, obwohl wir die neue Grundschule unverzüglich zum Modellvorhaben beschleunigter Schulbau angemeldet haben. Das bedeutet, dass wir für die Schule nicht neun Jahre brauchen, sondern lediglich fünf, wenn alles gut geht. Wir haben alles, was wir zur Beschleunigung tun können, getan, von den zehn Schnellbau-Schulen sind drei in Spandau. Aber wir werden hier wie auch an einer Reihe von anderen Standorten mit Übergangslösungen leben müssen.

Hätte man aber nicht früher erkennen können, dass die Schulplätze nicht reichen werden?

Wir hatten bis 2011 Bevölkerungsrückgang in Berlin. Damals hatten wir einen Wohnungsleerstand von elf Prozent in manchen Quartieren in Spandau, und wir hatten Schulen, da war eher die Frage, ob wir sie vielleicht schließen müssen. Der Bevölkerungszuwachs hat sich erst 2013, 2014 in dieser Deutlichkeit abgezeichnet.

Die Situation betrifft nicht nur Hakenfelde, sondern ganz Spandau. Im übernächsten Schuljahr würden bei derzeitigen Kapazitäten an den Grundschulen 2100 Plätze fehlen. Wie zuversichtlich sind Sie, dass 2021 jedes Kind einen Schulplatz bekommt?

Jedes Kind wird in Spandau einen Schulplatz bekommen, das steht fest. Egal wie. Wir werden es mit all unseren Möglichkeiten so gut wie möglich machen. Und das bedeutet, möglichst viele kurzfristige Erweiterungen jetzt durchziehen und andere, längerfristige Ergänzungsmöglichkeiten so schnell wie möglich auf den Weg zu bringen. Und das bedeutet, auch diese längerfristigen Maßnahmen, die noch nicht in zwei Jahren fertig sein werden, zu beschleunigen, damit die temporären Lösungen nur kurz halten müssen.

Damit es temporäre Maßnahmen bleiben, müssen aber die Bauarbeiten für die neuen Schulen bald beginnen. Die Schulbauoffensive gibt es seit 2017, in Spandau ist aber noch nicht viel zu sehen. Woran liegt das?

Man sieht schon etwas, an drei Schulen zum Beispiel die modularen Ergänzungsbauten. Da haben wir drei

weitere, die demnächst kommen. Der Bau an der Peter-Härtling-Grundschule hat begonnen. Wir haben auch zwei Typensporthallen in der Pipeline. So gehen wir jetzt nach und nach mit der Howoge und der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung an den verschiedenen Standorten vor.

Und Sie gehen davon aus, dass tatsächlich auch bald gebaut wird? Beispielsweise in Hakenfelde.

Genau, die Altlastensanierung hat dort bereits begonnen. Ich habe noch kein Datum für den Spatenstich bekommen, aber ich bin ganz sicher, dass dieser Standort bald begonnen wird.

Auch bei den Sekundarschulen und Gymnasien wird ein Schulplatzmangel erwartet. Die achten Klassen an den ISS haben schon jetzt teilweise mehr Schüler, als sie haben sollten. Wie wird es da weitergehen?

Wir werden alle unsere Sekundarschulen bis zur Sechszügigkeit führen, teilweise haben sie zurzeit nur vier Züge. Wir werden sie mit Ergänzungsbauten ausstatten, aber wir werden an verschiedenen Standorten auch temporäre Lösungen haben wie Unterrichtscontainer. Parallel dazu werden wir neue Schulstandorte planen und vorantreiben.

Dabei ist das Tempo ein entscheidendes Stichwort, was Sie auch fordern.

Ich fordere in den verschiedenen Runden schon länger, dass die Howoge die Zahl der parallel von ihr betriebenen Projekte erhöht. Gleiches gilt für die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Denn das Tempo, das wir bislang haben, wird nicht ausreichen, um die sich aufbauende, in einigen Jahren noch größere Lücke bei den Schulplätzen zu bewältigen. Da habe ich ein großes Problem.

Sie haben auch Vorschläge, wie der Schulbau beschleunigt werden kann. Etwa einen Landeseigenbetrieb gründen, der sich dann um die Sanierungen kümmert. Dazu gibt es auch einen Antrag auf dem SPD-Landesparteitag.

