Spandau

Berliner Start-up will mehr Strom nach Afrika bringen

Von der Siemensstadt nach Kamerun: Das Start-up Solarworx entwickelt Systeme, um Menschen ohne Strom mit Solarenergie zu versorgen.

Felix Boldt und Georg Heinemann (r.) vom Start-up „Solarworx“ wollen Menschen in Ostafrika mit Strom versorgen. Ihre Büros liegen auf die Siemens-Gelände in Spandau. 

Felix Boldt und Georg Heinemann (r.) vom Start-up „Solarworx“ wollen Menschen in Ostafrika mit Strom versorgen. Ihre Büros liegen auf die Siemens-Gelände in Spandau. 

Foto: Jessica Hanack / Hanack/ BM

Berlin.  Gut 5000 Kilometer misst die Luftlinie zwischen der Spandauer Siemensstadt und Kamerun. Diese Entfernung trennt die Entwickler und die Menschen, die die Entwicklung nutzen sollen. Das Berliner Start-up Solarworx hat das Ziel, einfache Systeme zu schaffen, um es Leuten ermöglichen, sich selbst mit Strom zu versorgen. Profitieren sollen vor allem Haushalte, die bislang keinen Zugang zu Elektrizität haben. Weltweit sind das rund eine Milliarde Menschen, allein im Afrika südlich der Sahara rund 600 Millionen.

Solarworx – 2018 gegründet, mit Büros auf dem Spandauer Siemens-Gelände und bereits mehrfach ausgezeichnet – hat eine Technologie bestehend aus einem kleinen Solarpanel und einer Batterie entwickelt. Die Batterien mit unterschiedlicher Leistung werden durch Solarenergie aufgeladen und können dann verwendet werden, um Lampen oder Wasserpumpen zu betreiben, Handys zu laden oder Fernseher zu nutzen. Kunden können die Anlagen auch direkt in Paketen mit elektrischen Geräten wie Lampen kaufen.

Gestartet ist Solarworx mit 250 Pilot-Anlagen, von denen jeweils die Hälfte Ende vergangenen Jahres in den Senegal und nach Kamerun gebracht wurde. Ein Großteil, sagt Solarworx-Geschäftsführer und Mitgründer Felix Boldt, werde bereits von lokalen Haushalten oder Kleinbauern genutzt.

Solarworx-System soll Dieselgeneratoren ersetzen

Boldt, 32 Jahre alt, ist Ingenieur für Umwelttechnik und erneuerbare Energien, hat schon vor der Start-up-Gründung in der Branche gearbeitet und selbst längere Zeit in Afrika gelebt. Er erzählt, dass dort der Holzkohleverbrauch hoch sei, was unter anderem die Abholzung von Urwäldern zur Folge hat. Viele Menschen in den ländlichen Regionen würden ihren Energiebedarf auch mit Dieselgeneratoren decken. Die sind ebenfalls umweltschädlich und hätten mit rund anderthalb Jahren auch nur eine begrenzte Lebensdauer.

„Eine Batterie hält bis zu sieben Jahre und die Lebensdauer eines Solarpanels liegt bei etwa 30 Jahren“, erklärt Boldt. Das Gehäuse der Batterien werde zudem komplett aus nachhaltigen Materialien hergestellt. Die Batterien sollen zum Recycling zurück nach Europa gebracht werden. „Wir wollen die Leute mit sauberen Solarstrom in die Lage versetzen, selbst über die Runden zu kommen, ohne dass sie die Umwelt belasten müssen“, sagt Boldt.

Weil ein Großteil der potenziellen Kunden in ärmlichen, ländlichen Verhältnissen lebt und oft nicht schreiben kann, soll die Bedienung der Anlagen so einfach wie möglich sein. „Die Anlagen kommunizieren in diversen afrikanischen Landessprachen verbal mit den Kunden, etwa in Suaheli, aber auch Französisch“, erklärt der Gründer.

Mit ihren Anlagen will Solarworx aber nicht nur Privathaushalte mit Energie versorgen, sondern auch kleine Betriebe oder Krankenhäuser, denen bislang der Zugang zu Strom fehlt und die so etwa keine Impfstoffe lagern können. Kleinbauern sollen durch die Anlagen Wasserpumpen betreiben können und Friseure Haarschneider – das sind die Vorstellungen von Solarworx. Um Geräte zu betreiben, die mehr Energie benötigen, kann die Leistung einzelner Batterien mit zusätzlichen Modulen – ähnlich wie Lego-Bausteine – aufgestockt werden. Alternativ können mehrere Haushalte ihre Anlagen zu einem dezentralen Mikro-Stromnetz verbinden.

Besonders einkommensschwache Familien, räumt Boldt ein, könnten sich die Anlagen – gerade die mit höherer Batterieleistung – nicht leisten. Die einfachsten Anlagen würden aber bei monatlichen Preisen von wenigen Dollar starten, das sei für die meisten bezahlbar. Nach zwei Jahren sollen die Anlagen abbezahlt und der Strom anschließend kostenlos sein.

Expansion in weitere Länder Afrikas geplant

Für den Vertrieb arbeitet Solarworx mit lokalen Partnern zusammen. Die Distributoren sollen gleichzeitig auch den Anschluss der Geräte oder eventuelle Reparaturen übernehmen und werden im Vorfeld von Solarworx-Mitarbeitern geschult. Zehn Kollegen umfasst das Team inzwischen, davon ist einer häufig in China unterwegs, wo der Hauptteil der Produkte hergestellt wird. Dieser besuche dort die Unternehmen und überwache die Qualität der Produkte, so Boldt.

Ein weiterer Mitarbeiter lebt in Kamerun und einer in Uganda. Uganda ist auch eines der Länder, für die Solarworx in diesem Jahr eine Expansion anpeilt. Insgesamt sechs Länder, vor allem im östlichen Teil Afrikas, stehen auf der Liste, in mindestens zwei von ihnen soll der Vertrieb der Anlagen bis Ende 2019 starten.

Insgesamt 1500 Anlagen will man in diesem Jahr verkaufen, im kommenden Jahr sollen es bereits 5000 sein. Das Start-up hofft, dafür weitere Partner gewinnen zu können.

Ende des Jahres steht für Solarworx zudem das Weltfinale des „Empower a billion lives“-Wettbewerbs in Baltimore, USA, an. Bei dem Wettbewerb sollen Innovationen gefördert werden, die dazu beitragen, Menschen den Zugang zu Elektrizität zu ermöglichen. Solarworx ist einer der europäischen Finalisten. Außerdem haben es die Berliner erst kürzlich auf die Liste der Top 100 Energiewende-Start-ups aus aller Welt geschafft, die von der „Start Up Energy Transition (SET)“-Initiative nominiert wurden. Rund 450 junge Unternehmer hatten sich in dem Wettbewerb beworben, der von der Deutschen Energie-Agentur in Kooperation mit dem Weltenergierat veranstaltet wird. Im September können sich Solarworx und die anderen die Top 100 Start-ups beim World Energy Congress in Abu Dhabi präsentieren.