Quereinsteiger

Kaum neue ausgebildete Lehrer an Spandauer Schulen

Mehr als die Hälfte der Neueinstellungen sind Seiten- und Quersteiger. Klassische Lehrer zu gewinnen, bleibt für Spandau schwierig.

Von 308 neu eingestellten Lehrern in Spandau sind nur 66 Laufbahnbewerber. In anderen Bezirken ist die Zahl deutlich höher.

Von 308 neu eingestellten Lehrern in Spandau sind nur 66 Laufbahnbewerber. In anderen Bezirken ist die Zahl deutlich höher.

Foto: Patrick Pleul / dpa

Berlin. Die Verteilung von neuen Lehrern in den Berliner Bezirken ist auch in diesem Schuljahr ungleich: Während in Spandau von den neu eingestellten Lehrkräften zu nur gut ein Fünftel sogenannte Laufbahnbewerber – also klassisch ausgebildete Pädagogen – sind, machen diese in Charlottenburg-Wilmersdorf rund zwei Drittel aus. Spandaus Bürgermeister und Schulstadtrat Helmut Kleebank (SPD) kritisiert, dass der Bezirk – wie schon in den Vorjahren – erneut nur wenige „echte“ Lehrer bekommen hat. „Ich finde es für Spandau eine Katastrophe“, sagt er.

308 neue Lehrkräfte sind nach Angaben der Spandauer Schulaufsicht zu diesem Schuljahr eingestellt worden, darunter 47 Quer- und 124 Seiteneinsteiger. Quereinsteiger haben nicht auf Lehramt studiert, aber in einem Berliner Mangelfach einen Studienabschluss. Seiteneinsteiger haben dagegen nur ein verwandtes Fach studiert, viele von ihnen haben als Lehrkraft in einer Willkommensklasse oder als Vertretungslehrer begonnen. Nimmt man noch die Masterstudenten (39) und die Pensionäre (32) hinzu, kommt diese Gruppe auf einen Anteil von rund 79 Prozent. „Dass wir mit Quer- und Seiteneinsteigern sowie Masterstudenten arbeiten, ist in Ordnung“, sagt Kleebank. „Aber dieses Verhältnis ist ein Missverhältnis.“

Von 2734 neuen Lehrkräften sind 1085 klassische Pädagogen

Anders ist das Bild in Steglitz-Zehlendorf: Dort sollen laut der dortigen Schulaufsicht unter 129 Neueinstellungen 30 Quereinsteiger sein. In Charlottenburg-Wilmersdorf liegt laut Schulstadträtin Heike Schmitt-Schmelz (SPD) der Anteil der Quereinsteiger unter den neuen Lehrkräften bei gut 28 Prozent, nur knapp sechs Prozent sollen Seiteneinsteiger sein.

Berlinweit waren von 2734 zum Schuljahr 2019/20 eingestellten Lehrkräften 1085 klassische Pädagogen, das entspricht 40 Prozent. Hinzukamen 711 Quer- und 938 Seiteneinsteiger. Wie sich die neuen Lehrkräfte konkret auf die einzelnen Bezirke verteilen, konnte die Senatsverwaltung für Bildung auf Anfrage innerhalb eines Monats jedoch nicht mitteilen.

Kritik an der ungleichmäßigen Verteilung der Quereinsteiger, die es bereits im vergangenen Schuljahr gab, übt auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Zwar gibt es inzwischen die Regelung, dass alle Schulen je nach Größe ein bis zwei Quereinsteiger nehmen müssen. „Aber Schulen in Moabit, Neukölln oder Spandau schauen weiter in die Röhre“, sagt Tom Erdmann, Vorsitzender der GEW in Berlin.

Finanzielle Zulage hat keine Steuerungswirkung

Ein weiterer Kritikpunkt: die Brennpunktzulage. Diese habe „keinerlei Steuerungswirkung“, so Erdmann. Senat und Abgeordnetenhaus hatten im Dezember 2018 beschlossen, Brennpunkt-Lehrern rückwirkend zum Schuljahresbeginn monatlich 300 Euro Zulage zu zahlen. Senatorin Sandra Scheeres (SPD) hatte zum Schuljahresanfang selbst gesagt: „Das ist kein Steuerungsinstrument, sondern ein Anerkennungsinstrument.“

Außerdem kritisiert Erdmann die Intransparenz, die inzwischen vorherrsche, wenn es um Fakten und Zahlen im Schulbereich gehe. Während der Personalrat der GEW früher bereits zum Schuljahresende einen Überblick über die Neueinstellungen zum kommenden Unterrichtsjahr bekommen habe, sei man heute in der Senatsverwaltung „sehr darauf bedacht, dass die Zahlen intern bleiben“, sagt Erdmann. Noch immer sei der GEW nicht mitgeteilt worden, wie die Lehrkräfte in den einzelnen Bezirken verteilt sind. „Das trägt nicht zur Vertrauensbildung bei.“ Zwar betone die Bildungsverwaltung, wie transparent sie sei. „Aber wenn es um entscheidende Zahlen geht, ist das nicht der Fall.“

Bezirksbürgermeister fordert mehr Steuerung

Um den Anteil an ausgebildeten Pädagogen zu erhöhen, fordert Bürgermeister Kleebank bereits seit Längerem, die Verbeamtung in Berlin wieder einzuführen. „Davon rücke ich auch keinen Zentimeter ab“, sagt er. Um die Verteilung innerhalb der Stadt anzugleichen, setzt er auf eine Steuerung durch die Senatsbildungsverwaltung. „Ein Anfang ist damit gemacht, dass jede Schule Ausbildungsstelle für mindestens einen Quereinsteiger ist“, sagt Kleebank. „Aber es muss sukzessive mehr Steuerung geben.“

In Spandau hat sich auch die Bezirksverordnetenversammlung mit dem Thema Quereinsteiger beschäftigt und mehrheitlich einen Antrag der CDU beschlossen. Demnach soll das Bezirksamt Gründe für das geringe Interesse qualifizierter Lehrkräfte an Spandauer Schulen analysieren und daraus Handlungsempfehlungen entwickeln. Mit Blick auf die aktuellen Zahlen sagt CDU-Fraktionssprecher Thorsten Schatz: „Das ist ein Umstand, der kann uns nicht zufriedenstellen und den dürfen wir so nicht hinnehmen.“ Deshalb solle der Bezirk gezielter Marketing für seine Schulen machen und „nicht nur auf die Maßnahmen vertrauen, die vielleicht auf Landesebene getroffen werden“.