Wegen Renaturierung

Nach 66 Jahren ist in Kladow Schluss mit Camping

Im März 2020 läuft der Nutzungsvertrag zwischen dem traditionsreichen Berliner Camping Club und dem Bezirk Spandau aus.

Der Campingplatz Breitehorn in Kladow:  Der Pachtvertrag läuft in wenigen Monaten aus, eine Verlängerung soll es nicht geben.

Der Campingplatz Breitehorn in Kladow: Der Pachtvertrag läuft in wenigen Monaten aus, eine Verlängerung soll es nicht geben.

Foto: Foto: Jessica Hanack

Berlin. Das, was man als Besucher auf dem Campingplatz Breitehorn in Kladow immer wieder hört, ist: Der Ort ist Heimat, hier ist Zuhause. Viele Familien kommen seit Jahren dorthin, zum Teil haben sich bereits mehrere Generationen mit ihren Wohnwagen auf dem Platz eingerichtet. Doch das Zuhause steht vor dem Aus: Der Nutzungsvertrag, den der Verein „Berliner Camping Club“ mit dem Bezirksamt geschlossen hat, läuft im März 2020 aus. Eine Verlängerung soll es nicht geben.

Der Campingplatz liegt inmitten der Natur. Auf der einen Seite trennt ihn nur ein schmaler Uferweg von der Havel mit einer kleinen Badestelle, auf der anderen Seite befindet sich ein Wald. Seit 66 Jahren kommen Camper hier her. Rund 80 Dauercamper gibt es, die in der Saison von April bis Oktober ihre

Plätze beziehen. Außerdem würden knapp 7000 Gäste kommen, berichtet Dirk Kiewald, selbst seit 20 Jahren einer der Dauercamper. Mit seiner Frau und den beiden Kindern kommt er jedes Wochenende nach Kladow. Unter den Gästen seien Radtouristen, die über den angrenzenden Havelradweg kommen, Pfadfinder oder Kanufahrer. Dass der Bezirk auf diese Gäste verzichten will, gleichzeitig aber den rund anderthalb Kilometer entfernten Gutspark Neukladow für 15 Millionen zu einem neuen Touristenhighlight ausbauen will, ist für ihn unbegreiflich.

Verein verzeichnet wachsende Camper-Zahlen

Das Problem des Vereins ist der aktuelle Nutzungsvertrag: Der sei, so berichtet es Bernd Pinnow, Vorsitzender des Berliner Camping Clubs, 2005 geschlossen worden, nachdem im Jahr zuvor Toiletten- und Platzwarthäuschen gebrannt hatten und dafür eine neue Baugenehmigung gebraucht wurde. In dem Zusammenhang fiel im Bezirk auf, dass laut Flächennutzungsplan Campen und der Bau einer neuen Anlage auf dem Gelände nicht erlaubt sind.

Dennoch gab es einen neuen Vertrag, der entweder nach zehn Jahren enden sollte, wenn das Bezirksamt einen Ersatzstandort anbietet. Falls sich kein Alternativstandort findet, würde sich der Vertrag noch einmal fünf Jahre verlängern – dann wäre aber endgültig Schluss. Das ist nun im kommenden März der Fall. „Der Vertrag wurde damals so unterschrieben, das ist Fakt“, räumt Pinnow ein. Er verweist aber auch auf die Umstände – und dass sich in 15 Jahren viel ändern könne. „Wir haben im Oktober 2017 das erste Mal versucht, unser Anliegen im Bezirksamt vorzutragen“, sagt er. Doch die Gespräche seien erfolglos geblieben.

Pinnow sagt, dass der Club auch kompromissbereit wäre, etwa Fläche abgeben oder Baumpflanzungen auf dem Gelände unterstützen würde. Zudem betont er, dass der Platz während des Winterhalbjahrs komplett geräumt werde und die Dauercamper ihren Strom über Solarzellen erzeugen würden. Das Konzept setze auf Naturbelassenheit – und sei damit erfolgreich. „Bei uns wächst die Zahl der Camper“, sagt er. Es gebe Urlauber aus Österreich oder Holland und mehr Anfragen als Platz. Das entspricht dem bundesweiten Trend: In den vergangenen zehn Jahren sind die Übernachtungszahlen auf deutschen Campingplätzen um 70 Prozent gestiegen. Wie Gunter Riechey, Präsident des Bundesverbands der Campingwirtschaft in Deutschland, kürzlich sagte, erwarte man 2019 erneut ein Rekordjahr.

