Stadtführung

Fort Hahneberg: Kulisse von „Inglourious Basterds“ entdecken

Das Fort Hahneberg in Spandau ist eine ehemalige Verteidigungsanlage. Sie diente als Kulisse für den Film von Quentin Tarantino.

Robert Houben von der Arbeits- und Schutzgemeinschaft Fort Hahneberg mit einem Plan der Anlage, die 1888 fertig wurde, aber nie in Betrieb ging.

Robert Houben von der Arbeits- und Schutzgemeinschaft Fort Hahneberg mit einem Plan der Anlage, die 1888 fertig wurde, aber nie in Betrieb ging.

Foto: Sergej Glanze / FUNKE Foto Service

Berlin. Überraschend offenbart der Hügel sein Geheimnis. Ein Hohlweg führt dorthin. Erst kurz davor ein unscheinbarer Hinweis: „Fort Hahneberg“. Ein riesiges schwarzes Tor: der einzige Zugang ins Innere des Hahnebergs, der grasbewachsen ist, von Bäumen umsäumt und selbst aus der Nähe nur eine sanfte Anhöhe inmitten ländlicher Wiesenlandschaft an der Heerstraße in Staaken. Und doch eine andere Welt. Was verbirgt sich hinter dem Tor? Durch eine Luke: alte Gemäuer, leere Fensterhöhlen.

Schauerliche Romantik? Nein! Das Fort Hahneberg ist eine ehemalige Verteidigungsanlage, zur Tarnung in den gleichnamigen Berg versenkt. Es war 1888, kaum fertig, schon ein „Geisterort“. Denn das letzte preußische Artilleriefort dieser Art war nie in Betrieb, neue Waffentechnik hatte die Konstruktion überholt. Die anderen drei Spandauer Außenforts wurden gar nicht erst gebaut. Genutzt wurde die Anlage bis 1945 als Kaserne, vor dem Zweiten Weltkrieg baute man hier Segelflugzeuge. Ab 1961 im Grenzstreifen, ist das Fort erst seit dem Fall der Mauer 1989 wieder zugänglich. „Dieser Ort vermittelt Zeit- und Militärgeschichte plus Naturkunde“, sagt Vereinsmitglied Robert Houben, während er am Portal wartet.

Seltene Pflanzen und Tiere, jahrelang unberührte Natur

Der 1993 gegründete Verein Arbeits- und Schutzgemeinschaft Fort Hahneberg e.V. hat die seit 1990 denkmalgeschützte Festung vom Bezirksamt Spandau gepachtet. Die 60 Mitglieder engagieren sich ehrenamtlich für dessen Erhalt. Die „Geisterstadt“ ist ein authentisches Stück Geschichte inmitten eines Biotops seltener Pflanzen und Tiere, das die jahrelang unberührte Natur schuf. Und dank seiner hohlen Mauern eines der größten Berliner Fledermausquartiere, mit dem Status eines Flora-Fauna-Habitats seit 2009. Neben historischen Rundgängen gehören Fledermaus- und Naturführungen zum Angebot des Vereins. Für Kinder gibt es betreute „Schatzsuchen“, die Anlage hat nur während der Führungen geöffnet.

14 Uhr. Zur historischen Führung kommen an diesem Sonnabend Markus Runge und sein neunjähriger Sohn Niklas. „Wir wohnen seit sechs Jahren in Gatow, waren noch nie hier, es scheint interessant, zumal wegen der spannenden Geschichte“, sagt der Vater. Fort-Experte Robert Houben beginnt mit einem Crashkurs über das „militärtechnische Großprojekt“, das die Stadt Spandau – preußische Rüstungshochburg – nach dem Deutsch-Französischen Krieg als detachiertes (vorgelagertes) Fort schützen sollte. Und die Zitadelle, besonders das französische Gold im Juliusturm: Reparationszahlungen im Wert von 1,3 Milliarden Euro. „Grundstein 1882, 1886 Rohbau abgeschlossen, 1888 Fertigstellung, 28 Millionen Ziegelsteine“, umreißt Houben.

Das Geheimnis der unterschiedlich hohen Treppenstufen

Am Eingang der Kehlkaserne Spuren: Grenzsoldaten der ehemaligen DDR haben ihre Namen in die Ziegel geritzt, neben der inzwischen aus Spendengeldern rekonstruierten Zugbrücke. Wir betreten den tunnelartigen Haupthohlgang, die Kapitaltraverse. Unter uns unbefestigter Boden, eine Sandschicht, Scherben darunter. „Gefährlich für Flip-Flop-Füße“, warnt Robert Houben. Seit 2011 ist der heute 50-Jährige im Verein. Wie alles anfing? Ganz spontan, so der vierfache Vater, nach einem Besuch mit seinen Kindern. Dem gebürtigen Aachener, seit 2003 Wahlberliner, imponierte dieses „Fleckchen Erde, abseits vom Schuss, nahe der Natur.“ Beeindruckt habe ihn vor allem „das Engagement der Leute“. Beruflich bei der Bundeswehr, hat er ein Faible für Militärtechnik, kennt Details. Das Geheimnis der unterschiedlich hohen Treppenstufen etwa. „Ein Hindernis, sie mindern das Lauftempo, das menschliche Gehirn passt sich verzögert an“, erklärt er beiläufig, während wir in die Kasernenküche schauen, die 570 Mann zu versorgen hatte. Ein übrig gebliebener Kochkessel lässt die Dimensionen erahnen.

