Wilhelmstadt

Teurer als geplant: Jugendclub kostet schon sechs Millionen

Seit knapp zwei Jahren werden die Kinder in einem Container betreut. Beim Neubau gibt es immer wieder Probleme - und steigende Kosten.

Seit rund zwei Jahren werden die Kinder und Jugendlichen beim SJC Wildwuchs in einem Container betreut. Beim Bau des neuen Hauses gibt es immer wieder neue Probleme.

Seit rund zwei Jahren werden die Kinder und Jugendlichen beim SJC Wildwuchs in einem Container betreut. Beim Bau des neuen Hauses gibt es immer wieder neue Probleme.

Foto: Jessica Hanack / Hanack/ BM

Berlin. Über die Monate hat sich der Frust bei den Jugendlichen spürbar angestaut. Anfang Juni werden es zwei Jahre sein, die sie mit ihrem Sportjugendclub Wildwuchs in einem Container verbracht haben. Weil das alte, schadstoffbelastete Gebäude abgerissen wurde und das neue einfach nicht fertig wird. Eine Baugrube gibt es und für die lässt sich das Wort „Wildwuchs“ inzwischen wörtlich nehmen - mittlerweile sieht man dort kleine Pflanzen sprießen. Ein Zeichen dafür, wie lange die Arbeiten bereits ruhen.

Ein Schild am Rand das Grundstücks informiert noch heute, dass die Baumaßnahme für die neue Jugendfreizeiteinrichtung schon Ende 2018 abgeschlossen sein sollte. Tatsächlich ist nun absehbar, dass das Gebäude wohl erst im kommenden Jahr fertig wird, bis es übergeben werden kann, wird es voraussichtlich mindestens bis Mitte 2020 dauern - sollte es keine weiteren Komplikationen geben. Und davon gab es bis jetzt einige.

„Zum Baubeginn stellte sich heraus, dass die Boden- und Grundwasserverhältnisse gravierend von den Ständen der Voruntersuchungen abwichen sind und die Planung und Ausführung komplett überarbeitet werden mussten“, sagt der zuständige Stadtrat Andreas Otti (AfD). Das Grundstück, auf dem das neue Haus entstehen soll, liegt rund 100 Meter von der Havel entfernt. Der Grundwasserspiegel ist dort erhöht, weshalb ein spezielles Verfahren angewendet werden muss, um das Fundament zu bauen und zu verhindern, das später Wasser eindringt.

Erwartete Kosten sind bereits um knapp zwei Millionen Euro gestiegen

Diese „komplizierten Boden- und Grundwasserverhältnisse“ seien über das Fachwissen des Planungsbüros hinausgegangen, sodass ein weiteres Büro hinzugezogen werden musste, erklärt der Stadtrat. Ein neues Konzept wurde erarbeitet, die Baumaßnahme ausgeschrieben.

Dann trat ein Problem auf, von dem man - wegen der guten Auftragslage in der Baubranche - öfter hört: Die ersten Angebote seien so teuer gewesen, dass die Ausschreibung aufgehoben und wiederholt werden musste, so Otti. Die Zeitplanung musste dadurch ein weiteres Mal nach hinten geschoben werden.

Auswirkungen hat das alles natürlich auch auf die Kosten. Anfangs wurde mit gut vier Millionen Euro kalkuliert, inzwischen ist man laut Hochbauamt bei rund sechs Millionen Euro angekommen. Der Neubau wird über das Förderprogramm „Infrastrukturmaßnahmen in Stadterneuerungsgebieten“ finanziert, einen Teil der Mehrkosten soll auch der Bezirk übernehmen.

SPD-Fraktion spricht von einem „Desaster“

Lukas Schulz, jugendpolitischer Sprecher der Spandauer SPD-Fraktion, nennt den ganzen bisherigen Verlauf von Planung und Bauarbeiten „ein Desaster“. „Das kann man sich nicht mehr erklären“, sagt er. Als Fraktion könne man nur immer wieder Anfragen stellen und sich auf die Auskunft des Stadtrats dazu verlassen, wann die Bauarbeiten beginnen sollen.

Stadtrat Otti gibt sich nun optimistisch, dass es demnächst tatsächlich vorangeht. Es sei ein Unternehmen für das Trogbauwerk - das wegen des hohen Grundwasserpegels notwendig ist - gefunden und „vertraglich gebunden“ worden. „In den nächsten 2 Wochen soll die Baustelle eingerichtet werden“ so der Stadtrat. „Anschließend beginnt der Trogbau.“

Auch Firmen für die Rohbau- und Zimmerarbeiten seien bereits vertraglich gebunden. Sobald die Rohbauarbeiten gestartet sind, könne man den Ausbau der Innenräume ausschreiben.

Kinder haben statt 400 nur 120 Quadratmeter zur Verfügung

Die Kinder und Jugendlichen, so viel ist klar, müssen in jedem Fall noch einige weitere Monate im Container aushalten. Rund 120 Quadratmeter haben sie dort, statt der mehr als 400 Quadratmeter, die sie im alten Gebäude hatten. Und auch

der Basketballplatz ist nun nicht mehr nutzbar - auf dem befindet sich derzeit der Container. Im alten Haus, erzählt Bogdan Stancu, hätten sie einen Tanzraum gehabt, ein Essenszimmer, einen Boxraum und eine große Küche, außerdem weitere Aufenthaltsräume. Im Container bleiben ihnen zwei Räume und eine kleine Küche, in der nun nicht mehr viele Jugendliche mitkochen können, sondern maximal drei. Es ist laut und wuselig. Eine Ecke, in der man wenigstens kurz seine Ruhe habe könne, gebe es kaum noch, sagt der 15-jährige Simon.

Neben Frust kann man auch die Enttäuschung der Jugendlichen spüren. „Wir haben uns ausgemalt, wie das neue Haus wird, hatten Vorfreude und jetzt ist da einfach nur ein Loch“, sagt Simon. Ein weiterer Jugendlicher erzählt, er habe versucht, mit E-Mails an Parteien etwas zu erreichen. Inzwischen hat er resigniert aufgegeben.

Versorgungssituation in der Wilhelmstadt ist schlecht

Kritisch ist die Situation auch deshalb, weil der Sportjugendclub Wildwuchs die einzige Freizeiteinrichtung im Ortsteil Wilhelmstadt für Kinder und Jugendliche ist. Mit Stand 2015 hatte die Wilhelmstadt den schlechtesten Versorgungsgrad im Bezirk, was Plätze in Jugendfreizeiteinrichtungen angeht. 1,5 Plätze gab es laut Sozialem Infrastrukturkonzept für Spandau dort pro 100 Einwohner, als Richtwert gelten 11,4 Plätze. Der Neubau soll eigentlich dazu beitragen, den „erheblichen Raum- und Flächenbedarf“ zu beseitigen und Räume für ein Familienzentrum zu integrieren, so heißt es auf dem Informationsschild. In ganz Spandau fehlten 2015 gut 3000 Plätze in Jugendclubs.

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