Dieser Vorschlag würde zumindest dazu führen, dass man die Howoge und die Senatsverwaltung entlastet. Gleichzeitig zum vorrangigen Neubau noch die Sanierungen voranzutreiben, wird nicht funktionieren. Dafür kann es eine erfolgreiche Methode sein, einen eigenen Baubetrieb zu gründen, der über Werkhöfe und eigene Fachkompetenz verfügt, weil wir dann unabhängig werden vom Marktangebot und von Ausschreibungsergebnissen.

Die Fachkompetenz muss aber erst mal aufgebaut werden.

Das ist klar. Da kommt auch der Fachkräftemangel als Herausforderung hinzu. Dafür wäre es gut, wenn man die Ausbildung von Fachkräften aus dem europäischen Ausland von Anfang an hinzunimmt. Das ist eine Investition, die das Land tätigen müsste, aber ich glaube, dass das eine wichtige Maßnahme wäre.

Aber es wäre keine Maßnahme, die in den nächsten ein, zwei Jahren für Beschleunigung sorgen würde.

Garantiert nicht. Aber die Schülerzahlen werden auch danach weiter wachsen. Deshalb ist es die Herausforderung, parallel und vorausschauend zu denken. Wenn man einen Landesbetrieb in zwölf, 18 Monaten handlungsfähig haben will, müsste man heute die Entscheidung dafür treffen.

Die Baumaßnahmen werden aber alleine wohl nicht reichen, um den Schulplatzmangel auszugleichen. Es ist auch von „schulorganisatorischen Maßnahmen“ die Rede.

Da geht es um solche Fragen: Müssen wir die Frequenzen in den Klassen erhöhen, müssen wir noch zusätzliche Klassen einrichten und welche Schule kann das von der räumlichen Situation leisten?

Die Schülerzahlen in den Klassen könnten also weiter steigen?

Das schauen wir mal. Die Entwicklung ist schwierig, das gebe ich offen zu, und es ist das Letzte, was wir in Betracht ziehen. Aber ich kann es nicht ausschließen.

Geht es am Ende aber nicht auch um die Unterrichtsqualität?

Ja, es ist eine Frage der Unterrichtsqualität. Auf der anderen Seite richtet sich die Zahl der zur Verfügung stehenden Lehrerstunden nach der Zahl der Kinder. Wenn ich mehr Kinder aufnehme, habe ich mehr Lehrerstunden zur Verfügung. Bei weniger Klassen habe ich dann noch Stunden übrig, zum Beispiel für Neigungskurse.

Bei der Qualität spielt auch der bauliche Zustand eine Rolle: In Spandau gibt es einige Schulen, die im Rahmen der Schulbauoffensive saniert werden sollen. Wie geht es bei ihnen voran?

Wir haben eine ganze Reihe von Schulen mit mittlerem und großem Sanierungsbedarf. Und selbst die Schulen, bei denen wir nur von einem kleinen Bedarf ausgegangen sind, entpuppen sich als doch problematischer. Ich gehe davon aus, dass wir noch systematischer sanieren müssen, als wir es bisher dachten.

Der bauliche Zustand ist auch wichtig, wenn es um die Lehrergewinnung geht Das war zuletzt in Spandau schwierig, es kamen nur wenige ausgebildete Lehrkräfte.

Ja, dass nach Spandau nur gut 20 Prozent sogenannte Laufbahnbewerber gekommen sind, bringt unsere Schulen langsam in eine echte Schieflage. Das ist etwas, wo das Land unbedingt ranmuss. Wir haben auf dem SPD-Landesparteitag noch mal das Thema Verbeamtung auf der Tagesordnung. Ich halte das nach wie vor für das wesentliche Instrument, um die vollausgebildeten Lehrkräfte in Berlin zu halten. Gerade die Randbezirke und die Brennpunkte gehen sonst den Bach runter.

Sie selbst werden Spandau, zumindest als Bezirksbürgermeister, 2021 verlassen. Was ist Ihr Ziel, wie soll die Situation an den Spandauer Schulen bis dahin sein?

Ich werde Spandau ja nicht verlassen. Aber zum Ende der Wahlperiode soll die Planung des Schulnetzes in Spandau insgesamt feststehen. Da, wo wir Erweiterungen und Neubauten vorsehen, sollen die Planungen zumindest begonnen haben. Es muss eine Finanzierung geben, die Grundstücke müssen verfügbar sein. Und ich glaube auch, dass das erreichbar ist.