Unfälle

Reporterin testet: Durch Spandau mit dem Fahr-Simulator

Immer wieder kommt es beim Abbiegen von Lkw zu Unfällen mit Radfahrern - 2018 starb in Spandau ein Junge. Simulatoren sollen helfen.

Perspektivwechsel: Reporterin Jessica Hanack testet im Simulator, wie es ist, einen LKW durch den Stadtverkehr zu steuern.

Perspektivwechsel: Reporterin Jessica Hanack testet im Simulator, wie es ist, einen LKW durch den Stadtverkehr zu steuern.

Foto: Maurizio Gambarini / FUNKE FotoServices

Berlin. Einmal vergessen, zum richtigen Zeitpunkt in den richtigen der sechs Lkw-Spiegel zu schauen. Das kann schon ausreichen, um einen Radfahrer zu übersehen und im schlimmsten Fall beim Abbiegen zu überfahren. Als Autofahrer ist man sich dieser Gefahr kaum bewusst, hier reicht ein Blick durch das Seitenfenster, um einen Fahrradfahrer zu sehen, der an einer Kreuzung direkt neben dem Wagen gehalten hat. Im Lkw ist das aufgrund der Höhe anders.

Doch der Blick in den Spiegel erfolgt längst nicht immer. „Je älter ein Fahrer ist, desto weniger guckt er in den Spiegel“, sagt Klaus Haller, Geschäftsführer des Spandauer Unternehmens Sifat Road Safety. Die Firma stellt Simulatoren her, mit denen Fahrer in Verkehrssicherheit und Effizienz geschult werden und die für die Gefahren – vor allem beim Abbiegen – sensibilisieren sollen.

1553 Radfahrer bei Abbiegeunfällen verletzt

Wie real die Gefahr ist, zeigen Zahlen der Polizei Berlin. Allein im Vorjahr wurden in Berlin bei Abbiegeunfällen 1553 Radfahrer verletzt und vier getötet. Einer davon: Ein achtjähriger Junge, der in Spandau von einem Lkw erfasst wurde. Kind und Lkw-Fahrer kamen beide aus der Nauener Straße, der Lkw bog an der Kreuzung zum Brunsbütteler Damm nach rechts ab – und übersah den geradeaus fahrenden Jungen. Die Verletzungen waren so schwer, dass der Achtjährige noch am Unfallort starb. An der Kreuzung steht heute ein kleines, weißes Fahrrad, Kerzen und Blumen erinnern an das Unglück. Der Ort ist nur knapp vier Kilometer vom Firmengelände der Sifat Road Safety GmbH entfernt. Jeden Tag auf dem Weg zur Arbeit, sagt Haller, komme er daran vorbei.

+++ Kommentar: Es muss mehr getan werden, um Unfälle zu reduzieren

Simulator mit 180 Grad Sichtfeld und Bewegungen

In den mobilen Simulatoren können Lkw-Fahrer virtuelle Testfahrten unternehmen. Die Simulatorkabine ist eine originale Fahrer-Kabine eines gängigen Lkw-Modells. Bremse, Schaltung, Lenkrad – alles soll so funktionieren, wie es das im Alltag der Fahrer tut. Selbst Bewegungen und Erschütterungen sollen möglichst authentisch spürbar werden. Die Simulation wird über einen Beamer auf eine Leinwand projiziert, laut Unternehmen beträgt das Sichtfeld 180 Grad. Während der Fahrt sitzt ein Trainer im angrenzenden Operatorraum, schaut mit und gibt wenn nötig Anweisungen. Unternehmen können die Simulatoren kaufen oder für Schulungen mieten.

Ich selbst habe keinen Lkw-Führerschein, will den Simulator aber trotzdem testen. Eine kurze Eingewöhnungszeit bekomme ich, während der es eine ruhige Landesstraße entlang geht. Sanft lenken, bremsen, anfahren – als das halbwegs sitzt, geht es in die virtuelle Stadt. Hier kommen nun die tatsächlichen Herausforderungen: durch schmale Straßen steuern, auf den Verkehr achten, vor einem bei Rot gehenden Fußgänger stoppen und natürlich kommt auch die Situation, in der ich rechts abbiegen muss und ein Fahrradfahrer neben mir steht. Ich schaue zur richtigen Zeit in den richtigen Spiegel – und lasse den virtuellen Radfahrer so am Leben.

Trotzdem wird deutlich, wie viel Aufmerksamkeit erforderlich ist. Ich spüre die Anspannung und Nervosität, obwohl ich nur in einem Simulator sitze. Aber ich habe einen klaren Vorteil: Meine Testfahrt dauert wenige Minuten, Lkw-Fahrer sind Stunden unterwegs. Und noch etwas wird mir klar, worüber ich mir vorher nie Gedanken gemacht habe: Mit den sechs Spiegeln klarzukommen, ist alles andere als leicht.

