Kriminalität

Staatsanwaltschaft übernimmt Clan-Fall von Spandau

Ein Clan-Mann terrorisiert ein Wohnhaus in Spandau, keine Behörde hilft den Bewohnern. Nun schaltet sich die Staatsanwaltschaft ein.

Hildegard Jagodschinski und weitere Bewohnerinnen der Falkenhagener Straße in Spandau haben die Auseinandersetzungen mit dem Clan-Mann jahrelang dokumentiert.

Hildegard Jagodschinski und weitere Bewohnerinnen der Falkenhagener Straße in Spandau haben die Auseinandersetzungen mit dem Clan-Mann jahrelang dokumentiert.

Foto: Sergej Glanze/Berliner Morgenpost

Berlin. Jahrelang terrorisierte Clan-Mann O. ein Wohnhaus in Spandau. Die Eigentümer und die Mieter suchten bei Ämtern und Politikern Hilfe. Lange passierte nichts. Allein eine Familie stellte 57 Strafanzeigen gegen O., der selbst 28 Eintragungen im Zentralregister hat und 300 Mal als Tatverdächtiger geführt wurde. Im Jahr 2018 registrierte die Polizei im Haus 92 Straftaten. Es geht um zerstochene Autoreifen, Eierwürfe, Körperverletzungen. „So geht es nicht mehr weiter“, heißt es von den Bewohnern.

Erst jetzt, nachdem der „Spiegel“ den Fall öffentlich machte und viele Medien berichteten, geht es voran. Nach Informationen der Berliner Morgenpost wird der Komplex Falkenhagener Straße nun auf eine juristisch höhere Ebene gezogen. Mehrere Verfahren werden nicht mehr wie bislang von der für kleine bis mittelschwere Delikte zuständigen Amtsanwaltschaft, sondern von der Staatsanwaltschaft bearbeitet. Dort sitzen erfahrene Ermittler, spezialisiert auf Organisierte Kriminalität.

Clan-Mann tyrannisiert Spandauer Nachbarschaft: Der Fall in Kürze

  • O. wird in 300 Fällen als Tatverdächtiger geführt
  • Allein eine Familie aus der Nachbarschaft stellte 57 Strafanzeigen gegen den Mann
  • Im Jahr 2018 registrierte die Berliner Polizei in dem Haus an der Falkenhagener Straße in Spandau 92 Straftaten
  • Die Vorwürfe: zerstochenen Autoreifen, Eierwürfen, Körperverletzungen und Sachbeschädigungen
  • O. soll der bekannten arabischen Großfamilie R. nahestehen

Hintergrund: Clan-Mann tyrannisiert Wohnhaus in Spandau

Kontakte zum bekanntesten Clan-Paten Berlins

O., der selbst alle Vorwürfe bestreitet, hat gute Kontakte in das Clanmilieu. Er war beispielsweise gemeinsam mit Issa R., dem bekanntesten Clan-Paten Berlins, auf der Beerdigung von Intensivtäter Nidal R. in Schöneberg. Familie R. wird unter anderem mit dem Diebstahl der Goldmünze aus dem Bode-Museum in Verbindung gebracht.

Für Wohnungseigentümer wie Hildegard Jagodschinski ist der neue Eifer der Berliner Justiz ein erster Fortschritt. Lange sei der Komplex Falkenhagener Straße wie ein Nachbarschaftsstreit behandelt worden, sagt sie. Gemeinsam mit anderen Bewohnerinnen hat sie all die Vorfälle der vergangenen Jahre dokumentiert – und das Nichtstun der Behörden festgehalten. Zuletzt hätten sich die Bewohner sogar den Vorwurf anhören müssen, dass ihre Anschuldigungen rassistisch motiviert seien. „Das ist doch völlig absurd“, sagt Jagodschinski. Viele Eigentümer und Mieter haben, wie O. auch, selbst einen Migrationshintergrund.

Kommentar: Clan-Fall in Spandau – Nehmt die Sorgen der Menschen ernst!

Wohnung von O. wurde Mitte 2017 beschlagnahmt

In dem Gebäudekomplex an der Falkenhagener Straße gibt es 16 Wohnungen, in denen Eigentümer und Mieter wohnen. In einer davon wohnt O. mit seiner Frau und den Kindern. Die Wohnung, in der er inoffiziell seit 2014 lebt, wurde im Juni 2017 mit sieben weiteren Wohnungen beschlagnahmt. Nach den Erkenntnissen der Ermittler wurde sie offenbar über eine sogenannte Strohfrau gekauft.

Los ging es im Juli 2014, als O. plötzlich auf dem Grundstück stand und Rhododendron-Büsche rausriss. Als Bewohner fragten, wer er sei und ob er das dürfte, sagte er: „Ja“. Fein säuberlich haben die Bewohner seitdem alles zusammengetragen. Hunderte Fotos zeigen Eierwürfe auf Balkone, mit Kot zugeschmierte Türspione und zerkratzte Autotüren.

Bauordnungsamt ermahnt die Bewohner

Vorläufiger Höhepunkt war die Attacke von O. auf zwei syrische Flüchtlinge. Beide seien von O. mit Reizgas attackiert worden – weil er sich daran gestört habe, dass die beiden zu laut beim Aufbauen von Möbeln gewesen seien. O. wurde wegen gefährlicher Körperverletzung zu zehn Monaten auf Bewährung verurteilt. Das Urteil wurde in zweiter Instanz noch auf sechs Monate abgemildert.

Wie die Bewohner alleingelassen wurden, dokumentiert zum Beispiel ein Schreiben des Bauordnungsamtes aus dem August des vergangenen Jahres. An das hatten sich die Eigentümer und Mieter der Falkenhagener Straße gewandt, weil O. im Haus immer wieder Fluchtwege zugestellt haben soll. Eine Reaktion des Amtes blieb zunächst aus. Allerdings erhielten die Bewohner eine behördliches Schreiben mit dem Verweis auf die Nummerierungsverordnung von 1975. Dem Amt war bei einer Besichtigung nämlich aufgefallen, dass eine Grundstücksnummer nicht korrekt angebracht worden sei.

Bezirksbürgermeister fordert Konsequenzen

Auf den Fall ist nun auch die Politik aufmerksam geworden. Weitestgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit besuchten etwa der SPD-Fraktionsvorsitzende Raed Saleh und SPD-Innenexperte Tom Schreiber die Bewohner. Begleitet von mehreren Kameras sicherte am Mittwoch auch CDU-Fraktionschef Burkard Dregger seine Unterstützung zu.

Selbstkritisch äußerte sich Bezirksbürgermeister Helmut Kleebank (SPD). Er habe seine Zweifel, dass bislang alles rechtlich Mögliche getan worden sei. „Behörden müssen intensiver zusammenarbeiten“, forderte Kleebank im Gespräch mit der Berliner Morgenpost. Nur so könne verhindert werden, dass Fälle wie der von der Falkenhagener Straße als Nachbarschaftsstreitigkeiten abgetan würden.