Stadtentwicklung

In der Altstadt schlägt Spandaus Herz

Die Altstadt bietet Kultur, Handel und Restaurants und wird von Tausenden Menschen besucht. Dennoch sagen viele: Es geht noch mehr.

Die Breite Straße ist in der Altstadt eine der zentralen Einkaufsstraßen.

Die Breite Straße ist in der Altstadt eine der zentralen Einkaufsstraßen.

Foto: David Heerde

Berlin. Wenn der Frühling einsetzt und die Temperaturen steigen, dann kommt das ganze Flair von Spandaus historischer Altstadt zum Tragen. Die Bäume werden grün, Menschen sitzen mit Sonnenbrille auf der Nase an den Tischen der Cafés und Restaurants und schlendern entspannt durch die Straßen, statt hindurch zu eilen.

„Das Ambiente hier ist schon etwas Besonderes“, sagt Uwe Hamann. Er leitet den Havelländischen Land- und Bauernmarkt auf dem zentralen Marktplatz - und sehnt die warme Jahreszeit herbei, wenn das Wetter noch mehr Menschen dorthin treibt.

Täglich kommen rund 30.000 Menschen in die Altstadt

In der Altstadt schlägt das Herz von Spandau. Hier stehen das Rathaus, das Kino, die Volkshochschule und die Stadtbibliothek. Mehr als 300 Geschäfte und Gastronomieangebote finden sich entlang der Straßen, außerdem zahlreiche Arztpraxen und Dienstleister. An sechs Tagen findet, auf dem Marktplatz oder vor dem Rathaus, ein Wochenmarkt statt - ein berlinweites Alleinstellungsmerkmal. Laut Altstadtmanagement kommen täglich rund 30.000 Menschen in Berlins größte Fußgängerzone.

Dennoch sagen viele: Die Altstadt hat mehr Potential als das, was sie zeigt - was die bauliche Struktur betrifft, aber auch im Hinblick auf Läden und Besucher. Die Spandau Arcaden, die vor mittlerweile 18 Jahren eröffnet haben, haben ihre Spuren hinterlassen. Sie werden täglich von 35.000 Menschen besucht, 5000 mehr also, als es in der Altstadt sind. Geschäfte haben sich aus der Altstadt zurückgezogen, der Konkurrenzdruck ist groß. Vor allem jüngere Menschen trifft man heute eher in den Arcaden.

Schwierige Suche nach neuen Händlern für den Markt

Auch für den Havelländischen Land- und Bauernmarkt ist die Situation nicht leichter geworden. Vier Händler, sagt Hamann, seien 2018 weggebrochen. Weil die Betreiber der Stände älter werden, und der Nachwuchs fehlt, die gleiche Entwicklung aber auch beim Publikum passiert. Und dann gibt es da noch das Problem, dass Autofahrer die

Fußgängerzone ignorieren und schon mal auf dem Markt landen.

Dieser habe sich dennoch zu einer Institution entwickelt, sagt Hamann, und ist besonders am Vormittag ein Treffpunkt für Spandauer. „Die Mischung der Stände macht’s“, meint er. Und obwohl manche Händler wegbrechen, kommen auch neue hinzu - zuletzt einer mit Gewürzen und einer mit griechischen Spezialitäten.

Gastronomie in der Altstadt soll bekannter werden

Neue Geschäfte in die Fußgängerzone holen - das ist auch eines der Ziele von Spandaus Altstadtmanagement. Architekt Andreas Wunderlich und sein Team sitzen direkt über der traditionsreichen Konditorei Fester, von den Büroräumen überblickt man den Marktplatz. Wunderlich sagt, die Altstadt habe ein Imageproblem, auch bei einigen Spandauern.

„Es wird gesagt, es gibt keine schönen Läden mehr hier“, sagt er, auch die Gastronomie werde kritisiert. Letzteres zu Unrecht, wie er findet. „Kulinarisch haben wir inzwischen eine tolle Situation hier“, meint Wunderlich, auch internationaler sei das Angebot geworden. Um die Restaurants und Cafés noch bekannter zu machen, ist kürzlich die neue Auflage eines Gastro-Guides erschienen - der vorherige war innerhalb eines halben Jahres vergriffen.

