Sozialarbeit

Haus für jugendliche Systemsprenger entsteht in Spandau

Der Verein Freestyle betreut Jugendliche, die am Rand der Gesellschaft stehen. In Spandau werden nun kleine Apartments für sie gebaut.

Die Baupläne stehen: In Spandau will der Verein Freestyle ein Haus so umbauen, dass dort Wohnungen und Schlafmöglichkeiten für wohnungslose Jugendliche entstehen. Im Bild: Vorstandsmitglied Benjamin Zwick

Die Baupläne stehen: In Spandau will der Verein Freestyle ein Haus so umbauen, dass dort Wohnungen und Schlafmöglichkeiten für wohnungslose Jugendliche entstehen. Im Bild: Vorstandsmitglied Benjamin Zwick

Foto: Jessica Hanack / Hanack/ BM

Berlin.. Noch sind Haus und Hinterhof eine Baustelle. In gut einem halben Jahr aber soll hier, an der Neuendorfer Straße in Spandau, ein Ort entstehen, an dem jugendliche „Systemsprenger“ ein sicheres Zuhause finden. Jugendliche also, die bisher erfolglos durch Jugendhilfemaßnahmen gelaufen sind und in Gruppen nur schwer integrierbar sind. Vielen von ihnen sind wohnungslos oder davon bedroht. Für sie plant der Verein „Freestyle“ in Spandau kleine Wohnungen und betreute Übernachtungsmöglichkeiten.

Berlinweit hat „Freestyle“ bereits 120 Wohnungen gemietet, in denen Jugendliche leben und betreut werden können. Darin liegt aber auch ein Nachteil: Die Sozialarbeiter fahren von einer Wohnung zur anderen durch die Stadt, suchen die Jugendlichen außerdem noch direkt in ihren Milieus auf. In Spandau sollen nun neben den Wohnungen auch Büros für die Mitarbeiter entstehen. „Die Betreuer sind direkt da. Wir sparen Fahrtzeit und können dadurch auch eine bessere Qualität bieten“, meint Benjamin Zwick, Sozialarbeiter und Vorstandsmitglied bei „Freestyle“.

Schlafplätze für 24 Jugendliche geplant

Rund 825 Quadratmeter stehen dem Verein in dem Gebäude zur Verfügung. Der Umbau soll im September beginnen, im Frühjahr 2020 alles fertig sein. Geplant sind insgesamt 20 kleine Apartments, außerdem vier Zimmer, die Jugendlichen einen garantierten Schlafplatz bieten. „Wir wollen ihnen den Druck nehmen“, sagt Zwick und meint damit: Die Not, im Zweifel auf der Straße schlafen zu müssen. Letztere Zimmer können von den jungen Männern und Frauen zwischen 18 und 10 Uhr genutzt werden, in der Zeit ist auch ein Betreuer vor Ort. Tagsüber müssen sie das Zimmer räumen, werden aber von Sozialarbeitern begleitet, etwa zu Ämtern. Ein Limit, wie lange die Jugendlichen bleiben dürfen, gibt es nicht.

In Umbau und Planungen sollen insgesamt mehr 800.000 Euro investiert werden, beantragt sind dafür auch Fördergelder bei drei Stiftungen. Das große Projekt ist das erste dieser Art für den Verein, es sei auch ein bisschen risikobehaftet, räumt Zwick ein. Andererseits ist er überzeugt, dass der Bedarf dafür da ist.

Rund 1500 bis 2000 Jugendliche sollen in Berlin obdachlos sein. Jede Woche bekäme „Freestyle“ zehn bis 15 Anfragen von Jugendämtern für eine ambulante oder stationäre Betreuung. „Das ist mehr, als wir aufnehmen können“, sagt Zwick. Die Anzahl der gemieteten Wohnungen wurde dieses Jahr deshalb bereits um 19 erhöht. Inzwischen hat der Verein, der seit 2011 ambulant, seit 2014 stationär Jugendliche betreut, 60 Mitarbeiter.

Neun Betreuer sollen sich um die Systemsprenger kümmern

Die Idee, in einem eigenen Haus betreutes Einzelwohnen für Jugendliche anzubieten, gab es bei dem Verein schon seit einigen Jahren. Doch an den vorherigen Standorten, die für das Projekt ins Auge gefasst wurden, scheiterte die Umsetzung, etwa wegen der Kosten. Im vergangenen Jahr fand „Freestyle“ dann das Haus in Spandau. „Wir sind dankbar, dass der Eigentümer das Projekt unterstützt“, sagt Zwick.

Etwa neun Sozialarbeiter- und Erzieherstellen sind geplant, die vor Ort, aber auch mit den Jugendlichen unterwegs sein sollen. „Die Jugendlichen brauchen eine vertrauliche, kontinuierliche Betreuung“, erklärt Zwick. Vorher hätten sie oft das Gefühl erlebt, nicht gewollt zu werden. „Deshalb brauchen sie die Erfahrung, dass ihnen jemand eine Chance gibt.“

Meist kämen die Jugendlichen im Alter zwischen 14 und 16 Jahren zu „Freestyle“, manche werden kurze Zeit betreut, andere über Jahre. Was in der Zeit erreicht wird, ist unterschiedlich. Zwick berichtet von einigen, die sich sehr gut gemacht hätten, die ihren Schulabschluss schaffen und eine Ausbildung beginnen. Bei anderen gehe es darum, sie dazu zu bringen, dass sie sich selbst helfen oder Hilfe suchen - etwa, in dem sie sich eine rechtliche Betreuung bestellen.

„Freestyle“ will die Jugendlichen nicht aufgeben

Wichtig sei, sagt Zwick, zu verstehen, dass die Jugendlichen alle eine Geschichte hinter sich haben. „Sie werden nicht ohne Grund, wie sie sind“, sagt er. Der Verein versucht auch immer wieder, eine Öffentlichkeit für Arbeit mit den „Systemsprengern“ herzustellen.

Dazu passt, dass bei der diesjährigen Berlinale der Film „Systemsprenger“ für Aufsehen sorgte. Er erzählt die Geschichte eines jungen Mädchens, das immer wieder Wutanfälle hat, zwischen Pflegestellen wechselt und für das es keine Lösung zu geben scheint. Bei Berlinale erhielt der Film den Alfred-Bauer-Preis, im September kommt er in die Kinos. Sozialarbeiter Zwick sagt, man dürfe die Jugendlichen nicht aufgeben. „Es kann etwas aus ihnen werden.“

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