Bildung

Einst waren sie Flüchtlinge - nun haben sie Abitur

Die Schwestern sind 2015 an eine Kladower Schule gekommen. Nun machen sie als Erste aus ihrer Willkommensklasse Abitur.

Sadaf und Fatima Nawabja vor ihrem Gymnasium

Sadaf und Fatima Nawabja vor ihrem Gymnasium

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Spandau.  Die beiden Schwestern Sadaf und Fatima Nawabjan strahlen. Die Abiturprüfungen liegen hinter ihnen, ein freier Sommer ohne jegliches Lernen steht vor der Tür. Die Kleider für den Abschlussball hängen bereits im Schrank. „Nur Schuhe müssen wir noch kaufen“, sagt die 19-jährige Fatima.

Soweit hört sich ihre Geschichte an wie die von Tausenden anderen Abiturientinnen in Berlin auch. Aber ein paar Unterschiede gibt es dann doch: Sadaf und Fatima Nawabjan sind 2014 mit ihrer Mutter und ihrem jüngeren Brüder aus Afghanistan nach Deutschland geflohen.

Sie kamen nach Spandau und besuchten die erste Willkommensklasse, die am Hans-Carossa-Gymnasium in Kladow eröffnet wurde. Jetzt sind die zwei Schwestern die ersten ehemaligen Willkommensschüler, die dort ihr Abitur geschafft haben.

Fast akzentfreies Deutsch

Wer sich heute mit den beiden Afghaninnen unterhält, glaubt kaum, dass sie vor viereinhalb Jahren noch kein einziges deutsches Wort kannten. Die beiden plaudern locker über ihre Erfahrungen seit ihrer Ankunft in Deutschland, ein Akzent ist fast nicht zu hören.

Neben Paschtu, Dari, Hindi und Englisch ist Deutsch nun die fünfte Sprache, die die Schwestern beherrschen. Allerdings sagt Sadaf: „Die anderen Sprachen haben wir nebenbei gelernt.“ Paschtu und Dari sind die beiden Amtssprachen in Afghanistan.

Hindi hätten sie durch indische Familien in der Nachbarschaft und das Schauen von Bollywoodfilmen gelernt, und Englisch – abgesehen vom späteren Schulunterricht –, weil ihre Mutter ihnen Zeichentrickserien in Originalsprache vorspielte. Deutsch zu lernen, das sei die mit Abstand größte Herausforderung gewesen, sagt die 20-Jährige.

Sicherheitsmitarbeiter vom Heim ermutigte sie

Das Alphabet und Zahlen, das sei das Erste gewesen, was ihnen im Deutschunterricht in der Gemeinschaftsunterkunft in Hohengatow beigebracht wurde, in dem sie acht Monate lang zu viert in einem Zimmer lebten. Es sei voll dort gewesen, viele gute Erinnerungen haben die Schwestern nicht an das Heim.

Aber eine gibt es doch: an einen Sicherheitsmitarbeiter, mit dem sie sich immer unterhielten, der ihnen später sogar beim Umzug in eine Wohnung half – und der sie auch zum Deutschsprechen ermutigte. „Er hat gesagt: Redet auf Deutsch, egal, wie schlecht ihr es sprecht“, erzählt Fatima.

Und sie folgten dem Rat. Heute sagte die Abiturientin: „Wegen ihm sind wir so weit gekommen.“ Die Gespräche mit dem Sicherheitsmitarbeiter und dessen Unterstützung seien ihre schönsten Erlebnisse in der Gemeinschaftsunterkunft gewesen.

13 Flüchtlinge in einer Klasse

Rund sechs Monate nach ihrer Ankunft kamen die Afghaninnen dann in die neu gegründete Willkommensklassen am Hans-Carossa-Gymnasium. 13 junge Flüchtlinge waren in der Klasse, die meisten kamen aus Syrien. Im Vordergrund des Unterrichts stand die Sprache. Grammatik hätten sie viel geübt, sagt Fatima, Akkusativ, Dativ und Genitiv kennengelernt.

Abgesehen von der Sprache war für die Schwestern vieles an ihrer neuen Schule ungewohnt. In ihrer Heimat – Sadaf und Fatima kommen aus Kunar, eine Provinz im Osten Afghanistans – besuchten die beiden ein Mädchengymnasium. Ab der sechsten Klasse, erzählt Sadaf, wurden Jungen und Mädchen getrennt unterrichtet.