Viele Fahrer sind mit sechs Spiegeln überfordert

Das geht anscheinend nicht nur mir, sondern auch den Berufskraftfahrern so. „Es ist deutlich geworden, dass ein hoher Anteil von Fahrern mit den sechs Spiegeln überfordert ist“, sagt Haller. Zusätzlich zu den beiden Haupt-Außenspiegeln gibt es an Lkw zwei Weitwinkel-Spiegel, einen Front-Spiegel, der zeigt, was direkt vor dem Fahrzeug passiert und einen Rampenspiegel. Letzterer ist es, der den Blick auf die Straße rechts neben dem Lkw ermöglicht.

Bei der Testfahrt im Simulator werden in kurzer Zeit gezielt mehrere, unterschiedliche Gefahrensituationen eingespielt, mehr als es wohl auf der Alltagsfahrt in der Stadt gibt. Das wirkt sich auch auf das Ergebnis vieler Testfahrer aus. „Im Durchschnitt gibt es auf der zweiten Fahrt eine Kollision“, sagt Haller. „Die Rate ist hoch.“ Anschließend gibt es die Möglichkeit, die aufgezeichneten Fahrten abzuspielen, um genau zu sehen, wo Fehler gemacht wurden – und auch den Punkt zu zeigen, wo sich ein Radfahrer im toten Winkel befindet und durch keinen der Spiegel sichtbar ist. Das, sagt das Unternehmen, soll den Lerneffekt zusätzlich erhöhen.

Grundsätzlich sind Berufskraftfahrer in der EU verpflichtet, alle fünf Jahre eine Weiterbildung zu machen. 35 Stunden muss diese umfassen, aufgeteilt in fünf Module. Die meisten Fahrer, sagt Eckhart Müller, bei Sifat Road Safety für den Vertrieb zuständig, würden die Weiterbildung als reinen Theorie-Unterricht absolvieren.

Laut EU-Richtlinie kann ein Teil der Stunden auch für das Training mit Simulatoren genutzt werden. Doch das geschehe noch wenig, sagt Müller. „Wir fordern ein vorgeschriebenes praktisches Training, wie es das auch in anderen Bereichen gibt.“ So sei es etwa bei Piloten. Von solch einer Regelung für Berufskraftfahrer, würde das Unternehmen profitieren. „Aber es wäre auch gut für die allgemeine Sicherheit“, meint Müller.

Training mit 300 Schülern zum Verhalten an Kreuzungen

Doch es gibt durchaus bereits Speditionen, die auf Weiterbildungen mit Simulatoren setzen. Ein österreichisches Unternehmen habe einen Simulator gekauft und schule seine über 1000 Fahrer nun in Eigenregie, sagt Müller. Dort seien alle Fahrer verpflichtet, regelmäßige virtuelle Fahrten zu machen. Und die Berliner Feuerwehr und die Polizei nutzen Simulatoren des Unternehmens, um Blaulicht-Fahrten zu trainieren.

Und auch die andere Seite soll geschult werden – die, die einmal als Fußgänger oder Radfahrer neben einem abbiegenden LKW stehen könnten. Nach dem Tod des achtjährigen Jungen habe man sich gedacht, man müsse etwas unternehmen, sagt Geschäftsführer Haller. An zwei Berliner Grundschulen wurde insgesamt rund 300 Schülern trainiert, wie sie sich an Kreuzungen verhalten sollten. Ihnen wurde gezeigt, an welcher Stelle sie für die Fahrer nicht zu sehen sind.

Straßen, an denen es für Radfahrer gefährlich werden kann, gibt es in Berlin einige. Haller nennt die Bundesstraße 5, die durch Spandau in die Stadt führt und auf der ein „irrsinniger Güterverkehr“ herrsche. Laut Berliner ADFC gilt die Kreuzung Klosterstraße/Brunsbüttler Damm an den Spandauer Arcaden als besonders gefährlich, „Hier gab es schon zwei Todesfälle“, sagt Sprecher Nikolas Linck.

Um die Sicherheit auf den Straßen zu erhöhen, fordert Sifat Road Safety aber nicht nur regelmäßige Schulungen in Simulatoren, sondern auch einen zweiten Punkt, den der ADFC ebenfalls fordert. „Ich würde keinen Lkw mehr ohne Abbiegeassistent auf die Straßen lassen“, sagt Haller. In neue Fahrzeuge würden heute oft mehr als 100.000 Euro investiert. Da, so Haller, sollte es an den gut 1000 Euro für einen Abbiegeassistenten nicht scheitern.