Granaten, die nicht so flogen, wie sie sollten

Im Wachaum, später Telegrafen-Station, wundern wir uns über verkohlte Stellen. Hier lagerte das Zentralarchiv für Wehrmedizin, auf Zelluloid gespeichert, als ab 1943 ein Lazarett hier einzog. Am Ende des Zweiten Weltkriegs zündete man das Archiv an, die Daten sollten den Alliierten nicht in die Hände fallen.

„Ein Arbeitszimmer?“, fragt Niklas, als wir einen kapellenartigen Raum betreten. „Ursprünglich war das die Kehlgrabenwehr, mit Kartätschen-Geschützen.“ Die sollten auf die beiden Kehlgräben zielen. Was nie passierte. Houben erklärt die „Brisanzgranatenkrise“: „Mit Schwarzpulver gefüllte Granaten hatte geringere Sprengwirkung, blieben ob der flachen Flugbahn in Schutzwällen stecken. Brisanzgranaten, mit hochexplosivem Sprengstoff gefüllt, konnten sie dank Steilfeuers überwinden.“ Er überrascht mit Zahlen, Fakten, Fachbegriffen. Seine Begeisterung steckt an.

Lächelnd öffnet er Stahltüren zu einem schmalen Raum – die für 20 Tonnen Sprengstoff konzipierte Pulverkammer. Kleiner Wissenstest: Was ist gefährlich für Schwarzpulver? „Hohe Luftfeuchtigkeit“, weiß Martin Runge, Houben erklärt die Prävention: ein gebäudeweites Luftzirkulationssystem. Zudem war ein ausgefeiltes Beleuchtungssystem Pflicht – Explosionsgefahr.

Kühl und zugig ist es auf dem Hauptgang, fröstelnd erreichen wir die Kreuzkuppel, einen Kreuzungspunkt der Gänge zum Wenden der Fuhrwerke. „In der Mitte bildet sich eine akustische Linse, der Schall wird reflektiert“, erklärt Houben. Wir testen das. Ich rufe – nur ich allein höre mein Echo, von allen Seiten: ein wenig gespenstisch, zumindest ungewöhnlich. Wie vieles hier. Wieso diese riesigen Gewölbe ohne Zwischenwände? Nichttragende Mauern wurden herausgebrochen, als man das Fort nach dem Zweiten Weltkrieg für die Baustoffgewinnung nutzte. Wie im so genannten linken Saillantkasemattencorps, ehemaligen Werkstätten. „An dieser Stelle hat Quentin Tarantino Dübel befestigt, als er hier 2008 eine Szene des Films Inglourious Basterds gedreht hat.“ Houben zeigt auf Löcher in einer Wand.

Schlüsselszene von Tarantinos Weltkriegs-Satire

Kurzer Blick auf den Niederwall, die Nahkampf-Stellung. Dann gibt uns der Tunnel frei: ins Warme. Gedämpftes Licht, im Schatten baumbewachsener Abhänge bewegen wir uns im Halbkreis um die Festungsgebäude, in ehemaligen Verteidigungsgräben. Beeindruckend die offenen Gewölbe an der äußeren Grabenwand. Seinerzeit mit Mauern verschlossen, wurden diese 1947 entfernt, um den Sand dahinter als Baumaterial zu gewinnen. Vor der so genannten linken Anschlussbatterie begegnen wir wieder „Inglourious Basterds“. Da liegt noch der Stein, wo Brad Pitt gesessen hat, auf dem Mauervorsprung gegenüber saß Til Schweiger. Die Stelle gleicht einer Waldschlucht – ideale Kulisse für die brutale Schlüsselszene von Tarantinos Weltkriegs-Satire.

Dann tauchen wir auf aus dem Halbdunkel auf, nach 90 Minuten Zeitreise. Niklas und sein Vater steuern ihre Räder an. „Es war sehr interessant, ich würde gern wiederkommen“, sagt Markus Runge und, mit Blick auf seinen Sohn: „Auch bei dem Jungen bleibt so einiges hängen, da bin ich mir sicher, er muss es nur erst richtig verarbeiten.“

Alle Teile der Sommerserie finden Sie HIER!

Fort Hahneberg: Führungen und mehr

Der Verein ASG Fort Hahneberg e.V. bietet vom 1. April bis 31. Oktober jeden Sonnabend, Sonntag und an Feiertagen um 14 und 16 Uhr historische Führungen an, zudem regelmäßig Natur– und Fledermausführungen. Die Zugbrücke wird an jedem zweiten Sonntag im Monat vorgeführt. Der Besuch des Fort Hahnebergs ist aus Sicherheitsgründen nur in geführten Gruppen möglich. Festes Schuhwerk ist Voraussetzung, Taschenlampen empfehlenswert. Preise: Erwachsene und Jugendliche ab 17 Jahre 7,50 Euro, Kinder (7-16 Jahre) 2,50 Euro. Die Ausstellung im ehemaligen Telegrafenraum können Besucher während der Öffnungszeiten an Wochenenden und Feiertagen selbstständig besichtigen. Krimi-Lesung: Mörderischer Sonnabend am 17. August um 17.30 Uhr. Vier Autoren aus der Region lesen aus ihren Büchern.

Info im www.forthahneberg.de oder Tel. 030 - 319 519 20. Historische Führungen, Fledermaus- und Naturführungen, Schatzsuchen sowie Kartenreservierungen: fbs.fort-hahneberg.de. Anfahrt: Hahnebergweg 50, 13591 Berlin (nahe Heerstraße). Parkplätze nur begrenzt, Bus M49 oder M37 bis Haltestelle Hahneberg.