Heerstraße Nord

Diese Menschen machen einen Problemkiez schöner

Der Kiez Heerstraße Nord in Spandau gilt als sozialer Brennpunkt. Bewohner wollen das durch nachbarschaftliches Engagement ändern.

Sind im Einsatz für Mieter: Monika Kleefeld, Sieghild Brune, Sven Winter und Petra Winter (v.l.).

Sind im Einsatz für Mieter: Monika Kleefeld, Sieghild Brune, Sven Winter und Petra Winter (v.l.).

Foto: Jessica Hanack

Spandau. Der Spandauer Kiez Heerstraße Nord hat zuletzt für Aufsehen gesorgt: 3400 Wohnungen hat die landeseigene Wohnungsbaugesellschaft Gewobag dort von Ado Properties gekauft. Damit wurden bei vielen Mietern Hoffnungen geweckt, darauf, dass es nun besser wird in dem Viertel. Denn dessen Ruf hat gelitten.

Der Kiez Heerstraße-Nord gilt als abgehängt, als Problemviertel und sozialer Brennpunkt. Schaut man auf die Zahlen, scheint das wenig überraschend. Von den zuletzt knapp 20.000 Bewohnern in der Großsiedlung, seit 2005 bereits ein Gebiet mit einem Quartiersmanagement, haben zuletzt mehr als 46 Prozent Transferleistungen bezogen – berlinweit lag der Wert bei unter 17 Prozent.

Fast drei Viertel der im Kiez lebenden Kinder sind von Armut betroffen. Hinzu kommt, dass mehr als jeder zweite Bewohner einen Migrationshintergrund hat. Berlinweit ist es knapp jeder Dritte. Das führt zu Konflikten und Verständigungsproblemen. Integration ist schwierig. Anwohner berichten, die Nationen blieben gern unter sich.

Immerhin: Ein Kriminalitätsschwerpunkt ist der Kiez laut Polizei nicht, obwohl seit 2018 regelmäßig die Mobile Wache ihre Position vor dem in die Jahre gekommenen Staaken-Center, dem zentralen Einkaufszentrum des Viertels, bezieht. Auch das Zentrum, berichten Anwohner, hat sich gewandelt. Nicht zum Positiven. Früher gab es kleine Fachgeschäfte, heute unter anderem eine Supermarktkette, einen Textil-Discounter, eine Spielothek, einen Spätkauf. Sechs Geschäfte stehen leer, zuletzt musste der Stadtteilladen seine Fläche räumen.

Quartiersrat hat so viele Mitglieder wie noch nie

Im Umfeld des Centers und an den Wegen liegt achtlos weggeworfener Müll. Um das Erscheinungsbild und die bauliche Situation im Kiez zu verbessern, wurde er 2017 Teil des Förderprogramms „Stadtumbau“.

„Dem Stadtteil droht eine problematische Entwicklung der Sozialstruktur sowie der Wohn- und Lebensverhältnisse“, hieß es damals zur Begründung. Verwiesen wurde auf Sanierungsrückstände und viele Mängel im öffentlichen Raum. Die meisten Häuser stammen aus den 60er- und 70er-Jahren, getan wurde daran seitdem nur wenig.

Trotz allem gibt es Menschen, die sagen: Wir wohnen gerne hier. Und wir tun etwas dafür, dass die Großsiedlung lebenswert ist. Ob im Quartiersmanagement oder im Gemeinwesenverein, alle schwärmen vom Engagement der Bewohner. Der aktuelle Quartiersrat, der die Entwicklung und Projekte für den Stadtteil diskutiert, hat so viele Mitglieder wie nie – mehr, als es der Schlüssel der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung vorsieht.

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Putzaktionen zeigen, dass es auch sauber geht

Einer, der sich im Quartiersrat engagiert, ist Christopher Ortmann. „Ich bin von Hause aus ein sehr hilfsbereiter Mensch“, sagt der junge Vater. Es klingt, als sei es gar keine Option für ihn, sich nicht zu engagieren. Ortmann ist nicht nur im Quartiersrat aktiv, sondern hilft auch im Familienzentrum und organisiert zweimal jährlich den Stadtteilputz.

Der 29-Jährige war schon als Kind häufig im Kiez, 2007 ist er schließlich dorthin gezogen. „Der Ruf war damals noch besser“, sagt Ortmann, aber auch: „Ich wohne gerne hier. Es ist ein schönes Wohnumfeld und eine aktive Nachbarschaft, in der man sich einbringen kann.“

Bevor er die Organisation für den Stadtteilputz – verbunden mit dem Setzen von neuen Pflanzen – übernommen hat, hat er selbst schon mit aufgeräumt. Es ärgert ihn, dass schöne Ecken verunstaltet werden, dass es gerade auch auf den Spielplätzen ein Müllproblem gibt. Die Aktion solle zeigen, dass es auch sauber geht.

„Es gibt viel Zusammenhalt“

Wenn es ans Putzen geht, sind auch Petra Winter und Sohn Sven dabei. Sie wohnen im elften Stock eines Hochhauses. In eine Richtung, erzählt Petra Winter, könne man bis weit über Falkensee hinaus gucken, in die andere bis zum Funkturm. Der Ausblick stimmt, das Verhältnis zwischen Mietern und Vermieter, nicht immer. Die beiden gehören zu denen, die noch Mieter der Ado, künftig also der Gewobag sind.