Außerdem gab es eine Schuluniform: weiße Hose, schwarzer Rock, weißes Kopftuch. Hier zu sehen, wie die Schülerinnen mit offenen Haaren und geschminkt zum Unterricht kommen, das sei ein Kulturschock gewesen. „Bei uns waren nicht mal Ringe erlaubt“, erzählt die junge Frau.

Schwieriger Wechsel in den Regelunterricht

Weil die beiden in ihrer Willkommensklasse schnell lernten, kamen sie nach den Sommerferien 2015 in eine normale neunte Klasse. „Das war, als ob man bei einem Rekorder plötzlich auf die Schnell-Taste gedrückt hat“, sagt Sadaf. „Die Lehrerin kam rein, alle wussten was zu tun ist, und ich habe versucht zu verstehen, was gerade passiert.“

Schwierig waren für die Schwestern vor allem Fächer wie Biologie oder Chemie, die ein spezielles Vokabular haben. „Wir haben zu Hause viel gelernt und Wörter von Deutsch auf Englisch übersetzt“, erzählt Fatima. „Und wir hatten Freunde und Lehrer, die uns unterstützt haben.“

Trotz der kulturellen Unterschiede hätten sich die beiden jungen Frauen schnell in ihre Klasse eingefunden, wurden gut aufgenommen. Auch, sagen sie, weil sie selbst offen gewesen seien und das nicht nur von ihren Mitschülern erwartet hätten. „Man muss sich mit einer Kultur auseinandersetzen, um zu verstehen, warum Personen so reagieren, wie sie reagieren“, sagt Sadaf.

Berlin ist für die Schwestern ein Zuhause geworden

Das taten sie. Heute haben die beiden in Deutschland eine neue Heimat gefunden. Berlin nennen sie ihr Zuhause. Sie genießen es, ohne Angst auf die Straße zu gehen. Und sie schätzen Dinge, über die man sich als jemand, der sein Leben hier verbracht hat, keine Gedanken macht.

„Hier läuft man die Straße lang und sieht, da ist Leben in den Häusern“, erzählt Fatima. In ihrem Wohnort in Afghanistan seien um Häuser mit Gärten – wie man sie auch in Kladow findet – hohe Mauern gewesen, über die man nicht hinwegschauen konnte. Aus Sicherheitsgründen, sagen sie.

Und entscheidend sind für sie die Bildungsmöglichkeiten, die es in Deutschland gibt. „Das Ziel von unserer Mutter und uns war es immer, dass wir studieren“, erzählt Sadaf. „Aber wenn es keine stabile politische Lage gibt, dann ändert sich alles.“

In Afghanistan hätten einmal einen Monat lang nicht zur Schule gehen können. „Am Anfang haben wir uns gefreut, aber wir haben dann gemerkt, wie schlecht das ist.“ Hier konnten sie ohne Angst zur Schule gehen, das Abitur machen, auf das nun auch der jüngere Bruder hinarbeitet. „Bildung hat hier keine Grenzen, auch nicht für Frauen“, sagt Sadaf.

Als nächstes kommt das Studium

Nach dem Sommer wollen sich die beiden ihren Wunsch vom Studium erfüllen. Fatima würde gerne dual studieren, interessiert sich für Immobilienwirtschaft oder Internationales Management. Sadaf will sich für Studiengänge bewerben, die sich mit öffentlicher Verwaltung beschäftigen, und später am liebsten in einer Botschaft arbeiten. „Es wäre perfekt für mich, andere Länder zu repräsentieren“, sagt sie.

Erst einmal aber wollen sie das feiern, was sie bisher geschafft haben. Die Zeugnisausgabe und der Ball stehen noch an, und in den Ferien würden sie gern eine andere Stadt in Deutschland kennenlernen. „Bisher kennen wir nur Berlin“, sagt Fatima.

Im Urlaub war die Familie seit ihrer Ankunft hier nicht. Wenn Mitschüler allerdings davon reden, dass sie wegziehen wollen, in die USA oder ein anderes Land in Europa, dann können das die Schwestern nur schwer nachvollziehen. „Ich“, sagt Fatima, „würde Deutschland niemals wieder für immer verlassen wollen.“