Was die Läden betrifft, sieht das Altstadtmanagement ebenfalls Luft nach oben. Zwar hält sich der Leerstand in Grenzen, dennoch fällt er durch zum Teil prominente Lagen auf. Direkt am Markt gibt es eine große ungenutzte Fläche, in der Carl-Schurz-Straße stehen vier Geschäfte leer. Das Problem seien hohe Mieten, die gerade die erwünschten, kleinen Fachgeschäfte nicht stemmen können, berichtet das Altstadtmanagement.

Bis zu 60 Euro pro Quadratmeter werden in den Hauptlagen verlangt. Dort fallen Billigshops auf, diverse Handyläden, Nagelstudios und Frisöre. Auch an Optikern und Bäckern mangelt es nicht. Einen besseren Branchenmix zu erreichen bleibt ein Ziel für die Zukunft.

Noch mehr Engagement von Unternehmen gewünscht

Nur wenige Schritte vom Altstadtmanagement entfernt befindet sich der Juwelier Brose, der zu den Traditionsgeschäften zählt. 130 Jahre ist es her, dass das Juwelier- und Uhrengeschäft mit Werkstatt öffnete. Katrin Germershausen führt es in der vierten Generation, hat außerdem 1987 eine Goldschmiede und die Galerie Spandow eröffnet, in der Schmuckdesigner ihre Kreationen zeigen, aber auch Ausstellungen und Konzerte stattfinden. 1994 kam noch ein Kunstsalon dazu.

„So etwas mit einem Salon-Charakter fehlte hier noch“, sagt sie. „Das ist eine besondere Atmosphäre.“ Ihre Familie, berichtet sie, habe die Altstadt immer mitgestaltet. Das ist auch ihr wichtig, Ideen hat sie viele. Von manchen anderen Unternehmen würde sie sich dabei mehr Engagement wünschen. „Aber es geht voran“, meint sie.

Versteckte Kunst in der alten Spandauer Stadtmauer

Anders als der kaum zu übersehene Juwelier Brose, liegt die Kunstremise etwas versteckt. Ihr Ort hat dabei ebenfalls eine

lange Geschichte, denn die Kunstremise befindet sich in einem Teil der alten Stadtmauer in der Jüdenstraße. Seit mehr als zehn Jahren werden die 22 kleinen Abteile als Ausstellungsräume von Künstlern und Kunsthandwerkern genutzt. „Es ist ein etwas verschlafenes Eckchen“, sagt Anna Luszczakiewicz, die das Projekt für den Verein Sozial-kulturelle Netzwerke casa leitet. Man müsse das richtige Konzept finden, um die Menschen dorthin zu locken, in diesem Jahr sollen es etwa mehr wechselnde Ausstellungen sein.

Auch Künstlerin Gabriele Lampropoulos schätzt die Kunstremisen. Bei schönem Wetter male sie gerne vor dem Gebäude, in ihrem Abteil zeigt sie die Ergebnisse. Und wenn erst der Sommer kommt, das nahe Café seine Tische und Stühle nach draußen stellt, dann finden auch mehr Besucher wieder ihren Weg zur Kunstremise.

Besucher schätzen alternatives Angebot im „Kaffee 26“

Wer die Haupteinkaufsstraßen verlässt, stößt - etwas unvermittelt, umgeben von einer Frisörkette, einem Nagelstudio und einem Thai-Massage-Salon - auf das „Kaffee 26“. Die Schwestern Janine und Denise Sadowski haben es vor knapp zehn Jahren eröffnet, kurz nach dem Abschluss von Studium und Ausbildung. Die zwei sind gebürtige Spandauerinnen,

dadurch habe es den Bezug zur Altstadt gegeben und den Wunsch, hier etwas zu etablieren, erzählt Janine Sadowski. Rund 20 Kaffee- und Espressosorten aus einer Berliner Rösterei werden angeboten, extra im Sortiment ist die „Spandauer Röstung“.

