Sommerserie

Was Spandaus Altstadt so besonders macht

Seit April gibt es regelmäßig professionelle Rundgänge durch das historische Zentrum.

Stadtführer Jodock und Reporterin Jessica Hanack auf Tour durch die Altstadt Spandau. Jodock hat rund 60 Berliner Touren im Repertoire.

Stadtführer Jodock und Reporterin Jessica Hanack auf Tour durch die Altstadt Spandau. Jodock hat rund 60 Berliner Touren im Repertoire.

Foto: Sergej Glanze / Glanze/Berliner Morgenpost

Berlin. Dass die Spandauer Altstadt die größte Fußgängerzone Berlins ist, das hat sich inzwischen bei vielen herumgesprochen. Aber dass sich dort auch das älteste verbliebene Wohnhaus in der Hauptstadt befindet oder dass es dort noch Reste einer historischen Stadtmauer samt des einzigen, in Teilen erhaltenen Wiekhauses in Berlin zu sehen gibt, dürfte weniger bekannt sein. Solche Besonderheiten zu verdeutlichen, darum geht es dem Stadtführer Jodock. Jodock, das ist sein Nach- und seit der Schulzeit Spitzname. Auch das Stadtführungsunternehmen, das er mitgründet hat, wurde danach benannt. Anders will der Berliner – weder bei Führungen, noch in diesem Artikel – nicht genannt werden.

Jodock selbst bezeichnet sich gern als „Stadtbilderklärer“ – ein Begriff, der vor allem in der DDR genutzt wurde, um das Wort Führer zu vermeiden. „Der Begriff beschreibt ziemlich gut, was ich mache“, sagt Jodock, der seit fast 30 Jahren Besuchern wie Einwohnern verschiedene Ecken Berlins zeigt. Rund 60 Touren umfasse sein Repertoire. Denn sein Unternehmen konzentriert sich nicht nur auf die Innenstadt. „Wir wollen in allen Berliner Stadtteilen unterwegs sein.“

Zwei Stunden für mehrere Jahrhunderte Geschichte

An diesem Tag ist also Spandaus Altstadt an der Reihe. Seit April werden dort einmal wöchentlich Rundgänge mit ausgebildeten Stadtführern angeboten, organisiert von der Wirtschaftsförderung im Bezirk. Zwei Stunden sind für die Tour durch das historische Zentrum eingeplant – was es notwendig mache, die Führung auf wesentliche Orte und Fakten zu beschränken, sagt Jodock. Denn die Geschichte der Altstadt ist lang. Los geht es am Gotischen Haus, das heute die Tourist Information Spandaus beherbergt – und das eben jenes älteste Wohnhaus in Berlin ist. Der Kernbau entstand im 15. Jahrhundert. Deutlich früher wurde Spandau, damals noch Spandow genannt, erstmals erwähnt, nämlich im Jahr 1197. Darauf stützt sich auch die Aussage, dass Spandau älter als Berlin ist. Berlins erste Erwähnung stammt aus dem Jahr 1244.

Vor dem Gotischen Haus zeigt Jodock auf ein Modell der Altstadt: 800 Meter lang, 400 Meter breit ist sie. „In dem Berliner Stadtgebiet gab es fünf Altstadtkerne, einer davon ist Spandau“, erklärt der Guide. Außerdem zählten Cölln an der Spree und Alt-Berlin mit dem Nikolaiviertel dazu, Spuren auf die lange Vergangenheit gebe es dort aber kaum noch. Die weiteren sind die Altstadt Köpenick und die Barocke Altstadt Charlottenburg, wobei letztere in späteren Epochen geprägt wurde. Jodock sagt deshalb: „Wenn man Leuten zeigen will, wie eine brandenburgisch-märkische Stadt aussah, sollte man nach Spandau fahren.“

Vom Gotischen Haus führt die Route zu einem Gebäude, das von außen wenig spektakulär erscheint und an dem man, ohne Stadtführer an seiner Seite, wohl vorbei gehen würde. Das Besondere zeigt erst ein Blick durch die Schaufenster-Front: In Keller und Erdgeschoss befinden sich Grabungsfunde und Überreste eines Dominikanerklosters, das wohl schon im 13. Jahrhundert existierte. Daran, dass die Funde in Zukunft besser wahrnehmbar werden, wird im Rahmen des Förderprogramm „Städtebaulicher Denkmalschutz“ gearbeitet.

Weiter geht es über die Straße „Am Juliusturm“ in das älteste Siedlungsgebiet in der Altstadt: den Kolk, auch Behnitz genannt. Hier macht Jodock nun vor den Resten der Stadtmauer und dem Wiekhaus halt, einer Ausbuchtung, die der Beobachtung und der Verteidigung diente. Die Mauer wurde ab dem Jahr 1319 gebaut und in den 1980er Jahren freigelegt.