Bezirksamt will Fläche renaturieren und Wald entstehen lassen

Das Bezirksamt verweist auf Anfrage darauf, dass sich der Campingplatz in einem Landschaftsschutz-, Trinkwasserschutz- und Überflutungsgebiet befindet. Aus naturschutzrechtlichen Gründen sei es daher nicht möglich, den Vertrag zu verlängern. Stattdessen plant der Bezirk, die Fläche zu renaturieren und dort einen Wald entstehen zu lassen. Zudem erklärt der Bezirk, dass das Gebiet künftig der Bevölkerung für die Naherholung offen stehen soll. Gleichzeitig müsse man auch Überschwemmungsflächen bereithalten und den Schutz des Trinkwassers sicherstellen, heißt es. Verwiesen wird dabei auf das Wasserwerk Kladow, das Zehntausende Berliner mit Trinkwasser versorge. Diese übergeordneten Planungen würden den weiteren Betrieb des Campingplatzes ausschließen, erklärt das Bezirksamt. Das angrenzende Restaurant sowie die nahe Kolonie mit Wochenendhäusern sind von den Planungen allerdings nicht betroffen.

Das bevorstehende Aus des Platzes trifft besonders die Dauercamper, die aus Hoppegarten, Friedrichshain oder Steglitz jedes Wochenende kommen. Eine der Treusten: Waldtraud Farys, die an diesem Tag mit anderen Frauen an einem Tisch sitzt und strickt – so, wie sie es eigentlich immer mache, sagen die anderen. Seit 60 Jahren kommt sie nach Kladow, ihren Stellplatz hat sie mit bunten Blumen geschmückt – alle wachsen in Töpfen, sie habe nichts eingepflanzt, betont sie schnell. Inzwischen ist sie 83 Jahre alt. „Eigentlich wollte ich hier bleiben, bis ich 90 bin“, sagt sie. Doch daraus werde nun wohl nichts. Neu anfangen aber, das wolle sie in ihrem Alter auch nicht mehr.

Familien haben Schwierigkeiten, alternative Campingplätze zu finden

Von Waltraud Farys kommt inzwischen ein Großteil ihrer Familie auf den Campingplatz: Die Enkelin und ihr Sohn haben jeweils ihre Wohnwagen hier, die Urenkel sind regelmäßig zu Besuch. Farys hat, so erzählen es andere Camper, den Spitznamen „Kräuterhexe“, weil sie bei allen kleineren und größeren Leiden Rat wisse. Sie hat Kindern das Häkeln beigebracht, ist für manche sogar wie eine zusätzliche Oma geworden.

Eins dieser Kinder: Felix, der erstmals als Dreijähriger auf dem Campingplatz war. Inzwischen ist er zehn Jahre alt und sagt: „Hier ist es so toll. Es wäre wirklich traurig, wenn wir nicht mehr hierher können.“ Mutter Susanna Wittmann-Gering schätzt es, wie sich auf dem Platz die Generationen vermischen und dass die Kinder hier Freiraum zum Spielen haben. „Wir wohnen alle in der Innenstadt“, sagt sie. Der Platz in Kladow sei in relativ kurzer Fahrtzeit erreichbar und biete die Möglichkeit, der Großstadt zu entkommen, sich zu erholen. Eine Alternative für junge Familien zu finden, sei nicht leicht. „Wir haben uns schon Zeltplätze angeguckt, aber es gibt hier nicht viel“, sagt Torsten Otto. Und bei den wenigen gebe es dann meist lange Wartelisten.

Noch haben die Camper die Hoffnung nicht aufgegeben: Man habe Klage eingereicht, um den Vertrag anzufechten, sagt Vereinschef Pinnow. Eine Online-Petition wurde gestartet, rund 1500 Menschen haben bereits unterschrieben. Und am kommenden Mittwoch wollen sie vor dem Rathaus demonstrieren, bevor darin die Bezirksverordnetenversammlung startet. Dort wird der Campingplatz auch Thema sein. Gleich drei Fraktionen - SPD, Linke und FDP - haben Große Anfragen dazu eingereicht. „Wir müssen uns etwas einfallen lassen und aufmerksam machen“, sagt Pinnow. „Mehr geht erstmal nicht.“