2016 gründeten die beiden deshalb eine Mietergruppe mit und versuchen seitdem, zwischen Bewohnern und Verwaltung zu vermitteln. Auf Mieterversammlungen werden so regelmäßig Wünsche und Probleme eingesammelt und als To-Do-Liste an die ADO übergeben.

„Über den Weg funktioniert einiges besser“, sagt Sven Winter, der sich mit seiner Mutter auch im Quartiersrat engagiert und vor allem die Verbindungen schätzt, die durch das Engagement entstehen. „Wir haben 25 Jahre in der Neustadt gewohnt und kannten da niemanden“, erzählt er. Das sei nun anders, hier fühle er sich eingebunden. „Es gibt hier Leute, die machen Mist, aber es gibt auch viele tolle Leute und einen großen Zusammenhalt.“

Monatliche Treffen mit Fachleuten

Bei diesen Worten nickt Sieghild Brune heftig. Die Rentnerin lebt seit 2010 im Kiez, engagiert sich in verschiedenen Gremien und Vereinen und vertritt als Sprecherin eine zweite Mieterinteressengemeinschaft, die sich an Bewohner von Häusern der Adler Real Estate AG richtet. Auslöser für die Initiative war ein Brand am frühen Morgen des 1. Januar 2015. „Keiner hat sich damals gekümmert“, sagt Brune, die sich deshalb mit weiteren Mietern zusammentat.

Seitdem wurde viel organisiert: ein Nachbarschaftsfest, große Mieterversammlungen, monatliche Treffen und Veranstaltungen mit Fachleuten, etwa von Polizei und Feuerwehr. In 1100 Briefkästen, sagt Mitstreiterin Monika Kleefeld, würden sie dafür im Vorfeld Flyer einstecken.

Erreicht worden sei in den Jahren einiges: ein neuer Spielplatz, eine bessere Beleuchtung vor manchen Häusern oder eine Ebnung der Wege. Was sie sich für den Kiez wünschen, das sagen alle vier, sei ein freundlicheres Miteinander, auch eine bessere Durchmischung. Alle müssten, meint Brune, Toleranz tatsächlich leben.

Lotsen helfen, sich im Viertel zurecht zu finden

Um das Zusammenleben der Menschen im Kiez geht es auch Mohamed Zaidi und seinen Mitstreitern von den „Jumi-Lotsen“. Jumi, das steht für Jugendliche mit Migrationshintergrund. Neun feste Lotsen gebe es, sagt Zaidi – mit seinen 30 Jahren genau genommen kein Jugendlicher mehr –, außerdem zahlreiche weitere, die immer wieder helfen.

Die Flüchtlingskrise 2015 sei Anstoß für das Projekt gewesen, erzählt Zaidi. Die jungen Erwachsenen fingen an, in einer nahen Flüchtlingsunterkunft zu helfen, und kümmerten sich um Zugezogene im eigenen Kiez.

Die Unterkunft gibt es inzwischen nicht mehr, die zweite Aufgabe aber ist geblieben. Die Lotsen helfen bei Übersetzungen, unterstützen bei Bewerbungsschreiben und vermitteln an Beratungsstellen im Quartier. „Viele sind erleichtert, wenn sie jemanden treffen, der ihre Sprache spricht“, sagt Zaidi.

Keine Scheu, mit Behörden ins Gespräch zu kommen

Dazu kommen immer wieder andere Projekte. Khalifa Chamkhi, einer der Lotsen, hat sich dafür engagiert, dass ein brachliegender Fußballplatz reaktiviert wurde. Kürzlich hat die Gruppe für einen Trinkwasserbrunnen gesorgt. „Wir beteiligen uns alle nach unseren Fähigkeiten“, sagt Zaidi, der ab Oktober Soziale Arbeit studieren will. „Und es gibt viele, die sich engagieren, ohne es richtig zu merken.“

Wenn Zaidi und seine Kollegen Menschen an Beratungsstellen verweisen, dann landen sie manchmal auch bei Ulf Poppek. Der Pensionär hilft ehrenamtlich in der Sozialen Beratung, die im Gemeinwesenverein angeboten wird. Poppek hat sich beruflich lange mit Sozialversicherungsrecht beschäftigt, er sagt: „Ich habe keine Scheu mit Behörden ins Gespräch zu gehen.“

Den Menschen, die in die Beratung kommen, geht das oft anders. Ihre Anliegen seien vielfältig: Mal geht es darum, dass Hartz-IV-Leistungen gekürzt wurden, mal um Anträge auf Unterhaltsvorschuss oder für die Rente, andere Menschen kommen mit Mahnbescheiden. Manchmal, sagt Poppek, könne man richtig sehen, wie eine Last von den Schultern der Ratsuchenden abfällt. „Die Menschen haben Berührungsängste, oder es fehlt ihnen die Kraft, sich mit den Behörden auseinanderzusetzen“, sagt Poppek. Es sei ihm eine Freude, den Leuten zu helfen. Ein Satz, den wohl alle Ehrenamtlichen aus dem Kiez unterschreiben würden.

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