Wenn der Touristenführer referiert, zückt er zwischendurch eine schwarze Mappe, die er unter dem Arm trägt. Viel hat er im Kopf, ab und an aber braucht er seine Notizen. „Es ist schön, dass Berlin so groß ist, aber es ist eine Herausforderung, dass ich so viele Touren mache“, sagt er. An anderen Tagen geht es für ihn auch mal durch Köpenick, Lichtenrade oder mit Schülern durch Berlins Zentrum. Schüler sind für ihn spannende Zuhörer. Er bekomme er deren Sicht auf die Welt mit – und was sie an der Stadt besonders interessiert. Auch wenn die Fragen manchmal ungewöhnlich sind. Eine Weile sei gefragt worden, wo der der neue Primark ist, dann, wo die WG aus der Serie „Berlin Tag und Nacht“ lebt.

Dass Jodock selbst Stadtführer geworden ist, führt er auf seine Kindheit zurück. Ein holländischer Freund seiner Eltern habe damals Kinder aus Deutschland eingeladen und ihnen Orte in seiner Heimat gezeigt. „Ich habe erst später begriffen, dass ich seinetwegen wahrscheinlich auf die Idee gekommen bin.“ Ein anderer früherer Bekannter verbindet ihn mit Spandau: Sein Nachbar sei an der Schleuse im Kolk groß geworden.

An dieser Schleuse ist die Tour nun angekommen. Hinter den Bäumen, auf der anderen Seite der Havel, lässt sich die Zitadelle erahnen. Dreht man sich um, fällt der Blick auf die Kirche St. Marien, die zweitälteste katholische Kirche im Raum von Groß-Berlin. Seit Anfang der 2000er-Jahre gehört sie einem Ehepaar, das die Kirche aufwendig restaurieren ließ. Die Route führt weiter an der Havel entlang, vorbei am Zusammenfluss mit der Spree – einer weiteren Spandauer Besonderheit – und einem Mahnmal, das an die Leiden der Spandauer Juden erinnern soll.

Es geht weiter, durch kleine Gassen und entlang an etwas versteckten, über 300 Jahre alten Bürger- und Handwerkshäusern. Nur um ein kurzes Stück weiter vor Häusern zu stehen, die erst wenige Jahrzehnte alt sind. Die verschiedenen Baustile, die man hier auf engem Raum findet, fielen auch Besuchern häufig auf, sagt Jodock. „In Berlin stammen die Häuser in einem Quartier meist aus einer Bauzeit. Das ist hier anders.“

Kanonenkugel erinnert anBeschuss der Altstadt

Die Tour befindet sich nun auf der Schlussgeraden. Es geht zum eindrucksvollen Rathaus, das ab 1910 gebaut wurde, weil das alte Rathaus am Markt zu klein war, dann über die Carl-Schurz-Straße, die zentrale Einkaufsstraße in der Altstadt bis zur St. Nikolai-Kirche, dem letzten Stopp. Sie bildete den Ausgangspunkt für die Reformation in der Mark Brandenburg, wurde im Laufe ihrer Geschichte aber während mehrerer Kriege beschädigt. An einen Beschuss im Jahr 1813 erinnert eine Kanonenkugel, die in die Fassade eingemauert wurde. Nach den damaligen Befreiungskriegen, erzählt Jodock, hätten die Spandauer Geld gebraucht, um die Schäden in der Altstadt zu reparieren. Es entstand ein kurioses Geschäftsmodell: Weil die Berliner Kriegsschäden sehen wollten, hätten sie Eintritt bezahlt, um die Altstadt zu besichtigen. Mit dem Geld wurden Häuser wieder aufgebaut.

Auch während des Zweiten Weltkriegs wurde Spandau, besonders die Altstadt stark beschädigt. „Die Spandauer hatten immer wieder zu kämpfen“, sagt Jodock. „Aber heute ist man wieder gerne hier.“ Insofern sei die Geschichte der Altstadt eine mit Happy End.

Die Führungen

Führungen mit ausgebildeten Stadtführern finden in der Altstadt Spandau seit April dieses Jahres und noch bis Ende Oktober statt. Sie sind die Fortsetzung des „Spandau tourt“-Tages, der im Oktober 2018 stattfand und auf großes Interesse stieß. Termine für die Führungen sind der erste, dritte und zum Teil fünfte Freitag des Monats sowie der zweite und vierte Sonnabend. Die Touren dauern zwei Stunden und beginnen freitags um 17 Uhr und sonnabends um 10 Uhr. Startpunkt ist an der Tourist Information im Gotischen Haus, das sich in der Breiten Straße 32 befindet. Dort sind auch Tickets für zehn Euro pro Person erhältlich. Mitarbeiter der Tourist Information sind für weitere Informationen telefonisch unter der Nummer 030 333 93 88 zu erreichen.

Die Anreise ist mit der Regionalbahn und S-Bahn bis Bahnhof Spandau, der U-Bahn bis Rathaus Spandau oder Altstadt Spandau oder per Bus zum Rathaus Spandau möglich. An der Altstadt gibt es zudem mehrere, meist kostenpflichtige Parkplätze, zum Beispiel am Lindenufer, am Karstadt oder am Altstädter Ring.