Auch mit seiner Einrichtung fällt das Café auf: Weil der Vater ein Antiquitätengeschäft betreibt, entstand die Idee, bei den Möbeln im „Kaffee 26“ auf Antiquitäten zu setzen. „Es gibt viele Leute, die sich über unser alternatives Angebot hier freuen“, sagt sie.

Das Café hat sich etabliert und zunehmend würden auch junge Leute zu ihnen kommen, sagt Janine Sadowski. „Das ist auch für uns eine Ermutigung, zu sehen, dass das Konzept hier funktioniert.“ Mehr Mut, das wäre deshalb etwas, was sie sich für die gesamte Altstadt wünschen würde. „Wir haben uns einfach getraut“, sagt Sadowski. Das Potenzial mit der großen Fußgängerzone sei da - der Marktplatz könne aber, etwa für Veranstaltungen abseits der traditionellen Feste, noch mehr genutzt werden.

Spandauer Marktplatz soll umgestaltet werden

Tatsächlich ist vorgesehen, den Marktplatz, zumindest baulich, mehr und besser nutzbar zu machen. Im Rahmen des Förderprogramms „Städtebaulicher Denkmalschutz“, bei dem es bis 2025

bis zu 50 Millionen Euro für die Altstadt gibt, steht der Umbau des Markts auf der Projektliste.

Die Planung soll dieses Jahr mit öffentlicher Beteiligung voranschreiten. Absehbar ist, dass der Pflasterbelag ausgetauscht wird, dass Bäume auf einer Seite fallen, dafür auf der anderen Seite neue gepflanzt werden sollen und dass die Havelwelle verschwindet - die 32 Meter lange Brunnenanlage, deren Sinn und Optik auch unter den Spandauern umstritten ist.

Weitere Umbau- und Sanierungsarbeiten in der Altstadt laufen bereits. Ab dem Herbst ist dann der Reformationsplatz dran. Auch dort soll unter anderem die Bepflasterung angegangen werden, außerdem die Beleuchtung. Altstadtmanager Wunderlich ist froh, dass es bald, an einem öffentlich sichtbaren Ort, in die Umsetzung geht. „Die Leute sprechen mich ja auch an und sagen, du bist schon so lange in der Altstadt und man sieht gar nichts“, erzählt er.

Den genannten Projekten sollen weitere folgen. die Liste im 2015 beschlossenen Entwicklungskonzept ist lang. Wunderlich nennt als Beispiel den Mühlengraben, den historischen Stadtgraben Spandaus. Den, findet er, hätte man längst zu einer Landschaftsanlage herrichten müssen. Noch liegen in der Altstadt manche Schätze brach, meint Wunderlich. Das soll sich ändern.

Die Geschichte der Spandauer Altstadt

Das Ursprünge der Altstadt gehen bis ins 13. Jahrhundert zurück. Ab dem Jahr 1232, als Spandau zum ersten Mal als Stadt erwähnt wurde, entwickelte sie sich zum wirtschaftlichen Zentrum. Grundriss und Straßenverlauf sind bis heute weitgehend erhalten geblieben, für die historische Gebäudestruktur gilt das weniger. Bei Bränden und während Kriegen wurde vieles zerstört, insbesondere während des Zweiten Weltkriegs, bei dem ein Luftangriff 1944 auch den Marktplatz traf.

Beim Wiederaufbau nach Kriegsende und während der 60er- und 70er-Jahre wurde den historischen Strukturen wenig Bedeutung geschenkt. Dennoch, einige Gebäude aus unterschiedlichen Bauepochen blieben erhalten. Nennenswert ist das Gotische Haus, dessen Bau schon im 15. Jahrhundert begann und das damit als ältestes Bürgerhaus Berlins gilt. In der Fischerstraße befindet sich ein Barockhaus aus dem Jahr 1760 und am Viktoria Ufer ist heute noch ein 116 Meter langer Rest der Stadtmauer aus dem 14. Jahrhundert zu sehen.

Mehr über den Bezirk Spandau lesen Sie hier.